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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 8 (April 22, 1950)

hst
Mein erster 1. Mai,   p. 5


Page 5


Mein erster 1. Mai
Senkfuþ links
Betriebsobmann Meyer II suchte drei Mann,
die die Betriebsfahne tragen sollten. Eigent-
lidh sollten die Lagerarbeiter sie tragen.
Aber unser Betriebsobmann Meyer II fand
keinen: Peter Schulze hatte einen ãHexen-
schuþ', Heinz Bruhne den Arm verrenkt'
und der alte Matthias ein Geschw¸r. ãEs ist
mir selbst sehr peinlich, daþ es ausgerechnet
auf der Schulter ist', sagte er. Niemand
wollte.
Kurz darauf lieþ.Meyer 11 uns rufen. Er gab
uns die Hand (was er noch nie getan hatte),
war sehr freundlich und fing eine Rede an.
Er nannte uns seine jungen Arbeitskamera-
den, die Hoffnung des deutschen Volkes und
die Garanten der besseren Zukunft. Das
kannten wir. Wenn die Leute so sprachen,
wollten sie was von uns. Das hatte Max an-
scheinend auch begriffen, denn als Meyer II
uns erkl"rte, daþ auf unseren Schultern das
k¸nftige Schicksal des Reiches liege und der
eherne Blick des F¸hrers st"ndig auf uns
ruhe, kniff er mich in den Hintern. Das dicke
Ende kam dann auch. Philipp, Max und ich,
wir sollten als j¸ngste Stifte am 1. Mai die Be-
triebsfahne tragen. Mir wurde leicht flau: Das
Ding hatte ein nettes Gewicht. Philipp stot-
terte was  von Senkfuþ links', und   Arzt
hat gesagt...' Aber der Betriebsobmann
meinte, das mache einem deutschen Jungen
nichts aus. Man sah aber deutlich, daþ er
sich "rgerte. Wie konnte ein deutscher Junge
auch Senkf¸þe haben.
daþ nun wieder Ordnung und Disziplin im
deutschen Gewerbe herrsche und es allen
besser gehe. Dann marschierten wir zum
Kreissammelplatz. Ab und zu stockte der
Zug. Auch einmal gerade vor Wiedemeyers
Eisstube. Das kam uns wie gerufen. Wir
stellten die Fahne in den Vorgarten und ver-
langten drei zu zwanzig: Mokka mit Vanille.
Pl–tzlich stand Meyer 11 hinter uns und
br¸llte, ob wir keine Ehre im Leibe h"tten.
Wir h"tten die Fahne im Stich gelassen. Wir
wuþten gar nicht, warum der Mann sich so
aufregte, und Philipp sagte: ãDie Fahne steht
doch noch im Vorgarten.' Meyer II sagte
noch was von nunw¸rdig', nahm die Fahne
und gab sie den drei anderen Stiften. Uns
war es recht.
Maul halten
Um 10 Uhr kamen wir auf dem Maifeld an.
Es war schon dr¸ckend heiþ. Ein Gll"ck, daþ
wir die Fahne nicht mehr hatten. Wir stan-
den zwischen unz"hligen Menschen. Von
irgendwo her klang schmissige Marschmusik.
Philipp und ich pfiffen auf den Fingern mit,
bis uns einer in brauner Uniform anbr¸llte,
wir sollten sofort das Pfeifen einstellen,
gleich spr"che der F¸hrer. Alle Leute schrien
pl–tzlich: "Heil! Heil! Heil!' Vorne schien
irgend was los zu sein. Da schrien wir auch
mit. Herr Lubasch schrie auch. Das sah so
komisch aus, weil er sonst immer so vor-
nehm tat. Wir muþten ¸ber ihn lachen und
wurden deshalb* von Meyer II angezischt.
Als wir f¸nf Minuten Heil" gerufen hatten,
Mokka mit Vanille
äBetriebsgemeinschaft Lubasch & Co. mit 25
Angestellten, 16 Arbeitern und 6 Lehrlingen
angetreten', meldete Meyer II am 1. Mai
Punkt 6 Uhr Direktor Lubasch. Wir standen
mit der Fahne an der Spitze. Heil Betriebs-
gemeinschaft", schrie der. Heil Betriebs-
f¸hrer', schrien wir zur¸ck. Dann hielt Direk-
tor Lubasch eine Rede. Von der neuen
groþen Zeit sprach er und von der Ordnung
und Disziplin, die wieder im deutschen
Gewerbe herrsche. Allen ginge es besser.
.Besonders ihm', sagte Peter Schulze leise
und g"hnte sehr laut. Direktor Lubasch sah
es, kam in seiner Rede durcheinander, lief
rot an und schloþ schnell mit einem drei-
fachen Sieg-Heil'. Beim Abmarsch gab es
wieder Ÿrger. Die Frauen wollten nicht mit-
