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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Vicki Baum,   pp. 16-18 PDF (960.5 KB)


Page 17


8pieler und Jager. Er tat ihr leld. Mr. Gibbs, den die Gesellschaft zur An-
sledlung europaischer Fluchtlinge mit der schwierigen Aufgabe betraut hatte,
aus unerwiunschten und unnuitzen Intellektuellen nutzliche Eierlieferanten
zu
machen, schien seine Rede hauptsachlich fur ihn zu halten, doch die Worte
konnte Clarissa nicht verstehen.
,,Er spricht uiber die grolfe Zukunft der Eier. Er versucht Tag ftir Tag,
uns
Mut zu machen." Der junge Mann sprach plotzlich deutsch. ,,Wir essen
Huhner, wir reden fiber Hhinmer, wir trdumen von I 3bhnern, wir riechen nach
Hiihnern, bald werden wir im Dunkeln piepen -well uns nichts anderes
tibrigbleibt."
,,Was haben Sie frfiher gemacht?" fragte Clarissa uninteresslert. ,,Kunst-
geschichte. Ach so, Sie meinen in Amerika. Ich habe Locher in Aprikosen-
kerne gebohrt. Man trlgt sie als Schmuck. Ist jetzt modern. Dann wurde
der'Laden in die Ruistungsindustrie eingeschaltet und wir muaten gehen. Man
nimmt keine Auslander fur Ruistungsarbeiten."
,,Ja, ich weiB", sagte Clarissa leise.
,,Aber ich will nicht von mir sprechen, sondern von Ihnen"; er rlchtete
sich
bei diesen Worten auf. ,,Als ich horte, daB Sie-auf die Farm kommen wiurden,
dachte ich, es ware nicht wahr. Clarissa Fank in dieser Holle? Was war mit
ihr geschehen? Aber Sie haben sich gar nicht verandert."
,,Wann haben Sie mich zuletzt gesehen?" Dies klang interessierter.
,,In Muinchen, als Sie die Lulu in Wedekinds ,Erdgeist' spielten. Das war
eine Auffuihrung! Und spater in einem franzbsischen Film als Sie in Paris.
..
,,Aber ich habe zwei franzosische Filme gedreht. Welchen haben Sie ge-
sehen ? "
Clarissa drehte sich plotzlich um, denn hinter ihr war Mr. Gibbs aufgetaucht.
,,Es ist Zelt, zu Bette zu gehen, Mr. Lindner", sagte er, ,,und fUr
Sie auch,
Mrs. Porten. Sie werden sicher mude sein. Der erste Tag ist immer der
schwerste, und um 5 Uhr 30 wollen Sie wieder aufstehen."
,,Ja, ich gehe", sagte Clarissa, ruhrte sich aber nicht.
Gibbs wartete noch einen Augenblick. ,,Schon, gute Nacht - und lassen Sie
den jungen Mann nicht zu lange drauBen. Er ist nicht so kraftig wie Ihr
Gatte." Damit ging er ins Haus zuruck.
Mr. Gibbs liebte seine Huihner, doch er hatte keine Vorliebe fur Fltichtlinge.
Es war nicht gut fur die Hennen, immer wieder neue Gesichter zu sehen und
von den ungeschickten Handen dieser Fremden befaBt zu werden. Sie wurden
davon nervos und legten schlecht. Gibbs bedauerte sie. Es fiel ihm niemals
ein, die Menschen zu bedauern, die auf die Farm kamen, um zu lernen. Sie
kamen nicht, weil sie unbedingt Farmer werden wollten; sie ergriffen die
Hulbmerfarm als rettenden Strohhalm, nachdem alles andere fehlgeschlagen
war. ,,Dieser Porten kdnnte vielleicht cinen ganz guten Farmer abgeben",
dachte Gibbs, als er das Licht ausschaltete.
,,Kommst du, Ciss ?" fragte von Porten, die Hand auf Clarissas Schqjter
legend. Sie streifte leicht mit der Wange dagegen. Nach zwolf Jahren Ehe
bewunderte er immer noch ihre zierliche Gestalt. Er wurde sich dann seiner
eigenen GroiBe und Verantwortung bewutt. ,,In drei Minuten", antwortete
sie, ,,es ist so schon hier drauBen, so still. Man kann die Stille beinahe
horen. '
Diese kleinen Dinge, die sie zu sagen liebte, fielen ihr immer wieder ein;
sie
war nie ganz sicher, ob sie sie eigentlich selbst ausgedacht oder vorher
in
Irgendeinem Stuck gehort oder gesprochen hatte.


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