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The History Collection

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Aufwärts : Jugendzeitschrift des Deutschen Gewerkschaftsbundes
Nr. 2, Jahrgang 8 (January 20, 1955)

Wiebe, Philipp
Kurt Tucholsky hatte recht,   p. 4


Page 4

Kurz - wir wollen dich fragen: Was hältst du von alle- 
dem, was man unter Jugendarbeitsschutz zusammenfaßt. 
Bitte schreibe uns deine Antwort. Schreibe uns irgendeine 
Antwort. Schreibe aud (wenn es deine Meinung ist): 
.Das interessiert mich nicht, weil ich doch nichts daran 
ändern kann." Oder: <Das geht euch gar nichts an, wieviel 
Uberstunden ich mache." Nur: Schreibe uns eine Antwortl 
Bitte1 Sie ist sehr wichtig für uns und viele junge 
Menschen. 
beim Krämer käme sogar jede Woche auf 70 Stunden. 
Das sei nun mal so. Wenn man weiterbohrt, wird sie böse: 
Herr Claßen sei sehr nett'zu ihr. Wenn es samstags schon 
mal 21 Uhr würde, bekäme sie immer einen Sonntagsstuten 
umsonst, und zu Weihnachten habe er ihr sogar eine Hand- 
tasche geschenkt. Mit Logik ist ihr nicht beizukommen. 
Etwa: Handtasche bleibt Weihnachtsgeschenk, Gesetz aber 
Gesetz. Außerdem meint sie, das sei ihre Angelegenheit, 
und die ginge mich gar nichts an. Freilich: Mich geht es 
eigentlich nichts an. Ich bin mit Hildegard weder ver- 
wandt noch verschwägert, und unsere Beziehungen gehen 
nicht über die Frühstücksbrötchen hinaus. Aber ihre eigene
Angelegenheit ist es auch wieder nicht. Das Gesetz gilt 
gleichermaßen für Herrn Claßen wie für Hildegard. Es
gilt für uns alle. Und wie sieht das in der Praxis aus? 
Inzwischen findet man das derzeitige Jugendarbeitsschutz- 
gesetz in weiten Kreisen unzulänglich. Inzwischen mehren 
sich die Stimmen derer, die ein besseres Gesetz fordern. 
Es mangelt auch nicht an konkreten Vorschlägen. Einige 
Gesetzentwürfe liegen vor. Die wichtigsten sind: Gesetz 
für die arbeitende, Jugend" - Entwurf des Sozialamtes 
des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend - und der 
umfangreiche Entwurf des Deutschen Gewerkschaftsbundes 
aus dem Jahre 1954. 
die Ihr Rüstungsgeshft durch die neuen Vorhaben aufs 
stärkste bedroht sehen. 
- Wie gut, daß die dauernde Verzögerung der deutschen 
Aufrüstung so nach und nach doch alle schmutzigen 
Hintergründe ans Licht bringt! 
Kdik <Wir haben wenig Verständnis dafür, daß 22000 
Steuerzahlern mit einem Jahreseinkommen über 50 000 DM 
die Steuern um 2,1 Milliarden gesenkt wurden. Wer 
60 000 Mark im Jahr verdient, kann sich mit dem herab- 
gesetzten Betrag einen Volkswagen kaufen; wer 000 Mark 
verdient, höchstens ein paar Schuhe.: Mit diesen Worten 
kritisierte der Vorsitzende der Gewerkschaft Uffentliche 
Dienste, Transport und Verkehr, Adolf Kummernuss, in 
Stuttgart die Steuerpolitik der Bundesregierung. 
- Nur, wer gibt sich bei 60 000 Mark im Jahr noch mit 
einem Volkswagen zufriedenl 
Euf@hM«Der nach Argentinien ausgewanderte Jagd- 
flieger des zweiten Weltkrieges und Generalinspekteur 
der ehemaligen Luftwaffe, Adolf Galland, kehrte Anfang 
Januar in die Bundesrepublik zurück. In einem ersten 
Interview mit der deutschen Presse erklärte GaUland, 
er halte die deutscb.e Aufrüstung <für eine Notwendigkeit, 
die sich nicht umgehen läßt", und er verschließe sich
nicht 
einer Beteiligung. An der zivilen Luftfahrt habe er kein 
Interesse. 
- Es kann eben keiner sein Metier verleugnen! 
Tip Im Jüngsten Operettenkrieg der mittelamerikanischen 
Bananenrepubliken forderte Staatspräsident Somozo von 
Nikaragua seinen Gegenspieler Don Pepe von Costa 
Rica zu einem Pistolenduell an der Landesgrenze auf, 
um unseren beiden Völkern Blutvergießen zu ersparen". 
- Viel erträumte Methode, internationale Konflikte auf 
glücklithste Art zu erledigen! 
OfIt.ek  <Mit der Verwirklichung der Pariser Verträge 
Ist nunmehr die endgültige Spaltung Deutschlands und 
Europas in zwei Lager vorauszusehen", hatte die Lon- 
doner <Times" in Ihrer Neujahrsbetrachtung geschuieben. 
Worauf sich sofort ein heftiger Tumult erhob und das 
englische Außenministerium durch seinen Sprecher auf die 
feierlichen  Verpflichtungen"  hinwies, die  Englands 
Regierung der Bundesrepublik gegenüber eingegangen sei, 
um die Wiedervereinigung Deutschlands herbeiführen zu 
helfen. Tatsächlich gibt die <Times" häufig die offizielle
