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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Der Klagegeist,   pp. 67-71 PDF (1.2 MB)


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Juden und Heiden gegenfiberstehen werde und fur das dann
halt eine andere Bibel muilte geschrieben werden oder viel-
leicht ein deutscher Anhang zur Bibel. Wer aber jetzt umge-
kehrt als Auslander geneigt ist, die deutsche Andersartigkeit
und Einmaligkeit vielleicht im schlimmen Sinn als absolut
einmalig und verworfen hinzustellen, der hat ebenfalls die
Schrift gegen sich. Die Bibel redet von Juden und von Volkern.
Die Deutschen gehoren zu den V6lkern, so gut wie die Schwei-
zer und Russen. Nur die Wahrheit in der Liebe, wie die Schrift
es bezeugt, kann Deutschland davor bewahren, daB es mor-
gen wielder der Gefahr des oewigen Deutschtums>> erliegt, so
wie es ihr gestern erlag. Diese Gefahr ist noch nicht ge-
bannt. Es braucht dafur noch viel Mut der Wahrheit und De-
mut der Liebe, gerade auch von uns Ausiandern. Einst hieS
es: <(Am deutschen Wesen wird die Welt genesen.>> Man trifft
heute in Deutschland da untd dort eine Einstellung, die man
in die Worte fassen konnte: <<An deutschen Wunden wird die
Welt gesunden.>> Davor behute Gott Deutschland und uns
andere.
Der Klagegeist
Im Gesprach mit den Deutschen fallt einem bald etwas
auf, das nicht so leicht zu beschreiben ist. Man hat es schon
<Psychose>> genannt. Wir mochten aber von dieser Benennung
absehen, weil sie wohl etwas Richtiges meint, aber sicher nicht
den Kern der Sache trifft. Man merkt es bald einmal beim
Zuh6ren. Es ist ein Geist, ein richtiger Geist, ein Geist der
Trauer und der Verzagtheit, ein Klagegeist. Man mul3 sich
schon an biblische Vorgange erinnern, um einigermalen dem
gerecht zu werden, um das es sich hier han-delt. Dieser Geist
hat eine spuirbare Ansteckungskraft. Wenn man neben einem
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