University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Bodo Uhse,   pp. 165-166 PDF (574.8 KB)


Berthold Viertel,   pp. 166-167 PDF (672.4 KB)


Page 166


Sie nur dort gelernt? In Ihrem Blatt habe ich nicht viel von den Fruichten
der Tagung gefunden, aber ich erfuhr, daB Dutzende von Bauern in der Pro-
vinz eingesperrt worden sind und noch eingisperrt werden, weil sie sich
dagegen wehren, daB ihre Hofe zugrunde gerichtet werden durch Herrn
Darres Blut- und Bodentraume an kapitalistischen Kaminen. Haben Sie auf
Ihrer Agrartagung gelernt, daruiber zu schweigen?
Die Schweigsamkeit ist ja Ihr vornehmstes Amt geworden. Sie schweigen
fiber die Toten des 30. Juni, Sie schweigen iiber die Holle der Konzentrations-
lager, Sie schweigen dartiber, daB Saufen, Fressen und Huren nicht nur in
den hohen SA-Staben uiblich war, sondern auch heute noch Sitte ist, bei Herrn
Ley beispielsweise, dem Fuhrer der Arbeitsfront. Wo sie nicht schweigen,
mnussen Sie lilgen. Oder glauben Sie wirklich, Willy Ehlers, was Sie in Ihrem
Blatt fiber das durch Hitler wiederhergestellte Ansehen des deutschen Namens
In der Welt veroffentlichen? Ich halte Sie fUr kluger. Das Gegenteil dessen,
was die ,Schleswig-Holsteinische Tageszeitung' schreibt, ist richtig. Hitler
hat
Schmutz und Schande auf den deutschen Namen gehauft. Es lMat sich auch
vom Standpunkt der nationalen Politik nichts Schlimmeres denken, als Eure
nationalsozialistische Politik. Wo der Nationalsozialismus mit seinen blutigen
Handen hinftelt, schafft er Verwirrung und Unheil. Nicht weil Ihr dumm seid,
sondern weil Eure Sache schlecht ist."
BERTHOLD VIERTEL
1885 In Wien geboren, vor 1933 lange  den USA. Im Aurora-Verlag, New York,
Jahre als Dramaturg der Berliner Voiks-  erschien 1945 sein Gedichtband ,Der
Le-
btihne thtig, Veroffentlichte die Gedicht-  benslauf', der die Gedichte seiner
Emi-
bticher: ,Die Spur" (1913), ,,Die Bahn"  grationszeit vereinigt.
- Fuir seine dem
(1923), ,Noah in der Wilste" (1926) und  Gegenstand hingegebene Darstellungsart
den Roman ,Das Gnadenbrot'. Viertel  zeuge der Anfang einer 1929 verbffentlich-
lebt seit langerer Zeit als Regisseur in  ten Studie ,,UMGANG MIT DRAMEN":
Im jahrelangen Umgang mit Dramen empfangt der Interpret eine wider-
spruchsvolle Reihe marternder und begltickender Erlebnisse. So wie es
Menschenfeinde gibt, die sich weigern, eine neue Bekanntschaft zu machen,
well sie im Vorhinein zu wissen glauben, dal3 jede empfindsame Reise urn'
elne Personlichkeit traurig endet, daB die letzte Station immer Enttauschung,
Desillusion heiit, so mtiUte eigentlich jeder wirkliche Regisseur dazu neigen,
eines Tages den Umgang mit Dramen zu verschworen und diese Form mensch-
lichen Erlebens und Erleidens in Zukunft zu fliehen. Das ware eine Berufs-
krankheit, die ich sehr wohl verstehen konnte. Denn oft ist, wenn die kinst-
liche Welt, die eln Drama aufbaut, auf der Bilhne endlich zur Geburt gebracht
wurde, der Katzenjammer groi. Nicht nur die Gewissensnot, um wieviel
lebendiger alles sein konnte und mtiite, als es nun schliefflich doch geworden
ist, bedrilckt den Pseudo-Schopfer, der beschamt In der Kulisse zurfickblelbt,
wenn der Schauspieler sich im heiBen Augenblick der Szene leiblich, mit
oftenem Ich, einsetzen darf. Er nimmt auch nicht selten traurig Abschied
von
dem Drama, das alle Leidenschaften aufgewuihlt hat, um den tragischen oder
komischen Sinn des Lebens anschaulich zu machen, und dessen Beweiskraft
sich fur den, der es in die Praxis der Szene ilbertragen hat, ersch6pft haben
166


Go up to Top of Page