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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 22 (October 22, 1949)

Demski, Helmut
Was will die Jugendarbeit der Gewerkschaft?,   p. 12


Page 12


WAS WILL DIE JUGENDARBEIT DER GEWERKSCHAFT?
FRANZ ROTTHAUSER
Eine groþe Menschenmenge geleitete am Montag,
dem 3. Oktober. auf dem Bredeneyer Friedhof In
Essen Fran Rotth"user zu Grabe. Bergleute, alte
und junge, wollten In ehrlicher Dankbarkeit dem
Wirken des Verstorbenen durch diesen Ehrendienst
Ausdruck verleihen.
F r a naz R o t t h " u s e r war einer der wenigen,
die die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung
von den kleinsten Anf"ngen miterlebt und mit-
gestaltet haben. Am 14. September 1882 wurde er
geboren. In Frintrop stand seine Wiege. Sein
Vater war Bergarbeiter. Und seiner Herkunft Ist
er treu geblieben. IM93 fuhr er zum erstenmal an.
Damals iamen um diese Zeit - es war um die
Jahrhundertwende - neben den Zahlstetlen des
Altverbandes die St¸tzpunkte des Gewerkvereins
christlicher Bergarbeiter hoch. Als aktiver Mit-
arbeiter im katholischen Arbeiterverein fand er
sehr bald zur Gewerkschaftsbewegung. In einer
dauernden Arbeit an sich selbst schuf er bei sich
die Grundlagen f¸r sp"teres Tun. Uberall warb er
in dieser Zeit f¸r die Gewerkschaftsidee. Die
Verbandsf¸hrung stellte ihn am 1. Januar 1906
als 23j"hrigen auf den sehr verantwortungsvollen
Posten eines Bezirksleiters f¸r das rheinische
Braunkohlengebiet und den Eifeler Erzbezirk.
iEine harteArbeit in den folgendenJahren begann.
Ung¸nstige Arbeits- und Lohnverh"ltnisse, Un-
kenntnis des Gewerkschaftsgedankens lagen vor,
als dar erste Streik im Bensberger Erzrevier aus-
brach. Er wurde f¸r die Bergarbeiter erfolgreich
beendet.
Schwieriger noch lagen die Verh"ltnisse im rhei-
nischen Braunkohlenrevier. 12-Std.-Schicht, niedrige
L–hne hatten sittliche und soziale Sch"den bei
den Arbeitern und ihren Familien zur Folge. 1917
sah Franz Rotth"user seine z"he Gewerkschafts-
arbeit durch den Abschluþ des ersten Tarifabkom-
mens f¸r den Braunkohlenbergbau belohnt.
Nach Ende des ersten Weltkrieges berief Heinrich
Tmbusch den jungen Kollegen als Gesch"ftsf¸hrer
zur -Hauptgesch"ftsstelle des christlichen Gewerk-
vereins nach Essen. Diese Aufgabe hat er bis zur
Aufl–sung der Gewerkschaften durch die Nazis
Innegehabt. In dieser Zeit Ist er mit den Kame-
raden in Ber¸hrung gekommen, die 1945 die Lei-
tung des neuen Verbandes in der Einheitsgewerk-
schaft ¸bernahmen.
Als 1945 die Neugr¸ndung des Verbandes geschah,
da hatte auch er sich entschieden. Den hier und
da auftauchenden Gedanken von Richtungsgewerk-
schaften lehnte er ab und ¸berzeugte auch seine
fr¸heren Kameraden, daþ diese Entscheidung rich-
tig sei. Es ging Ihm um die Sache der Arbeiter,
nie um pers–nliche Interessen.
Was seitdem Franz Rottb"user getan hat, kann
hier nicht aufgeschrieben werden. Die Worte, die
sein alter Freund August Schmidt an seinem Grabe
sprach, m–gen Auskunft geben:
.In den Sielen bist du gestorben, lieber Franz.
Du konntest nicht den Abschied nehmen von den
Deinen, von deinen Lieben, von deinen Berufs-
kameraden und von deinen Freunden. Fremde
Menschen waren um dich, als du den letzten Atem-
zug getan hast.
Dir oblag die Leitung unserer Tarifabtellung. An
deinem Todestag warst du auf dem Wege zu ent-
scheidenden Verhandlungen. Aber du solltest sie
nicht mehr f¸hren d¸rfen.
