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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 22 (October 22, 1949)

Nur 50 Prozent berufsfreudig,   p. 5 PDF (824.0 KB)


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NUR 50 PROZENT BERUFSFREUDIG
In Recklinghausen fand am 7. und 8. Okto-
ber eine auþerordentliche Mitgliederver-
sammlung der "Deutschen Gesellschaft zur
F–rderung  des   gewerblichen  Bildungs-
wesens' statt. Die Gesellschaft, die alle an
der Berufsbildung interessierten Organisa-
tionen und Pers–nlichkeiten zu gemeinsamer
Arbeit zusammenf¸hren will, findet von
seiten des Deutschen Gewerkschaftsbundes
eine starke Unterst¸tzung, und f¸hrende
Kollegen sitzen in den Haupt- und Fachaus-
sch¸ssen. Der Kollege Josef L e i m i g vom
Bundesvorstand des DGB in der britischen
Zone, ist zugleich stellvertretender Vor-
sitzender. Die auþerordentliche Versammlung
in Recklinghausen befaþte sich in ihren Ar-
beitsaussch¸ssen unter anderem mit den
Problemen derBetriebsausbildung und endete
am 8. Oktober mit einer Kundgebung, zu
der zahlreiche Ausbildungsleiter und Aus-
bilder, Betriebsr"te sowie auch Arbeitsdirek-
toren der entilochtenen Betriebe erschienen
waren.
Neben einem der reichlichst umstrittenen
Referate:  Unternehmer und Berufserzie-
hung' eines Dr. Kellner aus Wetzlar sprach
Professor Dr. Riedel, Hamburg, ¸ber "die
Ausbildung der Ausbilder' sowie in Ver-
tretung des Kollegen Matthias F–cher der
Kollege Leimig ¸ber ãdie Mitwirkung der
Belegschaften an der Erziehung des Berufs-
nachwuchses'. Da dieses Referat einige
bedeutende Punkte aufweist, wollen wir es
hier auszugsweise wiedergeben.
Kollege Leimig zeichnete zun"chst die Situa-
tion in den Jahren vor 1933 auf. Ein gutes
Berufsausbildungswesen war zu stark auf
die abstrakte Berufsausbildung abgestellt.
Wir haben in weitem Maþe Spezialarbeiter
erzogen. In derZeit zwischen 1933 und 1945
wurde daneben der Mensch in noch ge-
ringerem Maþe ber¸cksichtigt. Heute wollen
die Gewerkschaften als Mittelpunkt der Be-
rufsausbildung das Interesse des Menschen
sehen und nicht das der Wirtschaft. Die
Wirtschaft hat dem Menschen zu dienen. Da-
bei kommt die Wirtschaft nicht zu kurz. Der
Mensch darf aber nicht Sklave der Wirt-
schaft werden.
Durch Deutschlands Wirtschaftsstruktur er-
folgt bei dem jungen Menschen eine Beein-
flussung der Berufswahl, aber auch der
Kenntnis der Werkzeuge und eine gute, sach-
gem"þe Behandlung derselben sind Eigenschaften.
die der Lehrling im ersten Lehrjahr eingepr"gt
erhalten muþ, damit er sie in seinem ganzen
Berufsleben nicht vergiþt. Foto: Hehmke-Winterer
Berufsausbildung. Seine Berufswahl wird
bestitpmt durch den Standort der Wirt-
schaftszweige sowie durch die Betriebsan-
lagen. Bei seiner Berufsausbildung muþ man
R¸cksicht auf die Herstellung hochqualifi-
zierter G¸ter nehmen; denn Export und
Niveau unserer Kultur und Zivilisation ver-
langen Qualit"tsware. Das muþ bei der
Behandlung von Berufsfragen beachtet wer-
den. Gerede wegen dieser Schwierigkeiten
bei der Berufswahl, den hohen Anforderun-
gen an die Berufsausbildung muþ der Mensch
in den Mittelpunkt der Berufsausbildung
gestellt werden. Um so mehr m¸ssen wir in
den gewerblichen Berufen eine Berufsfreu-
digkeit und Berufsverantwortung erwecken
und erhalten wollen. Von dieser Tatsache
wird es abh"ngig sein, daþ die hergestellten
Massenwaren in Zukunft auch Qualit"ts-
waren sind.
Wie es heute mit der Berufsfreude beschaf-
fen ist, hat eine Umfrage ergeben, die das
Bielefelder Institut f¸r Marktforschung und
Marktbeobachtung durchf¸hrte, bei der etwa
3000 Angestellte, Beamte, Bauern und selb-
st"ndige freie Berufst"tige befragt worden
sind. Die 3000 Antworten auf die gestellten
Fragen ergaben folgenden interessanten
Hundertsatz: Es beantworteten die Frage:
Empfinden Sie Ihre Berufsarbeit
als schwere Last mit 2,8 v. H., als notwen-
diges Ubel mit 29,3 v. H., als M–glichkeit,
Geld zu verdienen mit 31,4 v. H., als be-
friedigende T"tigkeit mit 34,2 v. H., als Er-
f¸llung einer Aufgabe mit 16,6 v. H., w"h-
rend ohne Meinung 5,7 v. H. waren.
Nur 50,8 v. H. positive Antworten kamen
auf die gestellten Fragen. Hieraus ersehen
wir schon, daþ Belehrungen und Ermahnun-
gen zwecklos sind.
Zun"chst m¸ssen wir bereits in der Berufs-
ausbildung Verbesserungen  der Arbeits-
bedingungen durchf¸hren. Dem Lehrling ist
das Gef¸hl und die Uberzeugung zu geben,
