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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Hermann Kesten,   pp. 92-93 PDF (641.9 KB)


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der durch den Expressionismus ging, vuln Taolsmus hEinfltlsse erfuhr, vom
Futiirismus Anregung empfing, der Exilierte, der Franzose ward, der ver-
bannte Europaer (aber wir Exilierten und Verbannten sind die Vorlaufer
der kunftigen echten entnationalisierten Europaer!) Doblin, dessen Roman-
dichtungen in China und Peru, im Himmel Oiber Babylon wie in Berlin und
im amerikanischen Urwald, in ZUrich, Krakau und Paris schweigend leben,
Alfred Doblin ist eine eminent deutsche Figur. Von allen fruheren Poeten
ist er am nachsten Jean Paul, in dessen Werk gleichfalls deutsche Provinz
unzl Weltphantasie die poetische Hochzeit feiern.
Ein deutscher Dichter! Ein deutsch-barockes Werk! Und was fur deutsches
Dichterleben! Denn wo gab es einen deutschen Dichter von Rang, der nicht
einmal melt diesem ungeduldigen, launisch gewaltigen, ideentollen Volk ir,
grundsatzlichen Konflikt geriet? Was fir elne klassische Ironie, daB dieser
vertriebene Jude in Berlin zu Hause War, wie kaum einer von zurfickgebliebe-
nen Millionen Berlinern, dal3 sein Werk so deutsch-eigentUmlich ist, ein
solch
stolzes Zeugnis deutscher Sprache und deutscher Dichtung, wie es kaum
einer der in vielfachem Sinn zurtickgebliebenen zensurdeutschen Dichter
liefern kann!
Ganze geistige Provlnzen Deutschlands erscheinen wie Kapitel aus Doblins
Romanen. Denn das ist der Vorteil der Kunst: Nicht nur ist sie ein Spiegel
der Welt, sondern auch der sch6nste, humanste Tell unserer Menschenwelt,
wirklicher als die sogenannte ,,wirkliche Welt". Denn machen wir endlich
ein Ende mit dieser fatalen Fiktion vom speziellen Konflikt von Kunst und
Leten. Das bei aller Wildheit edle neunzehnte Jahrhundert, der Tummiel-
platz solcher zivilislerter und kleinbtirgerlicher Fiktionen, gebar auch
diese.
KunstL ist Leben, wo es am intensivsten, wo es seiner selbst gewahr wird.
(Und Vorsicht vor jener Albernheit, als ware ,,Leben" wahrer als ,,Kunst",
als wdre roher Lebensstoff interessanter als geformter!)
Was wollte Doblin ? Was will er heute ? Er hatte viele Tendenzen, und ist
ohne Tendenz. Als Sohn des neunzehnten Jahrhunderts ein Dualist, die
Menschheit In Primitive und Promethiden, In Betrachtende und Tatige, in
Propheten und Techniker teilend, widerstrebt er der modischen Einf alt unserer
neuesten Diktatur-Unitarier, und strebt doch Uiber den Dualismus hinaus.
Er begann vor dem Krieg mit mittelmiillgen Novellen, ward durch die
,,D ei Sprilnge des Wang-Lun" bekannt, gleichzeitig mit der Sturzwoge
des
Expressionismus, ging in die preulische Dichter-Akademie, machte als ,,Linke
Poot" Kulturkritik, kampfte fur die Weimarer Republik, erneuerte den
exotischen Roman in ,,Wang-Lun", den historischen Roman in ,,Wallenstein",
den utopischen Roman in ,,Berge, Meere, Gigaliten", den pittoresken
Roman'
In ,,Berlin-Alexanderplatz", mit dem er Weltruhm gewann, ging ins Exil,
zuerst in die Schweiz, wo er als Revolutionar verschrien war, wohl weil er
wie vor ihm Lenin, in der Zilricher Zentralbibliothek Exzerpte machte, dann
ging er nach Paris und ward Franzose.
Im Exil schrieb er den komischen Roman ,,Die Babylonische Wandrung",
seinen surrealen Roman ,,Pardon wird niht gegeben", in dem er einem
neuen
Klassizismus zustrebte, und den groBen Roman in zwei Banden ,Die Fahrt
ins Land ohne Tod", einen mythischen Roman, der - nicht zu vergessen!
neben
dem grolhen mythischen Romanwerk von Thomas Mann, den Josefromanen -
zu den bedeutendsten Zivilisationsromanen geh6rt, und sowohl als Primitiven-
roman als auch durch den hochst neuartigen und fMr die Entwicklung des
deutschen Romanstils bedeutsamen novellistischen Teil im zweiten Band
auBerordentlich bleibt.
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