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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 19 (September 10, 1949)

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Die Poesie der Heide hat auch eine recht
prosaische Seite: die Torfindustrie. Von An-
fang Mai bis in den August hinein rasseln
im Moor die Maschinen. Der gr¸ne Rasen-
teppich des Moors und der rote Bl¸ten-
schleier der Heide verschwinden unter der
schwarzbraunen Last des abgebauten Torfs.
Da denkt niemand an das Heider–slein, das
der wilde Knabe brach-- da brechen
Frauen und M"dchen trocknenden Torf, unm
Geld zu verdienen.
Sobald Sonne und Wind den Torf so weit ge-
trocknet haben, daþ dr leidlich test gewor-
den ist, kann das Brechen beginnen. D)ie
Soden oder Kluten, zu viert nebeneinander
und zu H-underten hintereinander, liegen wie
erstarrte dicke Schlangen da, schwarz, braun
oder grau. Sie sind noch miteinander ver-
krustet, denn die Maschine trennt nicht
scharf, und oft geraten die V%,iererreihen beim
Abkippen vom Brett zu dicht aneinder oder
gar ¸bereinander. Diese unerw¸nschten Bin-
dungen m¸ssen gel–st. der Torf muþ gebro-
chen worden. Die einzelnen Soden werden
sodann zu winzigen Mieten zusammenge-
stellt, um den Trocknungsprozeþ zu voll-
enden.
Da mussen die H"nde schnell und fest zu-
packen, und der R¸cken muþ elastisch sein.
wenn etwas geschafft werden soll. Die eine
Frau kniet, die andere hoc:kt bei der Arbeit,
und die dritte geht geb¸ckt zu Werk. Durch
Die Torfsoden sind zu hohen Bergen aufgestapelt.
Im Hintergrund die Torfkokerei, ein neuartiges
Werk in der Torfindustrie.
Text u. Ftos: Nfax Schefter
Erfahrung und Gewohnheit bildet sich eine
eigene Arbeitstechnik heraus, die sich nach
den Kr"ften des K–rpers, der Beschaffenheit
des Torfs und der Witterung richtet.
Der Torf wird im Akkord gebrochen. Die
Arbeit ist eint–nig und schwer, und der Ver-
dienst ist m"þig. Die Torfbauern und auch
die groþen Torfwerke zahlen alle denselben
Satz: 1,65 DM f¸r tausend.St¸ck. Ein St¸ck
ist gleich ein Brett (vier Soden). Eine Frau
muþ also 4000 Torfsoden gebrochen und ge-
schichtet haben, bevor sie 1,65 DM verdient
hat. Wieviel kann sie bei achtst¸ndiger Ar-
beitszeit leisten? Im Durchschnitt 3000 bis
4000, im g¸nstigsten Falle 5000 St¸ck t"g-
lich. Es gibt Abweichungen nach unten und
nach oben. Die Anf"ngerinnen kommen nicht
viel ¸ber 2000 St¸ck hinaus, und in ganz
seltenen Ausnahmef"llen bringen es ein-
zelne Frauen, wenn sie t"glich zehn bis zw–lf
Stunden arbeiten, auch auf 6000 St¸ck. Das
sind aber Frauen, die schon seit vielen Jah-
ren im Torf arbeiten. Nehmen wir 4000 St¸ck
als Norm, so ergibt sich ein Tagesverdienst
von 6.60 DM.
Nun, wenn eine Frau 16 000 Soden Torf
gebrochen hat, die manchmal hart und rissig
wie Eisensplitter sind, dann hat sie ihr Geld
gewiþ nicht leicht verdient. Ich weiþ es,
denn ich habe selbst einmal, als es sonst
nichts zu brennen gab, einige Wochen lang
Torf gebrochen. Die Leistung stand in einem
krassen Miþverh"ltnis zur M¸he: 1500 St¸ck
nach sechsst¸ndiger Arbeit.
Wenn man ¸ber die weiten Torffelder sieht,
dann sind die emsig arbeitenden Frauen in
ihren hellen Blusen die bunten Tupfen im
schwarzbraunen Einerlei. Eine von ihnen, ein
kr"ftiges junges M"dchen aus der Stadt, hat
bisher in der Fabrik gearbeitet. Die Fabrik
muþte schlieþen. Nun ist ihr und einigen
Kolleginnen das Torfbrechen vom Arbeits-
amt als Notstandsarbeit zugewiesen wor-
den. Sie arbeitet in einer M"nnerhose, deren
Knie schon zerschlissen sind. äUnd wie ge-
f"llt es Ihnen?'~ fragte ich. ,Ach', meinte sie,
,von Gefallen kann man da nicht sprechen.
