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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 13 (June 18, 1949)

Schneider, Barbara
Akkord Akkord,   p. 6


Page 6


SOLLEN DIE FRAUEN
eitlassel,    werdett?
Diese Frage ist heute, da sich der Mangel
an Arbeitspl"tzen bemerkbar macht, f¸r uns
M"dchen und Frauen aktuell und verdient
besondere Beachtung. Doch bevor wir n"her
darauf eingehen, m¸ssen wir einmal R¸ck-
schau halten auf die Entwicklung der
Frauenarbeit ¸berhaupt.
Vor dem Zeitalter der Maschine kannten
wir nur die Berufsgruppen der Handwerker
und Bauern. Durch die Entwicklung der
Technik und das Aufbl¸hen der Industrie
wurde die Handarbeit immer mehr in den
Hintergrund gedr"ngt, denn die maschinellen
Erzeugnisse  konnten  billiger  abgesetzt
werden. Die Folge war, daþ viele Hand-
werksmeister und Gesellen arbeitslos wurden
und gezwungen waren, Arbeit in den Fabriken
aufzunehmen. Der Verdienst war jedoch so
gering, daþ er f¸r den Lebensunterhalt der
Familien nicht ausreichte. Die Frauen und
oft auch die Kinder muþten mitarbeiten. Der
Unternehmer war mit der Frauenarbeit ein-
verstanden, f¸r ihn war sie eine billige
Arbeitskraft. Als Grund f¸r die schlechte
Bezahlung gab er an, daþ die Frau infolge
ihrer k–rperlichen Verfassung nicht in der
Lage sei, vollwertige Arbeit zu leisten und
daþ sie keine Fachkenntnisse besitze. Es
war damals nicht ¸blich, daþ die M"dchen,
genau wie die Jungen, einen Beruf erlernten.
W"hrend des ersten Weltkrieges von 1914
bis 1918 wurde eine st"rkere Mitarbeit der
Frauen in den Betrieben notwendig, und das
Verh"ltnis zwischen weiblichen und m"nn-
lichen Arbeitnehmern besserte sich. Der
Arbeitgeber war bereit, den Frauenlohn
zu erh–hen, jedoch lag die Entlohnung der
Frauen immer noch viel tiefer als die der
M"nner.
W"hrend der Inflation und in den anschlie-
þenden Jahren der Wirtschaftskrise zeigte
sich eine r¸ckl"ufige Entwicklung. Der Mann
sah die T"tigkeit der Frau im Betrieb nicht
gern. Sie galt als Lohndr¸ckerin, und er
f¸rchtete, daþ sie ihm den Arbeitsplatz weg-
nehmen k–nnte.   Der Nationalsozialismus
konnte daher mit seiner Parole ,.Die Frau
soll in erster Linie Hausfrau und Mutter
sein" so groþen Widerhall finden. Man
glaubte, die Entwicklung k–nne zur¸ck-
geschraubt werden und die Wirtschaftskrise
sei dadurch behoben, daþ man die Frauen
aus den Betrieben verbannte. Doch selt-
samerweise wurden die Frauen gerade unter
der nationalsozialistischen Politik, die auf
Die junge F~rau von heute warte
ein sagenhaftes Gl¸ck. sie ges
durch Arbeit in einem Beruf.
4 nicht mehr auf
taltet ihr Leben
Foto: Archiv
-     ä                            ~~~~~~1
AKKORD
Junge Arbeiterin an der Drehbank
R¸stung und Kriegsvorbereitung hl
in verst"rktem Maþe in den Prot
prozeþ eingeschaltet. Es wurden
T¸ren zu fast allen Berufen ge–
kam   sogar so weit, daþ sie geg
Willen zur Industriearbeit verpflichte
Auch nach dem Zusammenbruch kc
Frauenarbeit nicht entbehrt werdt
lionen M"nner waren gefallen und 1
lebten noch in Gefangenschaft. 1
war und ist auch heute noch in viel
halten alleinige Ern"hrerin. Die
schaften, die nach 1945 wieder als
l Im    Du    D     seinen Erscheinen
Aufw"rts seine Kinderkrankheiten al
und ist nunmehr ein lebensf"higes Kind
Gewerkschaften, und die jungen Gewei
f¸hlen sich eng mit ihnm verbunden.
