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Hain, Jack / Status of Jewish workers and employers in postwar Germany
(1949)

Auswanderungstendenzen,   p. 6 PDF (411.7 KB)


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AUSNANDERUNGSTENDENZEN
Viele von den Leuten, mit denen ich waebrend meines Aufenthalte
gesprochen habe, wuenschten auszuvandern. Dieser Wunsch hat sowohl
Angehoerige der freien Berufe als auch Geschaefaleute veranlasst, sich
in die von der IRa und juedischen Organisationen arrichteten Berufs-
schulen aufnehmen zu lassen. Damit sie in anderen Laendern einer pro-
duktiven Arbeit nachgehen koennen, unterziehen sich die zukuenftigen
Auswanderer in diesen Schulen einer Ausbildung fuer Berufe wie Tischler-
und Schneiderhandwerk, Mechaniker, Modezeichner usw. Das Alter dieser
Schueler schmankt zwischen 16 und 64 Jahren; das Durchschnittsalter ist
35 bis 40 Jahre. Es wurde mir auch mitgeteilt, dass viele Leute der
niedrigeren Altersgruppe die Absicht haben, auszuwandern und nur im
Lande bleiben, um fuer ihre betagten Eltern bis zu deren Tode zu sorgen.
Trotz aller Anzeichen, die an sich auf eine zahlenmaessige Verrin-
gerung, wenn nicht sogar auf das Aussterben der juedischen Gemeinde in
Deutschland hindeuten, habe ich den Eindruck gewonnen, dass die juedische
Gemeinde hier weiterleben wird. Wie stark sie warden wird, kann heute
niemend voraussagen. Es ist schwer fuer Menschen, deren Eultur deutsch
ist und deren Erziehung und Lebensgewohnheiten deutsch sind, sich von
dam Lande, in dem sie verankert sind, loszureissen und ibr Glueck in einem
neuen Leben anderswo zu versuchen.
Besonders fuer die aelteren Leute bietet eine Auswanderung keinen
grossen Anreiz. Trotz der bitteren Erfahrungen, die sie in der letsten
Vergangenheit machen mussten, sehen diese Leute Deutschland imner noch
als ihre Heimat an. Ibr Wunsch, in Deutschland zu bleiben und an seinem
Leben und seiner Wirtschaft teilzunehmen, sollte von den Deutschen be-
staerkt werden. Die letzteren sollten dies nicht tun aus einem Schuld-
gefuehl heraus oder weil sie den Wunsch hegen, ungerechte Handlungen wieder
gutzumschen, sondern um der Welt zu beweisen, dass Vorurteile und unter-
schiedliche Behandlung nicht mehr die Beweggruende fuer ihre Handlungen
in privater oder offizieller Eigenschaft sind.
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