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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 23 (November 18, 1950)

Dohrenbusch, Hans
George Bernard Shaw,   p. 11 PDF (787.0 KB)


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EINER WARTET AUF EIN SCHIFF
George Bernard Shaw t
D)er Tod hat ihn gebeugt. Sonst nichts auf
dieser Welt. Nicht die herrschende Un-
gerechtigkeit, gegen die er zeit seines Lebens
engek"mpft hat; nicht die Vorurteile der
Menge; nicht die Isolierung in seinem Mutter-
land, die erst gebrochen wurde, nachdem er
die deutschen B¸hnen eroberte. Von den
Spielpl"nen der deutschen B¸hnen war und
ist er nicht mehr wegzudenken.
Ein Dichter! Und mehr. Ein seltener Mensch,
der mit der Waffe des Geistes anst¸rmte
gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt, der
die L¸ge und die Phrase ihres schillernden
Gewandes entkleidete, dei sich aber mit der
Ablehnung nidct begn¸gte, sondern Wege
aufzeigte, wie das Leben der einzelnen und
uei V–lker freier, gerechter und w¸rdiger
zu gestalten sei.
Groþ ist das Werk Shaws. Nicht nur an
Gedanken, sondern auch an Zahl. Mehr als
f¸nfzig B¸hnenwerke hat er der Welt ge-
schenkt, dazu ein Werk   Wegweiser der
intelligenten Frau zum  Kapitalismus und
Sozialismus", das Ramsay Macdonald in
seiner Bedeutung neben die Bibel stellte.
Ein Licht erlosch; gespeist war es von der
sittlichen Entr¸stung des Herzens, gekl"rt
von einem seltenen und ¸berragenden Geist.
Talent und Fleiþ hoben sein Werk in die
Gefilde der groþen Kunst.
W'enn ein solcher Mensch, dessen Leben
immer und nur der H–herentwicklung der
Menschheit gedient hat, diese Erde verl"þt,
dann hat er sein Werk zuerst denen ver-
macht, die seine Gedanken weitertragen und
daf¸r k"mpfen sollen.
Immer und ¸berall ist es die Jugend aller
V–lker.                   Hans Dohrenbusdi
Einer wartete auf ein Schiff. Er war noch
sehr jung, gerade der Schule entwachsen, die
er mit dem Gef¸hl der Erleichterung ver-
lassen hatte. Nicht eigentlich, weil er das
Lernen nicht mochte. Das war ihm sogar gut
gelungen, wie das Zeugnis der Reife, das man
ihm mit auf den Weg gegeben hatte, bewies.
Ihm w urde es einfach zu eng in der Schul-
stube, und auch daheim, obwohl hinter dem
Haus der Mutter ein groþer Garten lag, in
dem er nach Herzenslust tollen konnte. Aber
das war es nicht, wonach er sich sehnte. In
seinen Knabentr"umen schon war immer
wieder das groþe Segelschiff aufgetaucht, das
er nun suchte. Darin verbarg sich seine Sehn-
sucht nach Freiheit und Weite. Er nannte
das anders: Ich muþ ein Schiff haben! Ich
will zur See!" Aber er meinte damit doch
nichts anderes als die Sehnsucht seiner Kin-
derzeit, die nun klarere und festere Z¸ge
bekommen hatte, wie auch sein Antlitz stren-
ger und m"nnlicher geworden war, als ihm
eigentlich nach seinen Jahren zukam.
Aber das sp¸rte er bald: man muþ warten
k–nnen. Das war nicht so einfach. Denn auf
dem Hleuerb¸ro saþen in dem dicken Tabak-
qualm tagein, tagaus viele junge Menschen,
die ebenso wie er darauf warteten, daþ ein
Schiffer kam und sie anheuerte. Der Baas
hatte ihn in seine Liste aufgenommen und
gemeint: äBei Gelegenheit wird es sich schon
machen!' Aber das war ein unbestimmter
Begriff, an den der Mann hinter seinen Listen
kaum noch dachte, wenn sich sein Warteraum
in der Fr¸he des Tages immer wieder erneut
mit jungen Menschen f¸llte, denen er gleiche
Worte sagen m¸þte: Noch nicht! Warten!'
Andere hatten es besser Die waren gleich
nach Ostern in die Lehre gegangen und
maþen ihre Kr"fte bereits seit Wochen an
der neuen Pflicht. Manchmal traf er sie, wenn
er abends von seinem Posten auf dem Heuer-
b¸ro zur¸ckkehrte. Dann berichteten sie unge-
fragt mit der Hochm¸tigkeit der Halbfertigen
von ihrem Tageslauf. Das schmerzte immer
so ein wenig, wenn man das auch nicht gerne
zugab und lieber eine gleichg¸ltige Miene
aufsteckte, als den ehemaligen Kameraden
von der Hoffnungslosigkeit des Wartens zu
erz"hlen. Denn so ein Heuerb¸ro ist kein
Sanatorium! -- Gewiþ nicht! Es war gerade
darin zum Aushalten. Mehr nicht. Und dann
muþte man schon gute Nerven haben. Die
brauchte man auch als Fahrensmann.
G. B. 5. sprach ...
Gegen Ende des letzten Jahrhunderts kam
in London ein j¸ngerei Autor mit dem Manu-
skript seines ersten Theaterst¸ckes zu einem
seiner groþen Vorbilder.