Gerda Sd
treter der Arbeitnehmerschaft in
gerufen wurden, hatten erkannt,
Frau den Beweis, vollwertige A
leisten, erbracht hatte, und verlar
sie den gleichen Lohn bei gleicher
Durch die Entwicklung der wirtschi
Lage nach der W"hrungsreforr
manche Unternehmer gezwungen,
einschr"nkungen und Entlassungei
nehmen. Jetzt tauchte wieder die 1
.Wer soll zuerst entlassen werden,
oder der Mann?" Viele M"dcl
Frauen, die heute im Arbeitsproze]
haben keine Aussicht, zu heiraten
liegen auch die Verh"ltnisse bei de
die Ern"hrer ihrer Familie sind. U
es selbstverst"ndlich, daþ bei alle
sungen die wirtschaftlichen und
Verh"ltnisse ber¸cksichtigt werden
Denn nach der totalen Niederlage
lands ist auch die finanzielle Lage
schen L"nder so schlecht, daþ sie
treffenden Frauen und M"dchen kei
St¸tzung und keine ausreichende
m–glichkeit geben k–nnen.
Andererseits gibt es eine groþe
Betriebe, z. B. in der Textilindustri,
Gl¸hlampenindustrie usw., in dE
Frauenarbeit ¸berhaupt nicht meh
denken ist. Die bessere Fingerferti,
Frauen und ihr gr–þerer Sch–n
machen ihre Arbeit so wertvoll 1
Industriezweige. Und m¸ssen wir r
auf dem Weltmarkt ¸berhaupt wi
folg zu haben, das Allerbeste anbig
Als Endresultat ist festzustellen,
deutsche Wirtschaft, wenn sie leisti
sein und bleiben will, nicht auf
arbeit der Frau verzichten kann. Du
wertige Leistung hat sie sich das 1
Arbeit erworben, und es w"re f¸r
samtheit der Wirtschaft ebenso un
unrentabel, ihr dieses Recht wied
sprechen.                   Mar
Junge Textilarbr terin erz"hlt von ihrer Arbelt
Unser Betrieb ¸bernimmt Lohnauftr"ge f¸r
Gardinenstoffe, Hutschleier, Fahrradnetze,
Tischtennisnetze und Borden aller Art. Diese
Textilien werden von elektrisch betriebenen
Maschinen gewirkt. Seit einem halben Jahr
bediene ich eine Maschine, die Gardinen-
stoff herstellt. Den Gang der Maschine muþ
ich beobachten, die leergelaufenen Garn-
spulen durch volle ersetzen und achtgeben,
daþ keine Fehler in dem Muster des Stoffes
entstehen.
An jeder Maschine ist ein Tourenz"hler an-
gebracht. Er zeigt genau die Zahl der Um-
drehungen (Touren) an. Nach 575 Touren
ist ein Meter Gardinenstoff fertig. F¸r hun-
dert Touren erhalte ich 0,025 DM (2t/sPfg.).
Die durchschnittliche Leistung der Maschine
Foto: Fritz f¸r acht Stunden ist mit 26 000 Touren be-
rechnet. Bisher habe ich diesen Durchschnitt
inauslief  nur einige Male erreicht.
duktions_  F¸r einen kleinen Fehler im Muster wird
iuhr die  0.05 DM, f¸r einen groþen Fehler 0,25 DM
ffnet. Es  abgezogen. Die Fehler sind aber nicht im-
en ihren  mer selbst verschuldet Manchmal ist das
wetuwrde.  Garn faul oder d¸nn, dann reiþt der Faden,
rnnte die  und schon ist im Stoff ein Loch. In Eile
en. Mil-   wird die Maschine abgestellt, der Faden
rausende  neu eingef"delt und wieder angestellt. 30
Die Frau   bis 40 Touren gehen bestimmt dabei ver-
[en Haus-  loren, und 0,05 DM muþ ich noch obendrein
bezahlen. Wie soll ich es vorher nur so
Gewerk  einem  Faden ansehen, ob er stark genug
die Ver-  ist? Ich zerbreche mir den Kopf, wof¸r ich
nun die Strafe verdient habe.
