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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Heinrich Mann,   pp. 108-109 PDF (643.7 KB)


Page 109


nicht, daB mit dem Bestand und der Ordnung von heute schon alles gesagt
1st. Wo starklebige Ideen dartiber hinausfuhren, folgt eines Tages auch die
Wirklichkeit. Sie sind darauf gefalt, daB ein gewisser Ausgleich sowohl des
Wissens und der menschlichen Pflege als auch des Besitzes allmahlich doch
wohl eintreten konnte. Sie sehen den Ereignissen, je nach Natur und Nei-
gung, mit verschiedenen Gefuhilen entgegen, aber sie haben vor anderen, die
gleicha soziale Stellungen einnehmen, Klugheit voraus. Denn man muB mit
allem rechnen und darf auf keinen Fall die Fuhlung mit dem Volksganzen
verlieren. Sie haben im Grunde wohl auch Herz voraus. Man schlagt nicht,
wie diese besten Demokraten es mochten, Briucken zwischen den Klassen und
bis in die Zukunft der Nation, ohne daB gelegentlich Giute sich regte und
ohne die Mitwirkung eines wohlgeratenen Herzens.
Demokratie und Republik brauchen Giite so sehr wie Erketntnis. Ihr Be-
ruf ware, beide in der Welt zu vermehren. Das Gegenteil von Demokratie
ist IdeenhaB, die Verfolgung von Gesinnungen. Dem republikanischen Geiste
am fremdesten ist die Verweigerung des Rechtes zum Schaden Schwacher,
ist der ZusammenschluB aller derer, die schon in Besitz und Macht sind, gegen
alle jene, die erst noch hinstreben.
So darf das Leben nicht aussehen. Das ist sein haiBlichster Zustand, wenn
auch dem ursprunglichen Menschen nur zu sehr gewohnt. Menschen sind von
Natur nicht gut, und nichts bedarf so langer Lehre und tUbung wie Ge-
rechtigkeit. Aber welchen Sinn hatte denn Demokratie, wenn sie uns nicht
gerechter machte!
Demokratie ist im Grunde die Anerkennung, daB wir, sozial genommen,
alle fureinander verantwortlich sind. Kelner hat einzeln volle Geltung oder
auch nur wirkliches Leben. Was wir sind und vollbringen, ist bedingt durch
alle, und alle helfen uns. Die Gesellschaft hilft jedem von uns, seinen Ee-
sitz zu erwerben. So reich er auch sei, er konnte es ohne uns alle nicht
werden. Sogar die personlichste aller Arbeiten, der Gedanke, wird hervor-
gebracht im Denker durch die ganze mitlebende Welt.
*
In einem vor einiger Zeit an Heinz Ullstein gerichteten Brief Heinrich Manns
aus
Los Angeles laEft er gemeinsame Erlebnisse in Berlin wieder auferstehen:
,,Eines Abends begleitete ich Sie und Ihre Frau nach Femina, Nurnberger
StraBe. Ferner kommt mir ein Lokal ins Gedachtnis; wo es war, weiB ich
nicht, die Namen der beiden Wirtinnen, uns allen bekannt, sind auch dahin.
Aber Sie und ich saBen eines Nachts noch spat auf der Banke, als eine ab-
ziehende Gesellschaft an unserem Tisch vorbeikam. Der eine sah mich traurig
an und sagte ,,den hMtten wir wahlen sollen" (anstatt Hindenburg). Ein
Arbeiter in New York und Alvarez del Vayo, den Sie kennen, vermutete neu-
lich dasselbe, fUr nachstes Mal. Indessen sind die Deutschen anders, ich
wohi
8uch, und wenn ich Aufforderungen, zurtickzukehren, offizielle, bekomme,
weiB ich nicht, 1. ob sie ganz selbstandig entstanden sind, und 2. was ich
dort soll. Wieder mit Ihnen bei Femina und uff de Banke, dafuir sind wir
jetzt zu Erfahrene, weit Gereiste."


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