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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 13 (June 18, 1949)

Llewellyn, Richard
Streik,   p. 10


Page 10


RICHARD LLEWELLYN
"Papa", sagte mein Bruder Davy eines Abends
und starrte betr¸bt in seine leere Teetasse,
ãich f¸hle mich so eigenartig, kein biþchen
gl¸cklich.--
ã.Hrn, das ist schlimm-, entgegnete mein Vater.
ãUnd warum nicht", fragte Mama, ãwas ist
der Grund?"
ãAlles", sagte Davy. ãAlles. Und keiner
kann was dran "ndern. Und wenn sie es
t"ten, es w¸rde gar nichts nutzen."
ãVerwickelt, das, was du da sagst-, sagte
mein Vater. ãAber erz"hl mal. Was meinst
du eigentlich?'
"Gar nichts kann man machen.' Davy sch¸t-
telte den Kopf. ãWir werden's ja alle sehen.
Es ist das: n"chste Woche werden die L–hne
ägek¸rzt. Warum? Dabei wird viel mehr Kohle
gef–rdert als im letzten Jahr. Warum also?
Und schau, die Eisenh¸tten schlieþen ¸ber-
haupt. Was werden die H¸ttenleute tun,
wenn sie arbeitslos sind? Sie werden auf
den Zechen Arbeit suchen, paþ auf." Davy
sah Papa an. Seine Augen wurden fast ver-
deckt von den Haarstr"hnen, die ihm in die
Stirn fielen. ãZur Zeche gehen sie", fuhr er
dann fort. ãAber die brauchen keine. Ich will
dir sagen, wie's weitergehen wird." Er er-
hob sich und langte aus dem K¸chenschrank
die Spardose: ãDie wird bald so leer sein,
wie jetzt meine Pfeife. Jawoll."
r%-    Ö jianl, L   Vy äc
widerte Papa. Er sah
die Mutter an, ãGro-
þer Gott, das wird
nie der Fall sein,
weil es hier in Wa-
les, äund besonders
in unseremTal, Kohle
genug gibt.'
.Werden ja sehen",
murmelte mein Bru-
der, ãwenn die H¸t-
tenleute erst einmal
abgebaut sind, wer-
den sie bereit sein,
auf den Zechen f¸r
niedrigere L–hne zu
arneiten  als  wir
Kumpels. Die Direktion wird sich dar¸ber
freuen. Klar. Die Folge ist, die "lteren
Bergleute wird man entlassen. Und wenn
-du nicht aufpaþt, geh–rst du mit dazu."
"Dummheit", Papa lachte. ãKomm, Else",
rief er Mama, ãgibt uns noch jedem äne
Tasse Tee. Und du", er sah mich an, ãab
ins Bett. Aber schnell! !ã - -
Bald ereigneten die Dinge sich, die Davy
vorausgesehen. Die H¸ttenarbeiter erhielten
Besch"ftigung auf den Gruben. Eine Menge
der "lteren, besser bezahlten Bergleute
wurde entlassen. Man sagte einfach, sie
seien zu alt, um die schwere Arbeit noch
leisten zu k–nnen. Aber das war nat¸rlich
Unsinn; unter den Entlassenen befand sich
zum Beispiel auch Griffith, der als der beste
Hauer im Revier galt. Mein Vater jedoch
wurde ¸ber Tage als so eine Art Aufseher
besch"ftigt. H"ufig kamen die anderen Kum-
pels zu ihm, um ihm ihre Sorgen zu berich-
ten. Und es gab damals viele, die Sorgen
hatten.
Eines Abends kam Papa sp"t von einer Ver-
sammlung aus der Kneipe ãZu den drei
Glocken" nach Haus. Davy saþ lesend am
K¸chentisch und ich lag schon im Bett und
malte ein biþchen mit Farbstiftstummeln,
,äDavy", verk¸ndete mein Vater, ãwir wer-
den streiken!"
ãIn Ordnung", entgegnete der gelassen.
ãHabt ihr aber auch beschlossen, was ihr
nachher tun wollt . . . wenn man euch ent-
l"þt?"
ãWie? Wir wollen keine Entlassungen." Es
klang "rgerlich. ãDagegen k"mpfen wir ja
gerade an. Angemessene L–hne und an-
nehmbare Arbeitsbedingungen - das wollen
wir!"