hat der   Verschlissene Nadeln oder Maschinenteile,
bgestreift  unsorgf"ltig aufgespultes Garn sind mei-
d unserer  stens die Ursachen der Fehler. Diese M"n-
äkachafter  gel kann ich aber erst beseitigen, wenn sie
keinhardt.  sich durch Fehler anzeigen. An manchen
Tagen habe ich Pech. Ein Fehler folgt dem
anderen, und die Tourenzahl steigt nur
s Leben   m"þig. Das bedeutet dann viel Ÿrger und
daþ die   wenig Lohn.
.rbeit zu  Diese Methode d¸rfte kaum   die richtige
igten f¸r  sein, mit der man uns zu sorgf"ltiger Ar-
Leistung.  beit erziehen will. Mir nimmt der Gedanke:
kaftlichen  ãDu kannst es nicht "ndern, oft die Freude
n waren    an der Arbeit. Schlieþlich wird es einem
Betriebs-  gleichg¸ltig, ob verschuldet oder nicht, be-
n vorzu-  zahlen muþ ich den Fehler sowieso, Ein
'rage auf  gerechter Stundenlohn w"re mir bedeutend
die Frau  lieber.
len  und   Bei uns k–nnte man eigentlich kein Akkord-
B stehen,  system anbringen, aber man hat es getan.
-. Ebenso  Wir bezahlen jetzt mit unseren Pfennigen
n Frauen,  die Ausbesserung der Fehler, die durch
harum ist  schlechtes Material hervorgerufen werden.
n Fntlas-                            Barbara Schneider
sozialen
* m¸ssen.
Deutsch-
der deut-
den be-
ne Unter-
Existenz-
Anzahl
e, in der
mnen die
r wegzu-
gkeit der
.heitssinn
f¸r diese
nicht, um
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eten?
daþ die
ingsf"hig
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rch voll-
Recht auf
die Ge-
klug wie
[er abzu-
tha Plempe
U.b.r Augfw&Wtt Ein Blick auf den Kalender
best"tigt Deine Behauptung. Du seiest ein Jahr
alt. Ich muþ schon sagen, dieses erste Jahr ver-
ging wie im Fluge. Mir ist, als seien die letzten
Schwierigkeiten bei der Vorbereitung zu Deinem
Erscheinen erst gestern bereinigt worden.
Wie war es doch damals? Lizenz - Hamburg -
D¸sseldorf -  Papier -  Redaktion -  dann fest-
stehender Geburtstag - wieder verschoben, und
dann war es doch soweit, Nr. 1, 19. Juni 1948 -
aber dann 21. Juni 1948, Tag X. neue Schwierig-
keiten, die gemeistert werden muþten.
Du solltest nach unserem Willen K¸nder des ge-
werkschaftlidien Gedankengutes und ihr Weg-
bereiter bei der Jugend sein, ihre Frobleme auf-
sp¸ren und dadurch ihr Sprecher werden. Unter
dieser Aufgabenstellung uberpr¸fe ich den ersten
Jahrgang und darf sagen, daþ Du den Weg
gefunden hast.
Gehe in Zukunft diesen Weg zu Deinem gesteck-
ten Ziel konsequent weiter. Das ist eigentlich
mein erster Wunsch zu Deinem 1. Jahrestag.
Wage in der Gestaltung noch einen Schritt weiter,
indem Du keine Gelegenheit vor¸bergehen laþt,
zu den vielen N–ten der Jugend im gewerkschaft-
lichen Sinne Stellung zu nehmen. Es ist an der
Zeit und muþ das Bestreben aller Kollegen sein.
daþ der Aufw"rts in die Hand jedes jungen
Arbeitnehmers kommt, damit er durch ihn Kontakt
mit den Gewerkschaften als der lebendigen Ge-
meinschaft aller Schaffenden erh"lt.
Dir und allen Lesern f¸r die Zukunft ein fr–h-
liches ,Gl¸ckauf.              Karl Braukmann
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