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The History Collection

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Jahrgang 3, Nr. 9 (May 6, 1950)

Artur, Georg
Zwei auf der Lok,   p. 10


Page 10


Damals arbeitete ich auf dem Wipperboden
des Karlschachtes. Wenn die F–rderung aus-
setzte und nichts Besseres f¸r mich zu tun
war, dann ging ich hinunter zum Lokomo-
tivschuppen. Dort standen die groþen eiser-
nen Tiere, deren Bauch mit Dampf gef¸llt
wurde. Dieser Maschinenraum hatte etwas
so ungemein Anziehendes f¸r mich, daþ ich
es trotz Verbotes immer wieder unternahm,
in das Heiligtum vorzudringen, mir ging es
wie einem armen Jungen, der einen ver-
stohlenen Blick in die bunte Welt des Zir-
kusses werfen durfte.
Eines Tages erwischte mich der Maschinen-
meister.
ãWas suchst du hier?' fragte er barsch.
Da ich nun einmal Gelegenheit hatte, mit
ihm zu sprechen, sagte ich, daþ es mir die
eisernen Tiere angetan haben.
ãDrauþen bei Holtenau war ich mal Heizer
auf so 'ner kleinen Hitsche, nun komme ich
nicht mehr richtig los davon! So ist es, Ma-
schinenmeister!'
.So so!' machte er, und das klang gar
nicht unfreundlich. Du warst mal Heizerl
Das kannst du mir wohl beweisen, nicht
wahr?"
Ich lachte frech: Wenn Sie mir Gelegenheit
dazu geben!'
Auch der Maschinenmeister lachte, aber auf
seiner Stirn stand eine steile Falte.
ãStell es dir nicht so leicht vor, Bruderherz!
Ich verlang' was! Und wehe dir, wenn du
mir was vorgeschwindelt hast!'
Schon am andern Morgen sagte ich meinen
Br¸dern vom Wipperboden ade und ging
mit gebl"hten Segeln ins Maschinenhaus, wo
ein Heizer ausgefallen war.
Nun ist es ja wahr, so eine Lok will mit
Liebe umhegt und gepflegt sein. Mit einem
verdreckten Injektor kriegt man keinen
Tropfen Wasser in den Kessel, und wenn
auf Lagern und Pleuelstangen die Speck-
schicht mit 'nem Spachtel abgehoben werden
kann, dann n¸tzt auch die beste Olkanne
nichts.
Sie stellten mich auf die ãBertha".
Die Lok war in einem s¸ndhaften Zustand.
Der Maschinenmeister stand neben mir und
l"chelte, mich mit einem merkw¸rdigen Blick
betrachtend.
ãSo, nun mach mal das Biest lebendig! Wenn
du acht Atmosph"ren draufkriegst, dann bist
du mein Mann!'
ãDas hoffe ich fertigzubringen! Nur m¸ssen
Sie mir noch einen Tag Zeit geben, Maschi-
nenmeister! Die ªBertha´ bedarf erst einer
gr¸ndlichen Reinigung. Jetzt kann man ja
den Bremshebel nicht vom Manometer unter-
scheiden! '
fber c20 1
Mein Einwand schien dem Maschinenmeister
einzuleuchten. Er nickte mir wortlos zu und
verschwand. Ich machte mich sogleich an die
Arbeit und begann erst einmal, alle Blank-
teile und alle Armaturen zu reinigen. Als
ich abends aus dem Eisen herauskroch, war
ich kaum einem Menschen mehr "hnlich. Die
.Bertha' aber erstrahlte in einem neuen
Glanz.
Heine Bolder, mein Maschinist, besah sich
die Sache und schien nicht unzufrieden mit
Zeidinunq: A. Faust
dem, was er sah. Er war ein schweigsamer
Mensch und nickte mir nur freundlich zu.
Dies war die h–chste Ÿuþerung seiner Zu-
friedenheit.
Am andern Morgen trieb es mich schon um
f¸nf Uhr zu meiner "Bertha" hinaus. Ich legte
ihr ein nettes Feuerchen unter den Bauch,
und bald sangen die D"mpfe ihr summendes
Lied. Der Manometerzeiger begann zu zittern,
als traute er dem Frieden nicht, dann aber
kroch er doch mit gem"chlicher Ruhe ¸ber
die Eins hinaus, kletterte und kletterte, und
ich konstatierte mit heimlichem Triumph
diese Tatsache.
Nun begann ein Summen und Brummen, wie
ein gewaltiger Kampf im Innern des
Kessels. Der Manometerzeiger kroch von
Marke zu Marke. F¸nf -sechs - sieben -
acht -. Das w"re geschafft! Wie erfreute
es mein Heizerherz! Aber mein Ehrgeiz
strebte nach H–herem! Noch vier Atmo-
sph"ren waren es bis zur roten Marke! Die
Herren sollten staunen!
Neun Atmosph"ren!
Ich feuerte wie ein Teufel in der H–lle, lieþ
das Dampstrahlgebl"se hineinfahren in die
Glut.
Merkw¸rdig! Der Stand des Manometers
blieb unverr¸ckt auf der Neun hocken. Ich
horchte in alle Ecken und Winkel, irgend-
woher kam ein fremdes, fauchendes Zischen.
Mir fing die Sache an, ungem¸tlich zu
werden. Dieses feindselige Zischen war das
ganze Geheimnis, warum der Zeiger so stur