Davy klappte sein Buch zu und l"chelte. Das
machte meinen Vater zornig, aber er be-
zwang sich. ãWarum bliebst du hier, anstatt
mit mir zur Versammlung zu gehen?"
ãIch wollte erst mal sehen, was bei eurer
Versammlung herauskommt. Nun weiþ ich,
was ich zu tun habe. Du wirst dich aus der
Sache mit dem Streik heraushalten und mich
machen lassen. An deiner Stelle."
ãNein, sie haben mich alle gew"hlt. Ich
werde f¸r sie den Kampf fechten. Das werde
ich!"
ãDann wird dir das gleiche bl¸hen, wie
Griffith und den anderen, die entlassen
wurden."
ãDas werden wir ja sehen", sagte Papa.
Davy bekam zum zweitenmal recht.
Vater und zwei andere gingen zur Direktion
und stellten ihre Bedingungen. Sie kehrten
sehr niedergedr¸ckt heim. "Da kann man
nichts mnachen", sagten sie, ãnur noch
streiken."
Sie streikten. F¸nf Wochen dauerte der Streik
das erstemal, und als man zwei Tage ge-
arbeitet hatte, wurde ein Teil der Kumpels
entlassen. Darunter mein Vater.
Der n"chste Streik dauerte 22 Wochen.
Alle Gruben im Tal arbeiteten, nur unsere
nicht. Das schien nie-
- A.-  --   ~A.,'
Direktion zu st–ren.
Es ging in den Win-
ter hinein. Endlich
erschienen zwei Her-
ren aus der Stadt
und einer aus Lon-
don.   Mein  Vater
eilte hin, sie zu
sprechen.
Die Not in unserem
Dorfe war indessen
aufs h–chste gestie-
gen. Nahrungsmittel
und wenn die mei-
sten    Hausfrauen
nicht noch Eingekochtes gehabt h"tten, w¸r-
den alle noch schlimmer gehungert haben.
äAber die Vorr"te nahmen rasend schnell ab,
und Mama muþte oft in die Spardose grei-
fen und noch "rmeren Familien helfen, die
viele Kinder hatten. Arme Frau Morris! Sie
wohnte an der Kapelle und hatte vierzehn
Kinder, keins "lter als zw–lf Jahre, Sie
muþte betteln gehen. Ihr Mann sch"mte sich
so dar¸ber, daþ er sich in den Schacht
st¸rzte.
Mein Vater kam verwirrt von der Unter-
redung mit den fremden Herren zur¸ck.
Meine Mutter fragte nichts.
ãWir haben den Streik beigelegt", begann
er von selber.
ãUnsere L–hne bleiben gesenkt. Die Direk-
tion bekommt n"mlich auch nicht mehr die-
selben Preise f¸r ihre Kohlen wie fr¸her.
Deshalb ... das m¸þten wir einsehen."
ãHast du wenigstens deine Arbeit wieder?"
ãNat¸rlich, Else, alle arbeiten wieder', ant-
wortete er; mir kam es so vor, als s"he er
eigenartig aus, w"hrend er das sagte. Den
Grund daf¸r erfuhr ich einige Tage sp"ter.
Die Arbeit wurde, nachdem die Eigent¸mer
der Grube abgereist waren, wieder auf-
genommen.
Das geschah an einem fr¸hen, kalten Mor-
gen. Der Mond war noch nicht untergegan-
gen. Weiþer Reif funkelte auf den D"chern.
Gelblich leuchteten die Fenster der H"user.
Als die M"nner heraustraten, folgten ihnen
die Frauen und die Kinder. Mein Vater
geh–rte zu den ersten. Als die anderen ihn
sahen, gr¸þten sie ihn; denn f¸r sie war er
der Retter des Dorfes. Doch mein Vater, kein
eitler Mensch, mochte das nicht. Er wurde
verlegen und rot. Somit winkte er allen
kurz zu und begann zu singen.
Alle stimmten ein, auch die Frauen und wir
Kinder. Niemand, der laufen konnte, blieb
im Haus. Die Leute standen singend am
Straþenrand, und die Bergleute zogen singend
zur Zeche.
Ich schaute in den samtig blauen Himmel
und auf die glitzernden D"cher. Der Zug
entfernte sich, begleitet von Frauen, an
deren R–cke sich die kleineren Kinder ge-
h"ngt. Uber all dem flackerte das Lampen-
licht aus den Fenstern. Ich h–rte den tiefen
Gesang und sah den gefrorenen Atem, der
von den M¸ndern emporstieg, die vor K"lte
ger–teten Gesichter und die hoffnungsfrohen
Augen aller. Ich h"tte jubeln m–gen.
