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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Thomas Mann,   pp. 110-111 PDF (713.0 KB)


Page 111


einem knappen, personlichen Bekenntnis -, wobel Sie, Herr Dekan?, den
ich nicht mal dem Namen nach kenne, sich nur als den Zufallsadressaten
dieser Ihnen kaum zugedachten AuBerung betrachten wollen.
In diesen vier Jahren eines Exils, das freiwillig zu Iennen wohl elne Be-
schonigung wdre, da ich, in Deutschland verblieben oder dorthin zurdck-
gekehrt, wahracheinlich nicht mehr am Leben ware, hat die sonderbare
Schicksalsirrtilmlichkeit meiner Lage nicht aufgehort, mir Gedanken zu
machen.
Ich habe es mir nicht traumen lassen, es tat mir nicht an der Wlege ge-
sungen worden, daB ich meine hoheren Tage als Emigrant, zu Hause enteignet
Und verfemt, in tief notwendigem  politischem  Protest verbringen wurde.
Seit ich ins geistige Leben eintrat, habe ich mich im glticklichen Einvernehmen
rmit den seelischen Anlagen meiner Nation, in ibren geistigen Traditionen
geborgen gefihlt. Ich bin weit eher zum Reprasentanten geboren als zum
MArtyrer, eher dazu, ein wenig h6here Heiterkeit in die Welt zu tragen, als
den Kampf, den Hall zu nahren. Hbchst Falsches multe geschehen, daB sich
mein Leben so falsch, so unnatirlich gestaltete. Ich suchte es aufzuhalten
nach melnen schwachen Kraften, dies grauenhaft Falsche - und eben da-
durch bereitete ich mir das Los, das ich nun lernen muB, mit meiner ihm
eigentlich fremden Natur zu vereinigen.
Gewill ich habe die Wut dieser Machthaber herauagefordert, nicht erst In
den letzten vier Jahren, durch mein Aullenbleiben, die ununterdrtickbaren
Kundgebungen meines Abscheus. Lange vorher schon hatte ich es getan und
muBte es tun, well ich fruher al8 dam heute verzweifelte deutsche Bilrgertum
mah, wer und was da heraufkam. Alm Deutschland dann wirklich In diese
lIande gefallen war, gedachte Ich zu schweigen; Ich meinte, mir durch die
Opfer, die ich gebracht, das Recht auf Schweigen verdient zu haben, das es
mir erm6glichen wirde, etwas mir herzlich Wichtiges, den Kontakt mit
meinem innerdeutschen Publikum, aufrechtzuerhalten. Meine Bucher, so
sag'.e ich mir, sind fMr Deutsche geschrieben, fur solche zuerst, die ,,Welt"
und Ihre Teilnahme waren mir immer nur eln erfreuliches Akzldenz. Sie
mind, diese Bicher, das Produkt einer wechselseitigen, erzieherischen Ver-
bundenheit von Nation und Autor und rechnen mit Voraussetzungen, die ich
selber erst in Deutschland habe schaffen helfen. Das sind zarte und hiltens-
werte Beziehungen, die plump zu zerreilen man der Politik nicht erlauben
moll. Gab es Ungeduldige daheim, die, selbst geknebelt, dem In der Freiheit
Lebenden sein Stillschweigen vertibeln wtirden; die grolle Mehrzahl, durfte
ich
hoffen, wtirde meine Zurtickhaltung verstehen, ja sie mir danken. -
So meine Vorsatze. Sie waren undurchfthrbar. Ich hatte nicht leben, nicht
arbeiten konnen, ich ware erstickt, ohne dann und wann zwischenein, wie
alte Volker sagten, ,,mein Herz zu waschen", ohne von Zeit zu Zeit meinem
unergrtndlichen Abscheu vor dem, was zu Hause in elenden Worten und
elenderen Taten geschah, unverhohlen Ausdruck zu geben. Verdient oder
nicht, mein Name hatte sich nun einmal fMr die Welt mit dem Begriff eines
Deutschtums verbunden, das ale liebt und ehrt; das gerade in der wusten
Verfalschung klar widerspraehe, welche dies Deutschtum jetzt erlitt, war
elne In alle freien Kunstralume, denen ich mich so gern tberlassen hatte,
beunruhigend hineintonende Forderung. Eine Forderung, schwer abzuweisen,
fiir einen, dem immer gegeben gewesen war, sich auszudrficken, sich Im
Wort zu befreien. dem immer Erleben eins gewesen war mit reinigend be-
wahrender Sprache.


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