University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdrückt
([1947])

Josef Mühlberger,   pp. 120-121 PDF (582.3 KB)


Erich Mühsam,   p. 121 PDF (257.3 KB)


Page 121


rain wie aus einem duftenden Bad entgegen. Der Thyrnian mit seinen beschel-
deuen BlUtenfiocken -  weiBl, zartrosa o'ier auch purpurrot -  hat grofl,e
Polster gebildet, aus welchem die Flimmchen der Steinnelke brechen, Maria
Tranen, wie sie das Volk nennt; stirker noch ist der Geruch von den Laven-
delstengeln, darauf zwischen zwei, drei kleinen, mattgriinen Bl3ttern vier,
funf und mehr zierliche, rbtlichblaue Lippenbltten stehen: die Duifte des
Thymians und Lavendels sind zugleich still, bitter und herb und siuerlich;
den siulesten Geruch stromt der KiClee aus, w Aller, gelber, roter; der gewohn-
liche Steinklee ist hier auf dem kargen Sandboden ein anderer als auf Feld
und Wiese; er ist purpurrot. t'ber ihm schweben, nur wie eine duftige Woike,
die schleierzarten, weillen Bluten des Labkrautes; sind sie gelb, dann duften
sie honigsuk.
ERICH MUC3SAMY
1878 in Berlin geboren, als Untersekun-  er zu langj5hriger Festungshaft
verurteilt.
daner wegen  ,sozialistischer Umtriebe"  freigelassen und 1933 von der
Gestapo
von der Schule relegiert, verbffentlichte  ins KZ geschleift, wo er, sich
standhaft
1914 seine gesammelten Gedichte ,,Wisten,  weigernd,  des  Hort-Wessel-Lied
 zu
Krater, Wolken', denen sich andere Ge-  singen, grausame Qualereien Uber
sich
dichtbinde und Dramen anschlossen. In  ergehen lassen mulite, die mit seiner
Er-
den Jahren 1911 bis 1915 gab er ,Rain-,  r,;diidung endeten. Seine Dichtungen
sind
eine Zeitschrift fUr Menscllicilkeit, heraus.  Dolumente der Menschlirhkeit,
einer nicht
Wegen seiner Teilnahme an der Errich-  bloB nebelhaften Humanitat; von ihr
ist
tung der MUnchener Rdteregierung wurde  auch MUhsams Gedicht,,PREDIGT 'erfifllt:
Ich sage nicht, du darfst nicht hassen,-
noch sag' ich, daB du hassen muBt:
Der Herzschlag in bewegter Brust
IlBt sich nicht in Gebote fassen.
Auch Liebe horcht nicht auf Befehle,
du liebst: Verstundest du mich denn,
wenn-ich der Liebe Namen'nenn',
ein fremdes Wort in deiner Seele?
Ich weiB dich lieben. Meine Stimme
braucht dir nicht sdnttigend zu sein.
Du brauchst Erbarnmen und Verzeihn
und suchst im Guten nicht das Schlimme.
Doch fdlsch' die Liebe nicht zur Schweachel
Dem Argen stelle dich nicht blind.
Wo Niedertracht und Luge sind,
da ficht', da rotte aus, da rdche!
JNicht will ich dich zum Hasse machen
und sprech' auch nicht: Hab keinen*HaBl,
Doch will ich dir ohn' UnterlaB
der Leidenschaften Glut entlachen.
Nicht alles Heil entstromt der Milde.
Die L~iebe lst ein reich'rer Born:
Verschmahe nicht ihr Salz, den Zorn/
Stark forme deine Welt zum Bildel
121


Go up to Top of Page