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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 8 (April 22, 1950)

Der neugierige Lehrling,   p. 4 PDF (778.9 KB)


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Heute ist der 1. Mai in vielen L"ndern, auch
in Deutschland, gesetzlicher Feiertag mit
allgemeiner Arbeitsruhe. Das war nicht
immer so. Vielmehr muþte der 1. Mai als
Kampf- und Feiertag der Arbeit erst in jahr.
zehntelangem Kampf errungen werden. Zwar
wurde der k¸hne Beschluþ, die Arbeiter-
schaft aller L"nder aufzufordern, den 1. Mai
durch allgemeine Arbeitsruhe und Demon-
strationen f¸r ihre Forderungen, Achtstun-
dentag, Weltfrieden und soziale Sicherheit,
auf einem internationalen Kongreþ im Juli
1889 in Paris mit groþer Einm¸tigkeit und
Begeisterung gefaþt. Der Beschluþ fand am
n"chstfolgenden 1. Mai 1890, also vor 6C
Jahren, einen f¸r damalige Verh"ltnisse
unerwartet groþen Widerhall bei den fort-
geschrittenen Arbeitern in vielen Industrie-
zentren Europas. Aber relativ war ihre Zahl
doch noch sehr klein.
Dies l–ste Erschrecken und sch"rfsten Wider-
stand bei allen sogenannten b¸rgerlichen
Schichten und Parteien aus. ãDas sind die
Radaubr¸der und gottlosen Gesellen, die am
1. Mai feiern und Krach schlagen.'
So habe ich in meinem Leben in der schw"-
bischen Dorfschule zum erstenmal etwas vom
1. Mai geh–rt. Ÿhnliches erz"hlte mir auch
mein Lehrmeister, als ich 1901 in einem
Stuttgarter Vorort in die Lehre trat. Da ich
nie etwas anderes geh–rt hatte, war ich von
der Schlechtigkeit dieser ,Radaumacher'
¸berzeugt. Aber neugierig war ich doch,
diese Roten' und ihren ãRadau' einmal
selbst zu sehen.
Ein gl¸cklicher Zufall verschaffte mir die
Gelegenheit. Am 1. Mai 1902 muþte ich mit
einem Handwagen Waren in einem Gesch"ft
in Stuttgart abholen. Ich kam ãgerade zur
rechten Zeit'. Mein Weg f¸hrte mich an dem
Platz vorbei, wo der Umzug seine Aufstel-
lung nahm. Hier konnte ich zun"chst in
aller Ruhe die Fahnen und die Transparente
mit den verschiedenen Forderungen lesen.
Da sah ich eine plakatartige groþe Zeich-
nung auf einem groþen Tuch mit dem Bildnis
eines Mannes, der k¸hn eine Fahne vor
einer Menge Menschen vorantr"gt. Darunter
stand äLassalle, wir folgen dir!' Lassalle? Da-
von hatte ich noch nie etwas geh–rt. Der
Name klang f¸r meine schw"bischen Ohren
auch zu fremd. Noch weniger gefiel mir ein
Transparent mit dem Bild eines Mannes, der
einen riesigen, Wangen und Ohren v–llig
einh¸llenden Bart trug. Karl Marx' stand
dar¸ber.
Aber kolossal imponierte mir ein Riesen-
transparent: Achtstundentag! Acht Stunden
Arbeit! Acht Stunden Freizeit! Acht Stunden
Schlaf!" Ja, das konnte ich gebrauchen! In
meiner Bude gab's formal eine zehnst¸ndige
Arbeitszeit. Aber wir Lehrlinge muþten eine
halbe Stunde vor Arbeitsbeginn kommen
und allerlei Vorbereitungsarbeiten, wie den
Kessel einer alten Dampfmaschine heizen
usw., erledigen. Nach Arbeitsschluþ muþten
wir die Werkstatt ausfegen, den Ofen reini-
gen, ZoNULICI LSSle, UHU USa S (IUSZ iS IlClli
anderthalb Stunden und mehr. Nach dieser
zw–lfst¸ndigen Arbeitszeit muþten wir von
7.30 bis 9.30 Uhr abends in die Fortbildungs-
schule gehen. Wir waren immer hundem¸de
und wurden deshalb t"glich als elende Faul-
pelze beschimpft. Demgegen¸ber die hier
propagierte  Forderung  Achtstundentag'!
Das schien mir nicht nur vern¸nftig, sondern
eine wahre Himmelsbotschaft. ein nie zu er-
reichender Idealzustand.
Von dem Augenblick an betrachtete ich die
Leute, die am 1. Mai marschierten, mit ganz
anderen Augen. Ich entdeckte, daþ es ganz
,ordentliche', ernst aussehende M"nner
(wenig Frauen) waren. Ich konnte nichts
von ãRadaubr¸dern' entdecken.
