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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 7 (April 8, 1950)

Hier spricht der Leser,   p. 15 PDF (791.9 KB)


Page 15


Motor-Fahrrad Im Kleiderschrank
Bisher konnte man nur Taschenmesser oder Liege-
st¸hle zusammenklappen. Das ist aber heute nichts
Besonderes mehr. Ein kluger Mann, der die Vor-
teile des Zusammenklappens erkannt hatte, strengte
sein Gehirn an Und siehe da: Nachdem er ver-
geblich versuchte, ein zusammenlegbares Auto zu
erfinden, das man des Nachts in die Badewanne
stellen kann, kam ihm die Idee, ein Motor-Fahrrad
ftr ausgewachsene Menschen zu konstruieren, das
sich bequem im Kleiderschrank unterbringen laþt
Das zusammenlegbare Wunder wiegt 17 kg und ist
mit einem Diesetmotor ausger¸stet, der auf 100 km
die bescheidene Menge von 0.6 Liter Treibstoft
friþt. Die Erfindung kostet ohne Kleiderschrank
260 DM
*
In Amerika ist angeblich eine neue Zahnbohr-
maschine erfunden worden. Es wird aber berichtet,
daþ die Patienten unerklarlicherweise wenig Sinn
ifr diesen technischen Fortschritt gehabt hatten.
Die Neuerung besteht n"mlich darin, daþ sich bei
einer Zahnbehandlung nicht mehr der Bohrer, son-
a-r   d-r  t<,ori  dt-   P.ti-ni'-   d-rht  -   W .
mian dazu, wenn ein Friseurmeister in Frankfurt
die umgekehrte Erfindung  machte? Er mechani-
iieite das Z"hneputzen. Keine erm¸denden Hand-
besegungen mehr, ein Druck auf den Knopf, und
dai Zahnkulturger"t f"ngt an zu schnurren. Nun
wird aber auch berichtet, daþ ein Modell mit Hand-
antrieb in den Handel kommen soll. Ja, wo bleibt
da die Arbeitserleichterung? - Ach so, auf der
Gebrauchsanweisung steht auch nur: Ein besonders
sorgf"ltiges Entfernen von Speiseresten und Faul-
niserregern zwischen den Zahnen erm–glicht
die rotierende Zahnb¸rste
Zeltloger und Jugendkriminalit"t
Wie sehr der Herr Staatsanwalt mit seiner Behaup-
tung, äDie Zeltlager seien Brutst"tten sittlicher Ver-
kommenheit', die   Jugendorganisationen  insgesamt.
die ja alle Veranstalter und Tr"ger der Zeltlager sind
und sich dabei der Unterst¸tzung der Beh–rden und
der Besatzungsmacht erfreuen, verleumdet, m–ge nach-
stehendes Beispiel aus der Praxis beweisen.
Das Jugendamt Neum¸nster f¸hrte im Verein mit den
Sportvereinen 1946 in der N"he von Neum¸nster ein
Zeltlager mit insgesamt 1350 Teilnehmern durch. Teil
nehmer und Leitung des Lagers waren von dem Er-
gebnis so begeistert, daþ sie sich zu einer Zeltlager-
gemeinschaft zusammenschlossen und seitdem alljahr-
lich unter Aufsicht des Kreisjugendpflegers ein Lager
an der Ostsee mit durchschnittlich 2500 Teilnehmern
und 1000 Wochenendgasten im Alter von 10 bis 25
Jahren aus allen Kreisen der Bev–lkerung durchf¸nr-
ten und auch in Zukunft durchf¸hren wollen. Die Ein-
und Unterordnung der Jugend - ohne Lager und Po-
lizei - war musterg¸ltig. Was jedoch das Erstaun-
iichste war: In den vier Jahren ist bei insgesamt
11 350 Lagerteilnehmern, die durch Kriegseinwirkungen.