marschieren,  sondern  wollten  nebenher
gehen. Direktor Lubasch zog sich daraufhin
diskret zur¸ck. Meyer II tobte furchtbar, doch
die Frauen marschierten nicht. Darum kamen
wir zu sp"t zum Sammelplatz. Die Rede hatte
sdhon begonnen, und es wurde dort gesagt,
1
fing im Lautsprecher einer an zu sprechen:
,Volksgenossen und Volksgenossinnen",
sagte er. Da riefen alle wieder Heil! Heil!
Heil!" Er sprach von der Ordnung und Sau-
berkeit, die nun wieder im deutschen Ge-
werbe herrsche und wie gut es uns ginge.
Eine Zeitlang h–rten alle zu. Herr Haupt-
buchhalter Schollenbruch sagte: ãDa hat er
recht. Es herrscht wieder Ordnung und Diszi-
plin bei uns. Die ewigen Streikereien und
die dauernden Forderungen der Arbeiter
haben nun aufgeh–rt. Wo k"men wir auch
hin, wenn jeder Forderungen stellen wollte?"
Die anderen nickten. Herr Schniewind meinte,
das w"ren nur die Roten und die Gewerk-
schaften schuld gewesen, die h"tten die Leute
aufgehetzt. Philipp fragte, wie das mit den
Gewerkschaften denn gewesen sei. MeyerII
sah ihn b–se an und sagte, er solle nicht so
vorlaut sein und nach vorne h–ren. Herr
Schniewind verglich die Beitr"ge von damals
und heute. Sie w"ren wesentlich niedriger
geworden. ãDaf¸r m¸ssen wir aber auch das
Maul halten', sagte der Lagerarbeiter mit
dem Geschw¸r. Ich weiþ nicht, ob es jemand
h–rte. Von den Beitr"gen kamen sie auf die
Lebensmittelpreise zu sprechen, dann auf
die Landwirtschaft, auf einen Erlaþ des
Reichsk–ramtes, dann weiter auf die Brief-
tauben und die Preise der letzten Gaubrief-
taubenzuchtausstellung. Gerade als Herr
Krabbeck von seinem neuen Taubenschlag
erz"hlen wollte, muþten wir "Siehst du im
Osten das Morgenrot' anstimmen.
Dunkle Punkte
Dann sprach der F¸hrer. Nicht bei uns, son-
dern irgendwo in Berlin. Wir durften zu-
.h–ren, wie die Leute dort zehn Minuten lang
,Heil' schrien und was Er dann sagte. Er
sprach auch von der neuen groþen Zeit, der
Ordnung und Sauberkeit, die wieder ¸berall
im deutschen Wirtschaftsleben herrsche und
wie gut es uns gehe, und daþ es noch viel
besser werden w¸rde. Das kam uns irgend-
wie bekannt vor. Den anderen auch. Nach-
dem man eine Viertelstunde ehrf¸rchtig ge-
standen hatte, setzte eine groþe Bewegung
zum Bierzelt ein. Wir Stifte trauten uns nicht.
Statt dessen hatte Max sein Brennglas ge-
nommen und machte lauter dunkle Punkte
in den "V–lkischen Beobachter', den ein
Mann neben uns in der Tasche hatte. Das
war gar nicht einfach: Philipp und ich muþten
ihn so decken, daþ es niemand merkte,
durften ihm aber auch die Sonne nicht weg-
nehmen. Inzwischen saþen die Arbeiter am
Boden und rauchten. Betriebsobmann Meyer II
schimpfte dauernd. Direktor Lubasch verzog
sich wieder diskret. Philipp, Max und ich
setzten uns auch hin. R¸cken gegen R¸cken.
Dann bin ich eingeschlafen. Als ich wach
wurde, sangen sie gerade: n... die Reihen
fest geschlossen." Neben mir schliefen Phi-
lipp und Max. Ich stieþ sie an. Wir sprangen
hoch und sangen laut: , ... SA marschiert
mit ruhig festem Schritt." Das war unser
Gl¸ck. Betriebsobmann Meyer II tauchte
wieder auf, stellte sich in die Reihe hinter
uns und sang: " ... Kameraden, die Rotfront
und Reaktion erschossen...' Aus der Rich-
tung Bierzelt w"lzten sich die Massen her-
an. , ... marschieren im Geist in unseren
Reihen mit.' Der groþe Vorbeimarsch begann.
hst
5
Zeichtlung von Ilse Schutze-Schur äuf dem Titel
der Maifestschrift 1907.
Herr, Gott, daþ doch die Worte Feuer
w"ren, ich w¸rf' sie ihnen mitten ins
Gesichtl Sie sehen ungez"hlte Wunden
schw"ren   und   gehen   kalt vorbei und
helfen nicht.                Marliese Muller.


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