Als ich dann noch die an Stangen getragenen
Tafeln der einzelnen Gruppen, Verband
der Zimmerer', ãVerband der Maler', ãBau-
arbeiterverband',  ãMetallarbeiterverband"
usw. (und auf ihren mitgef¸hrten Fahnen die
charakteristischen Merkmale ihres jeweili-
gen Berufes) sah, ergriff mich geradezu eine
Begeisterung f¸r diese Malumz¸gler. Am
liebsten w"re ich gleich mitmarschiert, um
mich stolz den Neugierigen am Straþenrand
als Mechaniker-Metallarbeiter' zu zeigen.
Die ãRadaubr¸der' hatten meine ganze Sym-
pathie gewonnen. Ich sah mir noch den sehr
forschen Abmarsch mit Musik und Gesang
von Kampfliedern an, wobei auf mich der
Gesang: ãWer schafft das Gold zutage, wer
h"mmert Erz und Stein?' den gr–þten Ein-
druck machte. Nur das hier im Refrain immer
wieder vorkommende Wort Proletariat' war
mir fremd. Ich nahm mir vor, das noch
genau zu erfahren, was das bedeute. Nun,
in meinem sp"teren Leben habe ich es nur
allzu genau kennengelernt.
Aber o je! Ich hatte bei dieser Schau viel
zuviel Zeit vers"umt. Schnell muþte ich
meine Ware holen, um doch viel zu sp"t mit
meinem Handwagen zur Werkstatt zur¸ck-
zukommen. Groþes Geschimpfe vom Lehr-
meister, mit gleich ein paar Wachteln'
hinter die Ohren empfing er mich. ãDu
Lausbub, bischt wohl bei de Raute gew"e?'
schrie mich der Meister an. Der Trotz in mir
und die erlebte Begeisterung f¸r den Acht-
stundentag rissen mich zu der Ÿuþerung hin:
,Jo, da war i - die h"nt ganz r"cht.' Das
trug mir eine richtige Tracht Pr¸gel und
die w¸tende Ÿuþerung meines Meisters ein:
,An dir Lausbub ischt Hopfe und Malz ver-
lore, du geischt (gibst) "mol en richtige
Lumpa, en richtige Gewerkschafter, na.'
Mit dem letzten Wort hatte er recht. Inner-
lich war ich f¸r die Arbeiterbewegung und
f¸r den 1. Mai gewonnen. Kaum ausgelernt,
suchte ich die Adresse des Metallarbeiter-
verbandes ausfindig zu machen undersuchte
um meine Aufnahme in den Verband, dem
ich heute noch angeh–re. Ich w¸nschte mir,
daþ alle heutigen Maifeiern auf alle Jugend-
lichen einen so starken Eindruck machen
wie auf mich mein erstes 1.-Mai-Erlebnis.
Im weiteren Verlauf meiner T"tigkeit in
vielen Bezirken und Groþst"dten Deutsch-
lands muþte ich bis 1914 die traurige Erfah-
rung machen, daþ die vielen Widerst"nde
die Durchf¸hrung der Maifeier sehr er-
schwerten. Besonders schwierig war es in
der Groþindustrie, wo die Unternehmer an-
fingen, jeden Arbeiter, der den 1. Mai
feierte, nicht nur zu entlassen, sondern auch
auf die Schwarze Liste (eine an alle Unter-
nehmer gesandte Namensliste zur Einstel-
lungssperre) zu setzen. So kam es, daþ
vielfach nur die organisierten Facharbeiter
des Handwerks, vor allem die Bauarbeiter,
den 1. Mai durch Arbeitsruhe feierten, w"h-
rend sich die Arbeiter der Groþindustrie oft
nur mit Abendfeiern des 1. Mai begn¸gen
muþten. Ich wurde 1906 bei Krupp und 1907
in Berlin wegen Feierns des 1. Mai gemaþ-
regelt. Doch ich war jung und habe mir
nichts daraus gemacht. Andere Jahre war
ich gerade am 1. Mai ãauf der Walze', und
da war der 1. Mai dann immer ein Freu-
dentag.
Allen Widerst"nden hat der 1. Mai getrotzt
und sich schlieþlich siegreich durchgesetzt.
Heute feiern wir den 1. Mai nicht mehr als
eine ãsozialdemokratische' Veranstaltung,
sondern als Kampf- und Feiertag a 11 e r
Teile des arbeitenden Volkes ohne Unter-
schied der politischen und religi–sen Auf-
fassung. So soll es sein.
Alle Arbeitenden vereint am 1. Mai.
Zeidinunaen Jos Herff
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Vergesset nie, was unsere Toten wollten!' Er-
innerungsblatt an die Chikagoer Maifeier 1886.
Die Regierungen verschlieþen sich vor
den Forderungen der Arbeiter wie die
zarten Blumen, die man Sinnenpflanzen
nenntl                 Georges Bernanos.
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