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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Martin Gumpert,   pp. 55-56 PDF (645.0 KB)


Page 55


I Herausfordernd spazlerten volluniformierte SA- und SS-Trupps von sechs
bis zwblf Mann durch das Publikum und rempelten Passanten an. Die
gingen mit scheuen Blicken an ihnen vortiber. Ab und zu blieb der Trupp
der Uniformierten stehen und musterte so einen Zivilisten von oben bis
unten, von unten bis oben hohnisch. Sekundenlang sah der angstbeklommene
Mensch drein wie ein gefangenes Tier.
,,]Na, lal3t ihn laufen! ... Es kommt uns keiner aus!" rief der SA-Fuhrer,
und seine Begleiter grinsten vielsagend. Der angehaltene Zivilist ging ge-
duckt weiter. Er bog um eine Hausecke und beschleunigte seine Schritte.
Nervos patrouillierten die verstatrkten Polizeistreifen, die diesmal selt-
samerweise wieder zu sehen waren. Da und dort wurde ein Jude vom
Trottoir heruntergestolen, griff nach seinem heruntergefallenen Hut und
ging uiber die Strafle. Plotzlich plarrten Passanten hinter ihm her: ,,Haut
ihn nieder, die Judensau! Nieder!" Die SA-Mdnner sahen befriedigt auf,
wenn etliche nicht uniformierte Nazis zu laufen begannen. Selbstbewunt
gingen sie den Laufenden nach. tber der Stralle reckten sich' Fauste, die
Schutzleute rannten herbei. Der Jude verschwand im Gewilihl. Ordintre
Fluche flogen ihm nach, und ,,Heil! Heil Hitler!" brillten einige im
Men-
schengemenge.
Wir sahen nicht mehr auf die Telegramme. Wir wuBten es: Hitler war
Reichskanzler geworden!
Wir konnten nicht nach Hause gehen und wanderten zlel- und planlos
weiter. Manchmal horten wir ein wiistes Geschrei von weltem, und die
Leute rannten in dieser Richtung. Irgendwo hatten Nazis ein Schaufenster
eingeschlagen oder einen Menschen verprtigelt, vielleicht auch totgeschlagen.
Wir merkten kaum, daB es dunkel wurde. Gelb fiel das Licht der Gas-
laternen herab. Aus verschiedenen Wirtshausern drang der Gesang der
grbhlenden Mljnnerstimmen und wurde zuwellen von kurzen, kommando-
seharfen Rufen unterbrochen.
,,Heil Hitler! Deutsch-land er-wache! Sleg Hell!" bellte es schmetternd,
mid eln viehisches Singen hub wieder an.
,,Es ist aus! Alles aus!" brachte ich 6ndlich wUrgend heraus und sah
ohnmachtig auf meine Frau. Jetzt erst flel uns auf, daB wir die ganze
Zeit kein Wort geredet hatten. Sie nickte schluckend. Stumm gingen wir
welter ...
MfAIITIN GUMPERT
Verfasser einer ausgezeichneten  Blo-  das Buch ,First papers" und Onem
Blogra-
graphie: ,,Hahnemann", der  Lebens-  phie liber den legrltnder des Roten
Kreu-
beschreibung des groBen Homoopathen.  zes sclrieb. Gumpert ist auferdem mit
Vor 1933 als Arzt und Schriftsteller in  GediChten hervorgetreten. -  ier
eln Aus-
Berlin ansassig; ging ins Exil, wo er u. a.  zug aus einem Artikel Martin
Gumperts:
Es ist nicht der Scheiterhaufen meiner gespensterhaften Vergangenheit, der
mich qualt. Es ist vielmehr, daB soviel von meinem frtiheren Leben Lige und
Tauschung gewesen sein mulB. Ich liebe Amerika mehr mit jedem Sonnen-
aufgang. Aber ich kann das erste Wort nicht vergessen, das ich lernte, die
erste Landschaft, die ich sah, die erste Freundlichkeit, den ersten Schmerz,
die erste Begeisterung. Sie waren deutsch, untilbersetzbar, unvergweichbar,
und
sie bleiben fur Immer ein Tell meines Wesens. Und daB dieser Tell meines


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