Hitlerjugend und das schlechte Beispiel der Erwach-
senen in der Nachkriegszeit alles andere gelernt
haben, als auf dem Pfade der Tugend zu wandeln.
kein Diebstahl vorgekommen, weder innerhalb noch
auþerhalb des Lagers.
Jugend und Zeltlager geh–ren zusammen. Das Zelt-
lager kommt dem Hang der Jugend zur Romantik,
ihrem Drang, sich zu betatigen und etwas zu erleben,
entgegen. Gleichzeitig dient es der Erziehung zum Ge-
meinsdcattsleben. Wenn es noch keine Zeltlager geben
wurde, muþten sie schleunigst im Interesse der Ju-
gend erfunden werden.           Josef Weiþ, Kiel.
Thema Studentenverbindungen
Ihr Artikel in Nr. 5 äOh, alte Burschenherrlichkeit'
kann nicht unwidersprochen bleiben. Die Art und
Weise, mit der in zunehmendem Maþe in Presse-
veroffentlichungen gegen das studentische Verbindungs-
wesen Stellung genonimen wird, ist als intolerant ab-
zulehnen
Die katholischen Studentenverbindungen wehren sich
entschieden dagegen, mit dem Waffen- und Korps-
studententumn in einen Topf geworfen zu werden. Sie
sind aus ganz anderer geschichtlicher Situation und
mit vollig anderen Zielsetzungen entstanden als die
waffenstudentischen Verbindungen.
Wir tagen nicht hinter ägut verschlossenen T¸ren',
Unsere Prinzipien sind gemeinschaftsverpflichtend im
Bewuþtsein der gegebenen Verantwortung jedes ein-
zelnen. - Die katholischen Studentenverbindungen
wollen auf Grund ihrer geschichtlichen Bew"hrung und
ihrer Gegenwartsarbeit als wertvolle Einrichtungen
der akademischen Jugend anerkannt werden.
Was die Forderung betrifft, daþ die Verbindungen
den Gedanken des Sozialismus in sich aufnehmen
sollen, m–chte ich dazu aus eigener Erfahrung sagen:
In meiner Bonner Korporation geh–ren ernsthafte Ge-
sprache und Diskussionen um diesen Gedanken zun
festen Programni unserer Arbeit.
Wir lassen uns das Recht nicht nehmen, studentisches
Brauchtum zu pflegen und ¸berkommene Sitten -
nicht Unsitten - hochzuhalten. Nehmen wir den jun-
gen Menschen die Freude an Spiel und Farbe, jenes
.Sich-begeistern-K–nnen' f¸r das Irrationale des Le-
bens, dann k–nnte es einmal sein, daþ sie auf weit
schlimmer.e Gedanken verfielen. Auch die Studenten
inennenii  u  sii  as  ii  G iru rei-t ga raiiiierte  Eeeit
auf Vereinigungsfreiheit in Anspruch.
Meine Stellungnahme entspringt dem Wunsche, daþ
unsere gemeinsame Aufgabe und Arbeit nicht er-
schwert werde, denn auch meine Auffassung ist- äDie
Akademiker werden nicht mehr so sehr als bevor-
zugter Stand gewertet, sondern als geistige Elite aller
Schaftfenden, die erh–hte Verantwortung zu tragen
haben.                     Gunther Boing, Bochum.
Mit dem Spatengriff fing es an ...
Rundfunk und Presse propagieren in letzter Zeit im-
mer h"ufiger die Wiedereinf¸hrung des Freiwilligen
Arbeitsdienstes. Man versucht uns einzureden, daþ
nian mit dieser Maþnahme der Erwerbslosigkeit der
Jugendlichen entgegentreten kann. Wir sind aber der
Ansicht, daþ man mit einem Arbeitsdienst weder die
Erwerbslosigkeit beseitigen noch der Verwahrlosung
der Jugendlichen Einhalt gebieten kann. Ein Arbeits-
dienst ist niemals freiwillig, da die Jugendlichen sich
auf Grund ihrer schlechten wirtschaftlichen Verh"lt-
nisse gezwungen sehen, ihm beizutreten, um Verpfle-
gunq, Bekleidung und tnterkunft zu haben.
