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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Willi Bredel,   pp. 25-26 PDF (574.9 KB)


Page 25


erfreulich oder lelcht ertr.gllch ware. Ab-r das ist elne Sache, eine klelne
Sache fur sich und ganz ohne Zusammenhang mit dem iibrigen Mahler, mit
der ausschlaggebenden Mehrzahl der Mahlerschen Art. Man h6re nur die
Kindertotenlieder, den letzten Gesang aus dem Lied von der Erde, die zweite,
dritte, siebente Symphonie oder auch nur die kleine Einleitungsmusik zum
Schlulfteil des Faust, die keiner vergilt, den sie irgendwie nur zu der hoch
gelegenen und terrassenfdrmig gebauten B3erglandschaft der Eremiten mit
hinaufgeffihrt hat. Wie oft auch die Achse am Wagen, die blolie Talent-
gabe, bei dieser ungeheuren Belastung brechen mag: niemand ist bisher in
der
Gewalt seelenvollster, rauschendster, visionarster Musik dem Himmel naher-
getragen worden als dieser sehnsuchtsvolle, heilige, hymnenhafte Mann. Wie
ein ferner Bote kam dieser Ktinstler in seine leere, matte, skeptische Zeit,
erhaben in der Gesinnung, unerhbrt in der Kraft und mdnnlichen Glut seines
Patho.: und wahrhaft nahe daran, das letzte Geheimnis der Musik zu spenden.
WILLI BIREDEL
1901 geboren, vertliBte in den Jahren  wandte und Bekannte' im Aufbau-VerTag
1930 bis 1932 Festurngshaft wegen einiger  Berlin, erschienen ist. - Bredels
Roman-
Zeitungsartikel, war von 1933 eis 1934 fiber  Manuskript ,,Begegnung am Ebro"
hatte
ein Jahr lang im RZ und ging Ende 1934  abenteuerliche Schicksale, fiber
die seiner-
nach Moskau. Er wurde 1935 ausgebtir-  zeit C. F. Weiskopf in der ,,Neuen
Zai-
gert. Im Exil schrieb er den Roman ,Die  tung" berichtet hat. - Hier
folgt ein Ab-
Prilfung", der ebenso wie sein Buch ,,Ver-  schnitt aus dem Roman ,,DIE
PROtFUNG":
,,Um Gottes willen, Walter, was hast du?"
Kreibel sitzt aufgerichtet im Bett, die Augen unnatilrlich geweitet, den
Kopf in beiden Harnden und stbhnt und wimmert.
,,Was hast du nur, schreist mitten im Schlaf, schlagst um dich und springst
auf."
,,Sie haben Fritz Jahnke hingerichtet!"
,,Unsinn, du hast getraumt!"
,,Wirklich! War das nur ein Traum? Oh, es war ein entsetzlicher Traum!
Entsetzlich !"
,,Leg dich wieder hin und schlaf. Du bist ja ganz nal. Du fieberst. Walter,
werde mir nur nicht krank."
Kreibel wirft sich aufs Kissep zurtick, lihlt sich wie ein Kind die Bettdecke
bis an die Brust legen und das Gesicht streicheln.
,,llse, glaubst du, dal3 sie ihn hinrichten werden?"
,,Nein, sie werden das Urteil nicht vollstrecken!"
Kreibel stblt einen Seufzer der Erleichterung aus. /
Die Woche ist vortiber. Heute trifft Kreibel die drei. Er hat sich entschieden.
Er versteht jetzt gar nicht, wieso es Hemmungen geben konnte. Die Partei
ruft, wie kann er da zogern.
Und doch. Es schwelt in ihm ein Rest Grauen. Die Erinnerung hat an
Farbe verloren, ist verbialat, aber mitunter steigt sie doch grell vor ihm
auf:
Dunkelhaft. Ndchtliche Auspeitschungen. Einzelhaft. Der Oktobersopntag mit
dem angeschossenen Gefangenen und dem Orgelspiel. Koltwitz' qualvoller
Tod ...
Und doch. Er hat sich entschieden. Jeder mui3 sich entscheiden; es gibt
kein Ausweichen, kein Entrinnen.
Kreibel ist auf dem Wege zur Heitmannstralie. Unterwegs kauft er sich
eine Abendzeitung und liest im Gehen darin.


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