Nicht nur unser Verbandshaus in Bochum hat
noch weiter deinen Atem in sich und die Erinne-
rung an dein Sein; in vielen, in vielen unz"hligen
Herzen lebst du weiter, und alle werden in Dank-
barkeit und Treue an dich denken. Der Vorstand
der Industriegewerkschaft Bergbau, deine Mit-
arbeiter aus unserem Verbandshause und die
ganze Mitgliedschaft denken in dieser Stunde an
dich und begleiten deinen letzten Weg. Wir alle
danken dir noch einmal f¸r dein rastloses Wir-
ken. Noch oft werden wir deinen Rat vermissen,
aber deine bisherige T"tigkeit soll Richtschnur
unseres Handelns sein. In unserer Mitte lebst du
weiterl1                               W. B.
Der Kreisjugendausschuþ des DGB D¸ssel-
dorf-Mettmann hatte es sich vor einigen
Monaten zur Aufgabe gestellt, die Vertreter
aller Jugendverb"nde zu einer gemein-
samen Arbeitswoche unter obigem Thema
einzuladen. Nach langen Vorbereitungen
konnte in der Zeit vom 27. bis 30. Septem-
ber 1949 in der Bundesschule des DGB in
Hattingen dieses Ziel in die Tat umgesetzt
werden.   Alle  Jugendorganisationen  des
Kreises -- mit Ausnahme der Naturfreunde
und des Sauerlandischen Gebirgsvereins -
waren unserer Einladung gefolgt, und die
29 Teilnehmer hatterr bereits nach einigen
Stunden ein harmonisches Verh"ltnis zuein-
ander gefunden. Es wurden vier Tage echter
Gemeinschaft mit echten   Anliegen  und
gegenseitiger Toleranz. Dadurch s Alten die
einzelnen Jugendorganisationen in die Pro-
blemstellung  unserer  Jugendarbeit  ein-
gef¸hrt werden und eine noch bessere Zu-
sammenarbeit besprechen. Klar war von
Anfang an, daþ in dieser kurzen Zeit nicht
alles ausf¸hrlich besprochen werden konnte.
Kollege Franz Deus erkl"rte zun"chst die
Grundbegriffe der gewerkschaftlichen Orga-
nisation. Vom WWI war Kollege R–þling
erschienen, um einen Einblick in die wirt-
schafts- und. staatspolitischen Zusammen-
h"nge zu geben und die groþe Aufgabe der
Gewerkschaften auf dem Gebiet der Gesell-
schafts- und Wirtschaftsordnung klarzustel-
len. Die Kernpunkte der gewerkschaftlichen
Jugendarbeit vermittelte Kollege Brauck-
mann in konkreter Form und betonte, daþ
unsere auch in der Jugend bewuþt betrie-
bene soziale und wirtschaftliche Arbeit auf
die jugendgem"þe Art und Weise erledigt
werden kann und wird. Dieses Recht, den
ganzen Menschen zu erfassen, kann uns
niemand streitig machen. Die Ausf¸hrungen
des Kollegen Leimig ¸ber Berufsfragen
standen im Mittelpunkt des Interesses, und
alle Teilnehmer erkannten die groþe Ver-
antwortung auf diesem Gebiet f¸r die
n"chste Zukunft. Einm¸tig waren alle in der
Frage des freiwilligen Arbeitsdienstes der
Auffassung, daþ dieses groþe Fragezeichen
niemals ein Ausweg sein kann, der Jugend
zu helfen. Das Thema Jugendpflege und
Gewerkschaft wurde durch den Kollegen
Schorr behandelt. Daþ der Begriff der
Jugendpflege etwas anderes ist als Spiel,
Sport und Unterhaltung, wurde unter Zu-
stimmung aller Anwesenden festgehalten.
Kollege Deus rundete das Bild mit dem
Thema Jugendschutz- und Jugendrecht so-
wie Schulungs- und Bildungsprobleme ab.
Die sachlich gef¸hrten Diskussionen und
Aussprachen lieþen erkennen, daþ gerade
die Jugend sich auf dem richtigen Wege zu
einer guten Verst"ndigung, ¸ber Welt-
anschauungen und politische Doktrinen hin-
weg, befindet. Zum Schluþ der Tagung
wurde an die konstituierende Versammlung
des Deutschen Bundesjugendringes im Haus
Altenberg ein Begr¸þungstelegramm ge-
sandt, von dem sich die Freie Deutsche
Jugend ausschloþ.
Man konnte im Anfang wohl mit Recht von
einem Experiment sprechen, da es die erste
Zusammenkunft dieser Art auf Kreisebene
ist. Tatsache ist aber, daþ viele ihre bis-
herige Einstellung gegen¸ber der gewerk-
schaftlichen Arbeit und der werkt"tigen
Jugend "ndern muþten, wie am Schluþ frei
und offen zugegeben wurde.