Wir verdienen. Am Vormittag schaffen wir
gew–hnlich 2500 und am Nachmittag 1500
St¸ck. F¸r Wohnen und Essen bezahlen wir
t"glich 1.20 DM. Das Essen ist gut, und unse-
ren Schlafraum  in der Baracke haben wir
uns ganz nett eingerichtet.' Sie muþ mit der
ungewohnten Arbeit in der Einsamkeit des
Moores zurechtkommen. Bald wird ihr Ge-
sicht, werden ihre Arme und Beine von der
sengenden Sonne so gebr"unt sein wie der.
Torf, den sie bricht.
N UR 27 voN 402
Unter den gewahlten 402 Abgeordneten, d e
im Bundestag die Interessen des Volkes zu
vertreten haben, befinden sich 27 Frauen.
Das sind, genau gerechnet, 6,72 Prozent.
Interessant ist, daþ dieser Prozentsatz von.
Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts
genau so gering ist, wie er es auch im Parla-
mentarischen Rat war. Dort gab es untet
65 Vertretern 4 Frauen, also auch etw~
6 Prozent. In den L"nderparlamenten macheri
die Frauen immerhin noch 9 Prozent def
Abgeordneten aus.
Von diesen 27 weiblichen Bundestagsmit-
gliedern geh–ren 12 der SPD-Fraktion, 11
der CDU ;CSU-Fraktion und zwei der Zen-
trumsfraktion an. Die KPD und die Deutsche
Partei z"hlen je eine Frau zu ihren Abge-
ordneten. Die FDP hat unter ihren 52 Ab-
geordneten keine einzige Frau, ebenfalls
befindet sich unter den Abgeordneten der
Bayernpartei, der Aufbauvereinigung, der
Deutschen Rechtspartei und der ¸brigen
Splittergruppen keine weibliche Vertreterin.
Zwei unserer Gewerkschaftsf¸hrerinnen sind
Mitglied des Bundestages geworden, unI
zwar: Liesel Kipp-Kaule, Bielefeld, Mitglied
des Hauptvorstandes der IG Textil, und
Clara D–ring, Stuttgart, Frauensekret"rin des
Gewerkschaftsbundes W¸rttemnberg-Baden.
Louise Schr–der, die Oberb¸rgermeistern.
von Berlin, wird demn Bundestag als Ver-
treterin Berlins mit beratender Stimme an-
geh–ren.
W"ren wir organisiert gewesen
Es war im Winter nach Kriegsende. Am
Waldrand hinterm S"gewerk stand noch der
ausgebrannte deutsche Panzer. Die Schlitten
daneben sollten nach dem Osten gehen. Sie
waren in der groþen Halle gebaut worden,
durch deren Ruinen jetzt der kalte Wind
fegte. Die beiden kleinen Hallen standen
noch, aber sie hatten keine Fenster mehr,
und das Dach war undicht.
In diesen zugigen R"umen arbeiteten wir:
acht Frauen und zw–lf M"nner. Wir zer-
legten die Schlitten in ihre Bestandteile,
zers"gten und zerhackten sie, luden das
Kleinholz sackweise auf Lastautos und muþ-
ten dicke Baumst"mme zu Brettern schnei-
den. Der Besitzer des Werkes lieþ uns
Frauen zwar nicht an der S"ge arbeiten, so
viel Intelligenz traute er uns nicht zu, aber
er fand es selbstverst"ndlich, daþ wir zu-
sammen mit den M"nnern die schweren
Baumst"mme schleppten und die Bretter auf-
luden. Wie oft glitten wir auf dem gefro-
renen Boden aus, st¸rzten unter unserer
Last und zerrissen unsere Kleider. Das war
immer sehr schmerzlich. denn wir konnten
uns doch nichts Neues kaufen. F¸nfzig Pfen-
nig Stundenlohn bekamen wir f¸r die
schwere Arbeit. Die M"nner erhielten f¸r
die gleiche Arbeit siebzig Pfennig. Warum
dieser Unterschied gemacht wurde, war uns
nicht klar. Schlieþlich hatten wir doch auch
f¸r unsere Lieben zu sorgen, f¸r die kranke
Mutter, den gebrechlichen Vater, f¸r die
Kinder, deren Vater gefallen oder irgendwo
in Gefangenschaft war.
Eines Tages riet der Chef uns Frauen zu-
sammen und sagte uns, daþ in allen Be-
trieben die weiblichen Hilfsarbeiter nur
vierzig Pfennig Stundenlohn h"tten und er
uns deshalb auch nicht mehr bezahlen
k–nne. Er m¸sse sehen, daþ er es wieder
zu etwas br"chte, er habe im Krieg viel
verloren. Das w¸rden wir ja auch verstehen.
Wir verstanden es aber nicht, denn wir
hatten kaum genug, uns satt zu essen, von
warmer Kleidung gar nicht zu reden. Der
Chef dagegen hatte noch sein sch–nes Haus
dastehen und betrieb auþer dein S"gewerk
eine Spedition. Am n"chsten Morgen lehn-
4&auma B4dlAM 5o4


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