Vor 1i33 ist der gleiche Weg beschritten worden. Mit
dein Spatengriff fing es an, auf den Schlachtfeldern
endete es. Immer wieder spricht man von der Auf-
stellung einer westdeutschen Armee unter westalliier-
tem Oberbefehl. Wir, die deutsche Jugend, wollen uns
aber nicht noch einmal f¸r imperialistische Ziele miþ-
brauchen lassen und wunsdcen nichts sehnlicher, als
mit allen V–lkern in Frieden und Freundschaft zu
leben. Darum fordern wsir die Einrichtung von Lehr-
lingswerkst"tten f¸r die schulentlassene und erwerbs-
lose Jugend, den Bau von Jugendheimen, die Durch-
f¸hrung einer demokratischen Schulreform sowie den
Abschluþ eines fortschrittlichen Jugendschutzgesetzes.
Gewerkschaftsjugendgruppe
der Glaswerke Ruhr AG., Essen-Karndp-
Jugendnot in Westdeutschland
Nach der Statistischen Rundshau' f¸r das Land Nord-
rhein-Westtalen sind im Jahre 1948 allein in Nord-
rhein-Westfalen rund 12 300 Jugendliche in ordent-
lichen Verfahren vor den Jugendrichter gestellt und
abgeurteilt worden. Etwa ein Viertel dieser Jugend-
lichen war noch keine 16 Jahre alt. 6712 Jugend-
lichen wurde einfacher und schwerer Diebstahl zur
Last gelegt, so daþ man ohne weiteres sagen kann,
die schlechten wirtschaftlichen und sozialen Verh"lt-
nisse haben diese jungen Menschen zu der Ubertre-
tung des Gesetzes gebradct. - Was wird mit den Ju-
gendlicheii, wenn sie ihre Strafe verb¸þt haben? Die
Vergangenheit hat gezeigt, daþ ein groþer Teil wieder
r¸ckfallig wurde, weil die Aussichten, ein neues Le-
ben zu beginnen, zu qering sind. Das ist das Schick-
sal von einer halben Million Jugendlicher ohne Be-
ruf, ohne Wohnung und ohne Zukunft. Hier nutzen
keine G^spr"die mehr, hier m¸ssen endlich Taten
folgen!
Der Deutsche Gewerkschaftsbund und andere Stellen
haben bereits erkannt, daþ nur die Ÿnderung der
wirtschaftlichen Verhaltnisse einen wirklichen Aus-
weg aus dieser Not mit sich bringt. Darum wird die
Gewerkschaftsjugend als die Vertreterin der schaffen-
den Jugend nicht irgendwelichen Notl–sungen (.Ju-
gendaufbauwerk' oder   >Jugenddienst') zustimmen
sondern ganz entschieden ihre Forderungen nach dem
Mitbestimmungsrecht in der Wirtschaft und in den Be-
trieben, einem neuen und der heutigen Zeit entspre-
chenden Jugendarbeitsschutz- und Berufsausbildungs-
gesetz urd schlieþlich nach Vollbesch"ftigung erheben.
Alles andere ist nur ein Herumoperieren. das die
Not der Jugend niemals beseitigen wird.
Gewerkschaftsjugend Solingen.
Schon wieder ... ?
Es scheint uns fast unverst"ndlich und paradox, wenn
heute dasselbe Ausland, das vor wenigen Jahren
Deutschland allen Militarismus bis zum letzten Krie-
gerverein  und  der  letzten  Knallerbse  verbieten
wollte, jetzt darum wirbt, in den verschrienen äPreu-
þen' einen brauchbaren Bundesgenossen f¸r kommende
Zwischenfalle zu finden. Ist es tats"chlich schon wieder
so weit? Vergessen die Politiker so schnell, was
sie einmal als unwiderrufliche Grundsatze aufstellten?