Die Berge warfen den Widerhall des Ge-
sanges ins Tal zur¸ck, und es blinkten die
Fenster der Geh–fte, die h–her lagen, dort,
wo der Wald begann. Schwarz, massig, er-
streckte sich die Zeche. Die Kumpels winkten
nochmals mit ihren Lampen. Jeder sang.
(Aus äHow green
was my valley'   zeichnungen: H. P. Westermann
Tal",  von   Richard
Llewellyn.
In dem Bergmanns-
roman ãHow green
was my valley' l"þt
äder Verfasser den
Kumpel Morgan aus
seinem Leben berich-
ten. - Der Roman
ersdhien 1939 in ei-
nemn Londoner Ver.
lag, wurde 1940 Best-
seller in den USA
und erlebte 1947 seine
30. Auflage. Deutsch
von G¸nter Elbin.)
(?,ebe kollegesn 1
Anl"þlich des einj"hrigen Bestehens der Heraus-
gabe der Jugendzeitschrift mþdite ich euch einige
Worte ¸bermitteln.
Die Zeitung hat ¸berall, in alten und jungen
Kreisen. herzliche Aufnahme gefunden, sie ist
aktuell, vielseitig und interessant. Man soll be'
kanntlich nicht allzuviel loben, da das den Charak-
ter verdirbt, aber diese .Jugendzeitung hat es ver-
dient, daþ ihr ein Lob ausgesprocsen wird.
Sie bringt inhaltlich f¸r jeden etwas, sie versteht
es, alles in den Vordergrund zu r¸cken, so daþ
es fast nicht m–glich ist, auch nur einiges darin
zu ¸bersehen, angefangen von den aktuellen
Tagesfragen, gewerksciaftlicsa Schulung, Jugend.
problemne, Unterhaltung. ja sogar den New Look
vergiþt sie nidht, bis zum  Ausklang durch den
Briefkasten, die Bi¸dierecke, Preisr"tsel und Sport.
Ich w¸nscie eurer Zeitung, die ich nur bejahen
kann, auch weiterhin Erfolg auf der ganzen Linie.
Sei sie der Jugend Mahn-er und Wegweiser.
Mit freundlichem Gl¸ckauf l
A. Schmidt, 1. Vorsitzender IG. Bergbau
ES ,–hrf sich der Tag. an dem unsere .Jugendzeit-
schrift Aufw"rts' das Licht der Welt erblickte.
Wir alle, die wir damals in froher Erwartung
des ersten Erscheinens bestimmte Hoffnungen.
Wunsche. ja Forderungen stellten, legen uns
heute die Frage vor, ii.wieweit diese bisher ihre
Erf¸llung fanden.
Trotz aller bisher ge¸bter, gerectitfertigter oder
ungerechtfertigter Kritik  m¸ssen wir gerechter-
weise der Redaktion Dank sagen. Dank daf¸r.
daþ sie zumindest versucht hat, unsere. jugend-
lichen Kolleginnen und Kollegen ¸ber all die
Fragen zu unterrichten, die der werdende Gewerk-
schaftsfunktion"r in sich aufnehmen und ver-
arbeiten muþ, Insbesondere im Hinblick darauf.
unserer Jugend rechtzeitig die Augen uber die
gesellschaftlichen und wirtschiaftlichen Zusammen-
hange der Welt. in die sie hineingestellt ist, zu
offnen.
Versuchen wir, durch unsere Beitr"ge ein leben-
diges Spiegelbild unserer Jugendarbeit innerhalb,
der Gewerkschaft zu geben. Versprechen wir zum
Jahrestag der Redaktion. daþ wir uns alle f¸r
die Entwicklung unserer Jugendzeitschrift1 verant-
wortlich f¸hlen, und beweisen wir ihr es dadurch,
daþ wir mit neuem Mut an die Arbeit gehen
und durch intensive Werbung den Aufwarts'
in den kleinsten Winkel des Handwerksbetriebes
hineintragen.  Die  Auswirkungen   dieser  Be-
m¸hungen d¸rften der sch–nste Dank fur die
Redaktion sein.                Helmut Greulici


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