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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Theodor Lessing,   pp. 105-106 PDF (604.2 KB)


Emil Ludwig,   pp. 106-107 PDF (643.7 KB)


Page 106


und Im Laufe elnes Jahrhunderts hat ein krflftfger Birkenstamm den mech-
tigen Stein belseite gedralngt und das ,,auf ewig erkaufte Grab" geoffnet.
Dies alte Grab gilt mit Recht als eine Merkwurdigkeit melner Heimat-
stadt; aber ich kenne in ihr noch eine andere Birke; die ist noch merk-
wurdiger. Mitten in der Stadt, In ihrem totesten, seelenlosesten Bezirk,
hinter dem Bahnhof, liegt ein machtiges Zuchthaus; urn das Zuchthaus
herum zieht sich eine meterhohe, endlose rote Mauer. In diesem seelen-
losen Bezirk der Gefangenen g iint kein Gras und wachst keine Blume.
Aber in einer Ecke oben auf der roten Mauer, gerade fiber der tobenden
lauten StraI~e, hat elne kleine Birke mitten im Stein Wurzel geschlagen.
Ich kenne sie seit mehr als zehn Jahren. Sie ist in dieser Zeit zum statt-
lichen Baum geworden' und bldht in jedem Frffhling. Lange Jahre fffhrte
mich mein lustloser Weg morgens an dieser Mauer vorbei. Dann winkte
von der hohen Zuchthausmauer hernieder ein einsames Wunder, die kleine
bliuhende Birke. Dann dachte ich an die Gefangenen hinter der Mauer.
Versteht ihr dieses Symbol schon, meine BrUder? Wenn ihr es einst ver-
stehen werdet, wenn Ihr es einst verstehen werdet . . . Ihr aber, Kinder,
lastet auf mein Grab nicht Marmor oder Granit! Pflanzt eine Birke, den
Nordlandsbaum, der von allen Baumen das zartlichste Laub hat und die
verletzlichste Rinde und dennoch Wurzeln schlagt selbst in Steinen und
Schotterhaufen, wenn ihm keine bessere Heimaterde gegonnt ward. Und
sicher, ich werde wiederkehren und werde am letzten Rande der Welt.
stadtsteinwffste, trotz Kohle und Schloten und Industrien, froh weiter-
dichten in meinem Baum.
EMIIL LUDWVIP
1881 In Breslau geboren, begann jilt Dra-  gedemfitigt werden  mnsse', Tin
Exil
matischem und schrieb spater eine Reihe  schrieb er zahireiche BUcher: ,,Tom
und
groser Biographien (u. a. ,Goethe", ,Na-  Silvester", ,,Fthrer
Europas", ,jlinden-
poleon", ,,Bismarck", ,Rembrandt'). Seine  burg und die Sage von
der deutschen
Blicher wurden 1933:verbrannt; er floh ins  Republik",  ,Gesprach  mit
Masaryk",
Ausland. Verfasser einer Mussolini ver-  ,,Die Kunst der Biographie".
Aus elnem
herrlichenden Biographie, befehdet er,  1931 im ,Tagebuch" erschienenen
Artikel
ein sehr umstrittener Charakter, aurh  Emil Ludwigs ,,RATUENAU UND HAR-
das jetzige Deutschland und nennt die  PEN" zitieren wir den folgenden
Ab-
Deutschen ,,ein zweitklassiges Volk. das  schnitt, der beide MAnner charakterisiert:
* . .Rathenau, durch gorgaame Erzlehung vor Hardens sorgenvoller Jugend
von vornherein dreifach begfinstigt, hatte die tiefere Bildung, schrieb den
ldareren Stil, stilisierte In sich elne gewisse Klassizitait und hat das
schonste
Ipeutsch gesprochen, alles war fliellend an ihm, er war niemals erstaunt,
ver-
leger oder erzflrnt, Mit Bedacht hatte er sein Haus dem Goethischen an.
genahert, bis in eine gewisse gardinenlose Kahlheit hinein, die zu ihm pa2te.
Ha; dens Bildung war sprunghafter, sein Stil nicht Winder, und ihre bedeu.
tende, aber ganz verschiedene Kenntnis Goethes wies auf die beiden Charak-
ter- zurtick. Hardens Rede war pointiert, und was den Zorn betrifft, so konntc
er ihn nur mffhsam unterdrtfcken. So hat er elnmal im Kriege in einem Klub
Frank Wedekind, der sich sehr offiziersfromm aulerte, eine Szene gemacht,
die Ptathenau immer fremd gewesen ware. Da er viel mehr In Gesellschaft
ging, als er wahrhaben wollte, beherrschte Rathenau die gro1e Welt, und da
er Gebiete studlert hatte, die dem anderen fremd waren, so wurde er der ge-


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