Wir wollen uns dar¸ber nicht den Kopf zerbrechen.
sondern statt dessen versuchen, weiterhin standhaft
allen verf¸hrerischen Angeboten die Antwort zu er-
teilen, die sie verdienen. Wenn wir uns an das
erinnern, was eben erst hinter uns liegt, dann wird
es nie schwerfallen, die rechte Entscheidung zu treffen.
Zahlen allein k–nnten eindringlich genug mahnen,
Worte reichen hier nicht mehr aus. Zahlen, die mehr
Geschichte geschrieben haben, als es B"nde voller
t–nender Schlagw–rter vermochten. Und Zahlen, die
jeden, der miterlebte, wie sie diktiert wurden, zum
Nachdenken zwingen.
Von den Jungen suie du und ich, von denen, die 1924
geboren wurden, sind unter 100 noch 37 am Leben
und ohne schwere Verletzung geblieben, 23 blieben
irgendwo drauþen im Krieg, gefallen, gestorben, ver-
miþt . .. Jeder funfte wurde mitten herausgerissen aus
seinem jungen Leben, jeder dritte zum Kruppel ver-
st¸mmelt, ein Leben lang, und niemand weiþ recht
wof¸r.
Man hat lange gebraucht, um herauszufinden, daþ die
Kriegsverluste f¸r unseren Erdteil 13,75 iin Worten
dreizehnkommasiebenf¸nfi Millionen betragen, wovon
8,1 Millionen Zivilisten waren. F¸r die Gesamtver-
luste Westdeutschlands durch den Krieg hat man 4
Millionen ermittelt. Zahlen, die unser Begriffsverm–-
gen schon ¸berlasten. Eine Million.. ., ein endloser
Zug . . . V'erer-Reihen im Gleichschritt . . . ohne Ende.
Jahrelang hat man gerechnet, um diese Zahlen her-
auszufinden. Sie sind das einzige, was sich ermitteln
lieþ; denn den Sinn des Krieges wird man nicht wie
seine Opfer bestimmen k–nnen. Man wird ewig ver-
qeblich danach suchen ..
Reicht das nicht, noch immer nicht? Wir m¸ssen uns
entscheiden, jeder von uns muþ sich entscheiden. Ehe
es zu sp"t ist, zu sp"t, um zu leben. Das erfordert
nicht weniger Mut, ¸brigens, das Ringen um den
Frieden! Aber hier dient er zur Erhaltung von Men-
schenleben, dort vernichtet er sie. Der gleiche Mut.
In den Vereinigten Staaten weigerte sich seit Inkraft-
treten des neuen Wehrdienstgesetzes ¸ber eine halbe
Million junger Menschen, Kriegsdienst zu tun. Was
treibt auch die dort dr¸ben im Jahre 1948 zu solchem
Entschluþ? Sie sagen Gewissensgr¸nde. Haben wir
nicht auch Gewissensgrunde, die nicht weniger schwer
wiegen?
Kein Deutscher kann zum Kriegsdienst gezwungen
werden. So heiþt es im Bonner Grundgesetz.  Karl.
Herausgeber: Deutscher Gewerksdhafts-Bund. Verlag:
Bund-Verlag GmbH., K–ln, Breite Straþe 70, Telefon
7 91 88, 7 92 88. Schriltleitung: Hans Treppte, K–ln.
Pressehaus. Ruf 7 91 88, 7 92 88. Fernschreiber: 038 562.
Verlagsleitung: Heinz Decker, Georg Reuter. Erscheint
alle 14 Tage. Bezugspreis viertelj"hrlich 85 Pfg. zu-
zuglich 18 Pfg. Zustellgeb¸hr. Bestellung bei allen
Post"mtern und Jugendfunktion"ren. Unverlangt ein-
gesandten Manuskripten muþ R¸ckporto beigef¸gt
werden. Druck: K–lner Pressedruck GmbH., K–ln.
Pressehaus, Breite Straþe 70.
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