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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 3 (February 10, 1951)

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Page 3


Sechsundzwanzig Arme, ein Seil, eine gemeinsame Kraftanwendung, und das Seil
ruckt na(h. So schaffen diese Arbeitei ihr \\ eLk. Es sei
Beispiel! Wenn alle Werkt"tigen, ob alt oder jung, Frau oder Mann zusammenstehen,
dann wird unser Werk gelingen.  F-,t.o Ardi;
M¸ssen Briefk–sten so sein?
Eine ganze Seite widmete die Jugendzeit-
schrift des DGB, ãAufw"rts', in der Num-
mer 1 dem im Jahre 1890 geborenen Schrift-
steller Kurt Tucholsky. Wer aus der Litera-
tur Tucholsky kennt, weiþ seine Gedanken
und sein Wollen zu w¸rdigen. Wir als junge
Nachwuchsbeamte der Deutschen Bundespost
h"tten aber statt dieser (heute ungl¸cklich)
gew"hlten Zeitkritik von vor etwa 20 Jahren
etwas Zeitentsprechenderes von Tucholsky
f¸r pasend gefunden.
Wir d¸rfen einmal fragen, ob die Schrift-
leitung des Aufw"rts' inzwischen bemerkt
hat, daþ die Beamten der DB-Post und ins-
besondere die Nachwuchskr"fte der D-B-Post
sich in einer Gesamtzahl von 190 000 organi-
sierten Kolleginnen und Kollegen aller Lauf-
bahnen in der Deutschen Postgewerkschaft
zusammengefunden haben, um mit ihr das
Ziel der Demokratisierung der Verwaltung
zu erreichen? Wir wollen uns hier nicht mit
der Kritik Tucholskys von vor etlichen Jahren
auseinandersetzen. Beileibe nicht. Aber wir
wollen, um falsche Bilder und Vorstellungen
bei den jungen Kollegen in der Industrie zu
verh¸ten - das sollte eigentlich Deine Auf-
gabe sein, Kluften zu ¸berbr¸cken helfen-,
darauf hinweisen, daþ wir als junge Ge-
werkschaftskollegen der Post, zusammen mit
den gleich uns im DGB organisierten Jugend-
lichen den Kampf der gewerkschaftlichen
Forderungen des DGB ausfechten.
Wir gewerkschaftlich organisierten Nach-
wuchsbeamten der DB-Post vertreten bei
weitem nicht die Z¸chtung der Interessen-
losigkeit. Nein! Wir fordern ein demokra-
tisches Beamtengesetz, welches entsprechend
dem Grundgesetz dem T¸chtigen freie Bahn
gew"hrt. Unser Kampf um das Mitbestim-
mungsrecht legt Zeugnis ab von unserem
fortschrittlichen Denken.
Trotz der herrschenden Notlage in den Krei-
sen unserer jungen Kollegen haben wir
unsere ganzen Kr"fte zum Aufbau einer
Demokratie zur Verf¸gung gestellt.
Wir d¸rfen an dieser Stelle einmal darauf
hinweisen, daþ ein junger Beamter der DB-
Post im Vorbereitungsdienst, nachdem er
seine Lehrabschluþpr¸fung nach dreij"hriger
Lehrzeit bestanden hat, nicht mehr als 110 DM
Unterhaltszuschuþ bekommt. Allen Arbeitern
sind Lohnerh–hungen zugestanden worden.
Uns wurde unsere Forderung vom Finanz-
ministerium auf Erh–hung des Einkommens
abgelehnt. Auch unsere Lebenshaltungs-
kosten haben sich erh–ht.
Nachdem nun, verehrter Aufw"rts', Du
solches ohne Kommentar ¸ber die B¸hne
hast gehen lassen, glaubten wir, Dir dieses
einmal unterbreiten zu m¸ssen. Solche Ver-
–ffentlichungen, den Phantasien einzelner
¸berlassen, tragen nicht zum Guten bei.
Auch wir geh–ren der Gew-erkschaftsjugend
im DGB an. Wir wollen hoffen, daþ Du
unseren Problemen in der Zukunft Raum
geben wirst.
Nicht gegeneinander, sondern miteinander,
Arbeiter, Angestellte und Beamte, einig wol-
len wir sein im Kampf um die gewerkschaft-
lidcen Forderungen.
Mit kollegialem Gruþ Paul Kubicki.
Entgegen unserer sonstigen Gepflogenheit
geben wir nur der kritischen Stellungnahme
zum Beitrag von Kurt Tucholsky Raum. Wir
erhielten acht Zuschriften, diei im Sinne des
Kollegen Kubicki und f¸nf, die die Skizze
als einen Angriff gegen die B¸rokratie be-
gr¸þten.
Hierzu einige Worte: Um was geht es in
dem Beitrag von Tucholsky, doch nur um den
Kampf gegen den B¸rokratismus, der in allen
Amtern, Beh–rden, Verwaltungen, ja manch-
mal bei den Gewerkschaften zu finden i.t
Die Briefk"sten sind nur ein Beispiel. Man
h"tte an dessen Stelle genau so gut ein
anderes aus einer anderen Verw.valtung w"h-
len k–nnen. Oder, wie es erst unsere Ab-
sicht war, Titel und Inhalt des Beitrages zu
"ndern und dann fragen: Warum sind die
neuen Briefmarken so h"þlich? Gegen die
geplanten neuen Briefmarken hat die Bundes-
tagsfraktion der CDU einm¸tig Stellung ge-
nommen. Kann da ein Mensch auf den Ge-
danken kommen, die ganze Postbeamten-
schaft f¸r die schlechten Marken verantwort-
lich zu machen? Nein! Und doch ist irgendwo
Sand im Getriebe. Und wieder allgemein ge-
sprochen, ¸berall gibt es   irokratisierte
Zimmer, in denen Zugluft unri Aufgeschlos-
senheit fehlt. Darum geht es. Das ist, was
Tucholsky sagen wollte, und es sei gesagt, er
hat auch manche Lanze f¸r die Bearmten ge-
brochen. Noch eines ist zu sagen. Zu jeder
Zeit haben wir die Verdienste der schaffen-
den Menschen, gleich ob Beamter oder Bau-
arbeiter, um den Wiederaufbau gew¸rdigt,
und zwar ohne Einschr"nkungen nach irgend-
einer Berufsschicht hin, aber wenn nun etwas
kritisch betrachtet wird, und es hetrifft ein-
mal einen Straþenh"ndler, dann ist doch da-
mit nichts gegen die Straþenh"ndler in ihrer
Gesamtheit gesagt. Ich bin der Meinung,
jeder Berufsstand sollte so selbstkritisch sein,
die M"ngel und Fehler im eigenen Bereich
zu erkennen. Niemand kann sich in seiner
Berufsehre gekr"nkt f¸hlen, wenn er zugibt,
dies oder jenes k–nnte anders oder besser
sein. Dann fehlt uns noch eines  ¸ber uns
selbst lachen zu k–nnen.           H. T.
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