Helmut Demski.
JUGENDSPRECHER LERNEN "SPRECHEN"
Die t"gliche Erfahrung zeigt, daþ der Be-
stand an Kollegen, die ordnungsm"þig eine
Versammlung   leiten  k–nnen, durch  die
hinter uns liegende antidemokratische Zeit
ziemlich zusammengeschmolzen ist. In den
.Sprechabenden" der Nazitrommler wuchsen
nun mal keine Redner, und in der Marsch-
kolonne der Hitlerjugend erst recht nicht.
Und so kam es den 30 im B¸ro des Kreis-
ausschusses D¸ren versammelten Jugend-
sprechern doch sehr spanisch vor, als sie
pl–tzlich aus idem Glied heraustreten' und
theoretisch angenommene Versammlungen
er–ffnen muþten. Kein Wort wurde ihnen
dabei geschenkt, von der Anrede ¸ber die
Er–ffnung, die Begr¸þung, Bekanntgabe der
Tagesordnung, Verlesung des Protokolls
bis zur Worterteilung an den ersten Redner:
Da stotterte mancher etwas zusammen, aber
es zeigte sich doch eine erhebliche Anzahl
sehr bef"higter Redner, die nun systema-
tisch weitergeschult werden. Nicht theore-
tisch, sondern praktisch, nicht mit Vortr"gen
¸ber Redekunde", sondern mit praktischen
Redneraufgaben. Dabei in aller Ehrfurcht
vor dem Wort und nicht in der F"higkeit
des Uberredens, sondern des Uberzeugens.
Da aber das Reden nur einen Sinn hat,
wenn es um der Sache willen und aus
Kenntnis der Sache geschieht, brachte der
zweite Teil des Abends Gewerkschaftskunde.
Das begann auch wieder nicht mit groþen
Problemen, sondern mit der Frage: äBei
welcher Gewerkschaft bist du?' Und da war
das Erstaunen groþ, als der Frager sich
nicht mit der locker hingeworfenen Antwort:
"Papier" zufrieden gab, sondern: ,Industrie-
gewerkschaft Chemie, Papier, Keramik" ver-
langte. Der Frager wuþte n"mlich von Be-
triebsr"ten zu berichten, die Stahl und
Eisen' oder Vereinigte Industrieverb"nde'
als zust"ndige Industriegewerkschaft an-
gegeben hatten. Mit dieser unklaren Bezeich-
nung wird zwar nicht ¸ber den Erfolg oder
Miþerfolg einer Lohnverhandlung entschie-
den. Die Kenntnis der eigenen Bewegung
aber steht am Anfang allen Kampfes, und
sie beginnt mit der klaren Bezeichnung.
Daran schloþ sich dann eine Diskussion ¸ber
den Aufbau der Gewerkschaft vom Betrieb
¸ber die Ortsverwaltung, die Bezirksleitung
bis zum Hauptvorstand und vom Kreisaus-
schuþ bis zum Bundesvorstand an. Ein Kapitel
"Lebenskunde" brachte den Abschluþ des
Abends.                  Hans Zankl, Duren.
Jugendleiterschulung in Wiesbaden
Im GYA-Heim (Heim des Deutsch-Amerika-
nischen Jugendklubs), Wiesbaden, fand eine
Schulung f¸r Jugendleiter statt. Die Vertre-
ter der Gewerkschaftsjugend, die Jugend-
gruppenpfleger, die Mitglieder des Kreis-
jugendausschusses, des Jugendbundes und
der Landjugend sowie Mitglieder der GYA
(German Youth Activities) nahmen daran
teil. Wir wurden auf diesem Kursus mit den
Erfahrungen der demokratischen Jugend-
erziehung bekannt gemacht. Miþ Lila Gel-
ping vom amerikanischen Verband Christ-
licher M"dchen und Frl. Ruth Lange, die in
Amerika Jugendarbeit studierte, leiteten die
Diskussion. Es wurde von ihnen versucht,
ein einheitliches Jugenderziehungsprogramm
f¸r die Jugend der Jahre 8-12, 13-18 und
19-25 aufzustellen, was aber infolge der
verschiedenen Auffassung der einzelnen Ju-
gendverb"nde nicht ganz gelang. Die Zusam-
menarbeit zwischen den einzelnen Jugend-
verb"nden in dieser Konferenz kann als
musterg¸ltiq bezeichnet werden. Diese Kon-
ferenz soll in allen gr–þeren St"dten Hes-
sens im Laufe der n"chsten Zeit wiederholt
werden.                     Wolfgang Guske


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