auf der Neune hocken blieb. Voll Ingrimm
riþ ich wieder die Feuert¸r auf, und da sah
ich die Bescherung! Die Siederohre waren
undicht! Das Kesselwasser spritzte nur so in
mein sch–nes Feuerchen.
Zu allem Uberfluþ kam auch noch der Ma-
schinenmeister zu mir herauf und grinste
mich an.
.N' Morgen, Clemens! Na, wie steht's?'
Ich muþte wohl einen recht trostlosen Ein-
druck auf ihn gemacht haben, er pr¸fte
den Wasserstand, warf einen Blick auf das
Manometer und sah mich an mit einem ver-
wunderten Blick.
.Na, Mensch, das geht doch in Ordnung!
Neun Dingerl Das ¸bertrifft meine k¸hnsten
Erwartungen!'
Auch Heine Bolder kam herauf. Nickte. Und
der Maschinenmeister sagte zu ihm: ,Der
Clemens, das ist dein Heizer! Macht's gut,
ihr zwei!'
Wir waren dann allein, und Heine stopfte
sich eine Pfeife Tabak.
.Mit neun Atmosph"ren k–nnen wir nicht
fahren!" sagte ich seufzend. Er klopfte mir
auf die Schulter. ãDas ist doch kein Bein-
bruch! Ich habe am Zylinder noch etwas zu
tun, da hilfst du mir bis Mittag, dann b–r-
delst du die undichten Sieder–hren!'
So machten wir es dann auch. Ich riþ das
Feuer heraus und kroch mittags mit B–rdel-
eisen und Hammer in die heiþe Feuerbuchse
und h"mmerte hurtig drauflos. Es war
eine h–llische Arbeit, aber sie gedieh zu
meiner eigenen Freude. Heine steckte
manchmal seinen Kopf zu mir herein und
nickte mir l"chelnd zu . . .
Am andern Tag lief die Bertha' wie ein
Davidchen. Nun war es eine Lust, Heizer
zu sein. Wir fuhren nach dem Abraum des
Braunkohlenwerkes. Sechs groþe Kipploren
hingen an der Maschine, wir schoben die
Wagenschlange unter die F¸llvorrichtung
des groþen Abraumbaggers. Der kr"chzte
und br¸llte. Mit seinen Schaufelz"hnen fraþ
er die Erde, und in wenigen Minuten waren
alle Wagen gef¸llt.
Die Fahrt nach der Kippe, wohin wir den
Abraum zu bringen hatten, war ein Kunst-
st¸ck f¸r sich. Auf der einen Seite g"hnte
der tiefe Grund der braunen Kohle. Wenn
der Regen die Erde aufgeweicht hatte, dann
gaben die Schienen dem B"rendruck unseres
Zuges r¸cksichtsvoll nach, und die ,Bertha'
neigte sich manchmal ganz bedenklich auf
die Seite. Erst war es mir recht ungem¸tlich,
aber da mein Maschinist, dieser schweig-
same Heine Bolder, nichts sagte und mir nur
l"chelnd zunickte, gew–hnte ich mich an
diesen Zustand. Wir sind auch im Verlaufe
einer ziemlich langen Zeit nur zweimal um-
gekippt, und das geschah Gott sei Dank nicht
am Abraum, sondern im Loch, wo die Sache
nicht allzuviel Schaden anrichten konnte. . .
Es war eine sch–ne Zeit, das Leben auf
der Lok.
Nur Heine Bolders schweigsames L"cheln
"rgerte mich zuweilen . . .  Georg Artur.
Die Rache der "Njai"
Die Njai (inl"ndische Haush"lterin) hatte
in Erfahrung gebracht, daþ ihr ãTuan' seine
Gunst einer anderen zuwandte. Noch dazu
einer Frau aus niederer Kaste. Als die in
solchem Falle ¸blichen Mittel nicht halfen
(.Besprechungen', ãLiebestr"nke' usw.), griff
sie zum Gift.
Es gibt viele Gifte auf Java. Man hat die
Wahl. Manche wirken sofort. Andere nach
Jahren. Auch Bambush"rchen mit Wider-
h"kchenunsichtbar dem unbewaffneten Auge,
tun es. Man mischt sie unter den t"glichen
Reis. Sie rufen eine Entz¸ndung hervor, an
welcher der Mensch, meist langsam, zu-
grunde geht. Aber qualvoll soll das Sterben
sein. War nicht der ,Tuan" immer gut zu
ihr? Sarina entscheidet sich f¸r den ,,Gna-
dentod'. Hin¸berschlummern soll der Tuan',
wenn er heute nacht von der anderen nach
Hause kommt.
Im Garten w"chst die ,,Ketjoeboeng'. Wenn
Sarina deren schneeweiþe Bl¸ten trocknet,
zu Pulver verreibt und dieses mittels eines
Bambus-Blasrohrs durch eine Ritze in der
Wand in das Zimmer bl"st, wo der ãTuan-
schl"ft, wird der ãTuan' keine Schmerzen
haben. Dann ist sie ger"cht. Und wenn man
sie faþt? - Nun, dann war es eben Allahs
Wille. ãGelobt sei Allah, Allah ist groþ,
und Mohammed ist sein Prophet!'
Konrad M¸ller
D I E S A N D U H R
So rieselt auch mein Leben hin
wie dieser Sand im Stundenglas. -
Weiþ nicht, wer ich wohl wirklich bin
und nicht, welch' zugemess'nes Maþ
mir noch verbleibt - ob fr¸h, ob spat
mein Weg zu seinem Ende geht.
Christian Bekmann


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