-daþ er ausgebildet, d. h. auf seinen Beruf
vorbereitet wird. Ohne zu verallgemeinern
kann man sagen, daþ das bei sehr vielen
Lehrverh"ltnissen nicht der Fall ist. Der
Lehrling wird oft als Arbeitskraft benutzt
- um nicht zu sagen - ausgebeutet, und
so ganz nebenbei hat er dann Gelegenheit,
auch etwas f¸r seine Berufsausbildung tun
zu k–nnen.
In den Betrieben mit Lehrwerkstatt oder
Lehredi-e ist die berufliche Grundausbildung
meist gut. Dann aber l"þt die weitere Aus-
bildung in den einzelnen Betriebsabteilungen
viel zu w¸nschen ¸brig. Versetzungspl"ne
werden nicht eingehalten, in vielen F"llen
erfolgt eine Besch"ftigung in der Serien-
fertigung und Massenproduktion.
Der Lehrling findet Verwendung
als besserer Hilfsarbeiter
Ursache dieser M"ngel sind meist die unge-
n¸gende Lehrlings¸berwachung, Fehlanord-
nungen in der Betriebsorganisation, aber
auch mangelndes Verst"ndnis den Berufsaus-
bildern gegen¸ber von seiten der Betriebs-
leiter, der Betriebsmeister, der Vorarbeiter,
der Kolonnenf¸hrer und auch der Arbeits-
kollegen einschlieþlich der Betriebsratsmit-
glieder.
Nat¸rlich kann man dies nicht verall-
gemeinern. Fest steht jedenfalls in vielen
F"llen, daþ der Lehrling im zweiten und
dritten Lehrjahr f¸r Betriebsleiter und Kol-
legen sehr oft eine billige Arbeitskraft ist.
vVie viele Betriebsr"te gibt es, die sich um
die Berufsausbildung k¸mmern? Die nach
ihrer Wahl ein Betriebsratsmitglied beauf-
tragen, sich der Betreuung der Lehrlinge in
der  Berufsausbildung  besonders  anzu-
nehmen?                 Fortsetzung in Nr. 23
auf der Jahresschau der Arbeitsgemein-
schaft des Hotel- und Gastst"ttengewer-
bes in Hannover bekannt wurde, daþ der
internationale  Austausch  jugendlicher
Arbeitskr"fte des Hotelgewerbes jetzt
wieder aufgenommen werden wird und
Belgien als erstes Land 200 deutschen
Kellnern Lehrstellen verschaffen will?
ne& einer Anoi dnung des hessischen
Kultusministeriums alle Jugendlichen, die
nach ihrer Entlassung aus der Volks-
schule in kein Lehr- und Arbeitsverh"ltnis
eintreten, mit sofortiger Wirkung einen
zw–lfst¸ndigen Berufsschulunterricht be-
suchen m¸ssen, weil f¸r fast 50 000 Im
Herbst entlassene Volkssch¸ler nicht ge-
n¸gend Lehr- oder Arbeitsstellen zur
Verf¸gung stehen?
vom Jugendaufbauwerk Schleswig-Hol-
stein 1400 Jugendliche, darunter 250 M"d-
chen, erfaþt werden, die in 36 Arbeits-
vorhaben eingesetzt werden und f¸r die
bisher 350000 DM von der Landesregie-.
rung Schleswig-Holstein zur Verf¸gung
gestellt wurden?
rwerbslose Jugendliche im Jugendauf-
bauwerk Schleswig-Holstein vomMuseum
f¸r Vor- und Fr¸hgeschichte mit Ausgra--
bungsarbeiten besch"ftigt werden?
in S¸ddeutschland in den n"chsten Mo-
naten eine Wanderausstellung "Jugend
und Beruf' gezeigt wird?
mum auch die Junge Union der bayrischen
CSU die Einf¸hrung eines Landjahres
und eines freiwilligen Arbeitsdienstes in
einer Entschlieþung an die bayrische'
Staatsregierung zum Vorschlag brachte?.
von der Jugendkammer des Landgerichts
Memnmingen der 15j"hrige Willy Die-
terle wegen Mordes zu f¸nf Jahren Ju-
gendgef"ngnis verurteilt wurde, weil er
im Mai 1948 eine Fl¸chtlingsfrau auf
bestialische Weise ermordet hat und bei
seiner Verurteilung sagte, daþ er das
gleiche Verbrechen jederzeit wieder
begehen w¸rde, wenn es seiner Meinung
nach n–tig sei, ein Hindernis aus dem
Wege zu r"umen?
am 29. und 30. Oktober auf Burg Altena,
der ersten Jugendherberge Deutschlands,
die Wiedergr¸ndung des Hauptverbandes
f¸r das deutsche Jugendherbergswesen
stattfindet und gleichzeitig das 40j"hrige
Bestehen des Jugendherbergswerkes ge-
feiert wird?
seit dem 1. Oktober in Stuttgart die
.Deutsche Jugendzeitung als erste Ju-,
gendzeitung der Bundesrepublik w–chent-
lich erscheint?
in D¸sseldorf ein ,,Europa-Buch-Klub' ge-
gr¸ndet wurde, der es sich zur Aufgabe
gemacht hat, ausl"ndische B¸cher zu
niedrigen Preisen an deutsche Jugend-
liche abzugeben?
nun auch in Bayern auf der Donau bei
Passau eine schwimmende Jugendher-
berge mit 70 Betten besteht?
im Jahre 1950 w"hrend eines achtt"gigen
Duisburger Ferienlagers wieder ein deut-
scher Jugendmeister im Fuþball ermittelt
werden soll?
Cm Kahlersee bei Hanau in Hessen Im
Mai 1950 die Deutschen Karl-May-Fest-
spiele veranstaltet werden sollen?
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9     8'


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