,Hier mein Rat, junger Mann', antwortete
einige Zeit sp"ter der ber¸hmte Schriftsteller
dem sch¸chternen Anf"nger, geben Sie das
Schreiben auf, suchen Sie sich einen Beruf.
In der Literatur werden Sie es nie zu etwas
bringen.' - Der J¸ngling hieþ Bernard
Shaw   und  das  groþe  Vorbild  George
Meredith.
Eine literaturs¸dctige Dame brachte Bernard
Shaw einen Roman mit der Bitte um ein
Gutachten.
Acht Tage sp"ter schickte Shaw das Manu-
skript mit einer ironischen Kritik zur¸ck.
,Sie haben den Roman ¸berhaupt nicht ge-
lesen", schrieb die Verfasserin in einem
w¸tenden Brief. ich hatte absichtlich einige
Seiten des zweiten Kapitels zugeklebt."
Worauf Shaw antwortete: "Wenn ich ein
Ei aufschlage, brauche ich es auch nicht
Jeden Morgen, wenn der Junge sich aus dem
Bett erhob, durchrieselte ihn neue Kraft. Und
seine Brust f¸llte sich mit Zuversicht. Heute!"
sagte er zur Mutter und nickte ihr sieges-
sicher zu. Sie gab sich M¸he, mit ihm zu
hoffen, und tat immer so, als wenn sie dar-
an glaubte. Abends hieþ es dann: Heute war
ein anderer dran!' Sie waren alle miteinan-
der Konkurrenten auf dem Heuerb¸ro gewor-
den, denn jeder wartete darauf, abberufen
zu werden. Manchmal sprach ein Schiffer ein
paar Worte mit ihnen. Dann streiften sie ihre
zur Schau getragene Gleichg¸ltigkeit ab und
strafften sich. Jeder gab sich so, als s"þe er
in einem Examen. Manchmal war das auch
so, denn es kam vor, daþ ein Kapit"n sich
seinen Jungen aussuchte. Sie verabschiede-
ten sich dann von dem Gl¸cklichen mit eini-
ger Aufregung und hofften weiter. Hofften
von Tag zu Tag.
Die Mutter f¸hrte indes sorgenvolle Ge-
spr"che mit Leuten, die ihr zuh–rten und
manchmal auch mit Vorschl"gen oder Vor-
w¸rfen nicht sparten. "Zur See? -Solch ein
Unsinn! Lassen Sie ihn ein Handwerk lernen!
Wann soll der Junge denn Arbeit bekommen
in diesen Zeiten?' .Er m–chte aber gern zur
See!' "Hm. Ja, aber er ist doch noch nicht
vollj"hrig. Noch haben Sie doch wohl als
Mutter zu bestimmen!' Von diesen Gespr"-
chen erfuhr der Junge nichts. Aber er verriet
der Mutter auch nicht, daþ er selbst immer
unruhiger wurde. Daran "nderte auch die
kurze Pfeife nichts, die er seit seinem ersten
Gang zum Heuerb¸ro immer bei sich f¸hrte
und die inzwischen l"ngst eingeraucht war.
Das Warten kostete auch manches Paket
Tabak.
"Na, mein Junge?" "Wieder nichts! - Aber
es muþ nun bald soweit sein!" Es vergingen
dann aber wieder einige Wochen. Der Sommer
stand vor der T¸r. Der Junge konnte sich
dar¸ber gar nicht mehr freuen. Er war sehr
still geworden. Die Nachbarn steckten schon
die K–pfe zusammen und wisperten:" Dieser
groþe Schlaks! Immer hat er noch nichts!
Liegt der Mutter auf der Tasche!' Aber dann
riþ er eines Mittags bereits die T¸r auf und
st¸rzte in die Stube. XMutter! Heute abend
geht es los! Nach England! -Nun aber ran!"
Der Seesack stand schon lange fertig gepackt
bereit. Bald waren seine Sachen klar.
Am Abend stand die Mutter am Hafen. Sie
winkte und dachte bei sich: rWie ist das
alles nur so schnell gegangen!'  Hans Bdhrs
ganz aufzuessen, um zu merken, ob es
schlecht ist.'
Ein junger Dichter ¸bersandte Shaw ein Ge-
dicht mit der Bitte, es offen und ehrlich zu
kritisieren, und zwar m–glichst bald, denn
ich habe noch andere Eisen im Feuer.'
.Lieber junger Freund', schrieb Shaw zu-
r¸ck, "ziehen Sie die Eisen zur¸ck und tun
Sie die Gedichte an ihre Stelle."
Als Shaw einmal gebeten wurde, sich an
einer Rundfrage ¸ber die Ehe zu beteiligen,
schrieb er:
"Kein Mann kann seine Meinung ¸ber die
Ehe aufrichtig sagen, solange seine Frau
noch lebt, es w"re denn, daþ er, wie Strind-
berg, seine Frau haþt. Ich aber liebe meine
Frau.'
I Premierminister und Oberfeldherren ver-|
sinken nach kurzem Ruhm in der Dunkel-
heit. Aber Euripides und Aristophanes,
!Shakespeare und Moliere, Goethe und
Ibsen bleiben unersch¸ttert auf ihrem
iewigen Thron.                        |
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