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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 8 (April 21, 1951)

Baum, Vicky
Sitzstreik in Acron,   p. 10


Page 10


VIC KY B A U M
Als der Sitzstreik begann, arbeitete ich in
der Nachtschicht, und ich bin froh, diesen
Augenblick nicht verpaþt zu haben. Das war
etwas, was man nicht vergiþt, und wenn man
hundert Jahre alt wird. Es war die Parole
ausgegeben, daþ es Punkt zwei Uhr nachts
beginnen sollte, und von Mitternacht an
waren wir alle gespannt und erhitzt wie
Transmissionsriemen. Es ist etwas Seltsames
mit einer Werkstatt, die auf vollen Touren
l"uft. Man schaut den Mittelgang hinunter,
und wenn man sehr m¸de ist, wird einem
davon im Kopf leichter, und manchmal sieht
man dann die Dinge ganz klar wie in einem
Traum. Man sieht blitzartig, daþ die Maschi-
nen leben, daþ aber die M"nner, die sie
bedienen, tot sind. Die Maschinen l"rmen, sie
gl"nzen, bewegen sich, kreischen und tanzen,
sie haben Launen und tolle Einf"lle - sie
leben. Aber die Arbeiter sind still, ihre
Lebensgeister sind erloschen, sie bewegen
sich nicht wie Menschen; man hat ihnen alle
,unn¸tzen tHandgriffe" ausgetrieben, und sie
bewegen sich wie leblose Automaten. Manch-
mal "ngstigte es mich, ¸ber die Halle
hinauszuschauen und all diese toten Men-
schen arbeiten zu sehen. Aber in jener Nacht,
Punkt zwei Uhr, geschah etwas, was das Bild
v–llig ver"nderte. Punkt zwei Uhr bradchten
alle Reifenmacher im f¸nften Stock des Ge-
b"udes ihre Trommeln zum Stehen und
traten zur¸ck. Und Mike Kern, der Taub-
stumme, ging zur Wand und riþ den Hebel
heraus, die Transportb"nder blieben stehen,
und es wurde still. Jahraus, jahrein waren
die B"nder gelaufen, Tag und Nacht, Tag
und Nacht hatte die Fabrik unausgesetzt
gel"rmt, und nun hatte ein Taubstummer
alles zum Schweigen gebracht. N'like Kern
sah, wie er da drunten am Ende der Halle
stand, furchtbar klein aus, aber die Stille
war lauter als der lauteste Donner, die
Maschinen lebten nicht mehr, und all die
Toten in der Reifenhalle waren in diesem
Augenblick wieder lebendig geworden.
In jener Nacht hatte es zu schneien be-
gonnen, und in den n"chsten vierzehn Tagen
wurde es zusehends k"lter, aber die Kette
der Streikwachen schloþ sich dicht um die
Summit Rubber, audh als die Temperatur
auf elf Grad unter Null ging und man die
M"nner jede Stunde auftauen muþte. Sie
unterhielten sozusagen Lagerfeuer und hatten
sich aus alten Kisten und Pappendeckeln
H¸tten gebaut, und die Frauen brachten
unerm¸dlich heiþen Kaffee f¸r die Streik-
wachen. Jim Morton geh–rte dazu. Als der
DIE VERLORENE ZEIT
Vor dem Tor zur Fabrik
H"lt der Arbeiter pl–tzlich an
Das sch–ne Wetter hat ihn am Rock gezupft
Und als er sich umwendet
Und die Sonne betrachtet
Die rot leuchtet und blendet
L"chelnd im bleigrauen Himmel
Zwinkert er ihr vertraulich zu:
Sag Kamerad Sonne
Meinst nicht auch du
Man sollte sich verdammt bedenken
Einen solchen Tag
Dem Chef zu schenken?
Jacques Prevert
Aus dem Bandchen Gedichte, erschienen ini Ernst-
Rowohit-Verlag Aus dein Franz–sischen Ðbersetzt von
Kurt Kusenbera
Kampf zwischen uns und der Gesellschaft
seinen H–hepunkt erreichte und es so aus-
sah, als w"ren wir auf einem toten Punkt
angelangt, sah ich Jim ein-, zweimal w"h-
rend der schlimmsten K"lte. Er hatte sich
zwei Bettdecken ¸ber die Lederjacke ge-
wickelt, trug eine alte M¸tze mit Ohren-
klappen und hohe Gummistiefel, die mit
Zeitungspapier ausgestopft waren  -   so
stapfte er ununterbrochen vor Tor acht hin
und her. Und in seinem Gesicht sah ich
etwas, was ich in einem menschlichen Ge-
sicht seit den Tagen, da wir den Sch¸tzen-
graben bei Soissons - das war 1918 -
genommen hatten, nicht mehr gesehen hatte.
Wir waren ganz richtig mitten in der
Schlacht, es galt zu siegen oder zu sterben,
das wuþte Jim, und er war ein guter Soldat.
"Wie geht's, Jim?' rief ich ihm zu.
"Alles unter Kontrolle, Junge!" rief er
zur¸ck.
"Halt nur die Kette geschlossen, Jim!"
ãDarauf kannst du dich verlassen."
Ein paar Tage nachher lieþ die K"lte nach,
und der Streik dauerte weiter. Der alte
George Tyler weigerte sich, mit den Leuten
zu verhandeln. Er saþ in der Mahogany Row
wie ein General in einer belagerten Festung,
bis man ihn auf einer Tragbahre hinaus-
tragen muþte. Er war ein hartn"ckiger alter
Schurke und verstand nicht, was vorging.
Nun regnete es, und Jim war erk"ltet,
machte aber nach wie vor seine Runde in
der Streikpostenkette; er nahm sich keine
Zeit, die Nase zu putzen oder auf die
Toilette zu gehen, als st¸nde er noch an
der Arbeit und m¸þte mit Minuten rechnen.
Das h"tte er vom Speed-up (Antreiberei,
Akkord) gelernt.
,Wie steht's, Jim?'
ãAusgezeichnet!" kr"chzte er - er hatte
gar keine Stimme mehr.
"Diesmal kriegen sie uns nicht unter!"
ãNein - wenn wir es verhindern k–nnen."
Die zweite Woche ging zu Ende. Jun fieberte
und ging noch immer in die Bettdecken ge;
h¸llt, denn er fr–stelte, auch als die Sonne
wieder zu scheinen anfing. Seine Augen
waren ger–tet, sein Gesicht gl¸hte, und er
ging in einem Nebel umher wie ein Betrun-
kener. Die Herren in der Mahogany Row
waren dem Zusammenbruch nahe, und Mr.
Baldwin schickte uns Nachricht, er sei bereit,
unsere Vertreter zu empfangen, unter der
Bedingung, daþ wir die Blockierung der
Tore einstellten. Als wir die Streikposten
einzogen, war es gerade hohe Zeit, daþ Jim
Morton heimging. Im Augenblick, da er ins
Bett kam, delirierte er bereits, und Connie
schickte nach Dr. Bierce. "Lungenkongestion',
sagte der Arzt. "Es wird vielleicht gut
sein, wenn sich seine Familie in der N"he
aufh"lt.'
Zum letzten Male sah ich Jim am Tage vor
seinem Tod. Ich kam geradeswegs aus einer
Konferenz bei der Summit und wollte, daþ
Jim der erste sei, der die guten Neuigkeiten
h–rte. Er lag im Bett und sah so lang aus,
als ob seine sechs Fuþ zwei kein    Ende
n"hmen. Er schien   Atembeschwerden   zu
haben, und Connie sagte, er solle nicht
sprechen. Aber er war bei klarem Bewuþt-
sein und verstand genau, worum es sich
handelte.
,Wie geht's, Jim?"
,Fein. Wie steht unsere Sache?"
"Wir siegen, Jim."
,Soo?S
"Jawohl. Diesmal haben wir's ihnen ge-
zeigt. Von heut' an geht alles ganz anders.'
"Jaa", sagte er befriedigt.
In seiner Brust war ein Ger"usch wie in
einem Topf brodelnder, dicker Suppe, und
das Sprechen machte ihm M¸he.
,Das Speed-up . .   sagte er. Ich verstand
ihn kaum.
"Was ist mit dem Speed-up?" fragte ich.
"Nicht mehr..." sagte er. ãNicht mehr..."
,Nein. Kein Speed-up mehr. Jedenfalls nicht
mehr, als wir leisten k–nnen. Achtstunden-
tag, keine Entlassungen, keine Lohnk¸r-
zungen ohne Schiedsgericht. Von nun an
werden wir ¸ber die Arbeitsverh"ltnisse
ein Wort mitzusprechen haben", sagte ich.
Er l"chelte, aber es war kein richtiges
b"cheln; seine Lippen waren zersprungen,
erst von der K"lte und nun vom Fieber.
Er murmelte etwas, was ich nicht verstehen
konnte.
,Er spricht von Kennie", sagte Connie. "Er
m–chte, daþ der Junge zur¸ckkomme.'
"Na, warum kommt er nicht?'
"Kann er denn? Er ist auf einem Schiff, das
direkt nach Sumatra f"hrt."
ãIch verstehe."
,Ja, und ich bin froh, daþ er diese letzten
Wochen nicht da war.'
,Ich auch", sagte ich. Ich h"tte Jim gern
irgendeine  Freude gemacht, wuþte   aber
nicht womit. Ich t"tschelte seine H"nde, die,
sauber gefaltet, ausruhend auf der Bett-
decke lagen. Diese Bettdecke erkannte ich:
es war dieselbe, in die er w"hrend des
ganzen  Streiks  eingewickelt  ging. "Die
Jungen w¸nschen dir, daþ du rasch mit
dieser Erk"ltung fertig wirst, damit du mit
uns die Wiedereinstellung der zweihundert
feiern kannst!' sagte ich.
ãGewiþ", sagte er, gewiþ. Sag' ihnen, ich
werde kommen."
Aber er kam nicht.
Nun, das ist alles, was es von Jim Morton
zu erz"hlen gibt. So hat er gelebt, und so
ist er gestorben.
Wir wollen Jim Morton nicht vergessen.
Wir wollen sein Ged"chtnis lebendig erhal-
ten, denn wenn wir verg"þen, welcher Sinn
im Leben und Sterben eines Kameraden wie
Jim Morton steckt, dann w"ren wir alle ver-
loren, und das Land mit uns.
Diese Schilderung des Sitzstreiks in den weltber¸hm-
ten Gummiwerken von Acron, der der erste seiner
Art war und sp"ter uinter anderem bei den Pariser
Warenhausstreiks Schule machte, ist dem in der
Schweizer B¸chergilde Gutenberg erschienenen Buch
.Kautschiuk' von Vicky Baum entnommen.
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