Meinung des britischen Außenministeriums wieder. 
- Man darf das nicht vor zarten Ohren nennen, 
Was klare Köpfe nicht mehr leugnen können." 
(frei nach Goethe) 
befassen. Bis dahin: Schreibt uns! 
Meine Brötchen kaufe ich beim Bäcker Claßen, denn es 
sind die besten weit und breit: wohlschmeckend, knusprig 
und <dreimal täglich frisch«. Beim Bäcker Claßen
arbeitet 
Lehrling Hildegard: Jung - ich schätze 17 -, hübsch und 
immer freundlich. Wenn ich morgens um halb acht meine 
Frühstücksbrötchen hole, steht sie schon hinter der Theke.
Wenn ich abends um halb acht nach Hause komme, putzt 
sie den Laden. Beides darf sie eigentlich gar nicht: Rund 
zehn Stunden je Tag arbeiten (zwei Stunden ist Mittags- 
pause) und den Laden putzen. Für die Sauberkeit des 
Ladens muß Herr Bäckermeister Claßen eine Putzfrau 
sorgen lassen. Und was die Arbeitszeit anbetrifft, so gibt 
es da ein Gesetz; Jugendliche unter 18 Jahren dürfen 
nicht mehr als 48 Stunden je Woche arbeiten. In Ausnahme- 
fällen dürfen es mit behördlicher Genehmigung 54 Stunden 
sein. Aber Hildegard kommt spielend auf 65 Stunden. 
Hildegard wird sehr abweisend, wenn man mit ihr über 
diese Sache spricht, und zuckt mit den Schultern: Die Erna 
beim Metzger müsse auch so lange arbeiten und die Meta 
wird. Dann können wir über ein besseres reden.' Da 
steckt etwas Wahres drin. Und so bleibt die Frage: Sind 
die Jugendlichen, sind die Eltern an einem guten Jugend- 
arbeitsschutz überhaupt interessiert? So gut die Gesetze - 
das bestehende und das kommende - auch sein mögen, 
man soll sie niemand aufzwingen. So notwendig diese 
Gesetze auch für die Gesundheit unserer Jungen und 
Mädchen sind, so sehr man alle Beteiligten immer wieder 
darüber aufklären müßte: Das beste Geschenk verliert
seinen Wert, wenn man es mit dem Knüppel aufzwingen 
muß. 
Die Gewerkschaften kämpfen zäh und unnachgiebig um 
die besseren Rechte der Jugend. Ein großer Teil dieser 
Jugend steht aber abseits. Was soll geschehen? 
Inzwischen steht Hildegard täglich zehn Stunden beim 
Bäcker Claßen hinter der Theke und manchmal auch noch 
länger. Kann ihr geholfen werden? 
Heinz Stuckmann 
1913 - 23 Jahre alt - warnte er schon vor der gefähr- 
lichen, übermütigen Macht des Militärs und dem Krieg, 
der dann ja auch 1914 ausbrach. Dreieinhalb Jahre war 
Tucholsky voller Abscheu Soldat: 
.Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Krieg gedrückt, wo 
ich nur konntet" 
sagte er und bedauert, den Wehrdienst nicht verweigert 
zu haben: 
.Für einen anständigen Menschen gibt es In bezug auf 
seine Kriegshaltung überhaupt nur einen Vorwurf: daß er 
nicht den Mut aufgebracht hat, NEIN zu sagenl" 
Die Hoffnung, daß das Ende des Krieges und die <Revo- 
lution' die nationalen und militärischen Cliquen zer- 
schlagen würden, sollte nicht erfüllt werden. Abermals 
bekämpfte er sie mit einer Leidenschaft, die leider bis 
heute noch nicht wieder erreicht wurde. Aber.... es half 
nichts - gar nichts! Nachdem er bis 1932 unter seinem 
Namen und fünf Pseudonymen in der Wochenschrift 
,Schaubühne" und späteren »Weltbühne" unermüdlich
seine aggressiven, warnenden Kritiken, Satiren, Essays 
und Gedichte publiziert hatte, verließ er resigniert sein 
Land und seine Heimatstadt Berlin. Der Mann, den er 
Umfrage der Bundesregierung erhal- 
llionen Menschen innerhalb der Bun- 
?sins Renten aus einer öffentlichen 
er Durchschnittsbetrag der einzelnen 
izung beläuft sich auf 73,82 DM. 
 jährlicher Verteldigungsbeitrag von 
ist ohne Beeinträchtigung des Wirt- 
füges der Bundesrepublik zu leistenl" 
Von Philipp Wiebe 
er    Am 9. Januar 1955 wäre Kurt Tucholsky 65 Jahre alt ge- 
el    worden, wenn er sich nicht am 21. Dezember 1935 - also 
r   vor 19 Jahren - das Leben genommen hätte.., 
die junge Generation von den Schrecken 
- wer sagt's ihr so oft, wie's nötig Ist: also 
wurden 
i persön 
te noch le 
1925 
.Größenwahnsinnig gewordene Postsekretre entschieden 
über das Schicksal von Menschen. Arzte deckten die Ver- 
brechen. So war es. - - - Und als es vorbei war, als die 
Kaufleute und die dumm schlauen Diplomaten Halall 
bliesen (»Hirsch tot!«): da liefen sie alle auseinander, 
zwängten sich in den Zivlkragen - und nun ist es keiner 
gewesen. Jeder hat die Verantwortung getragen, je4er 
hat nur die Reglements befolgt, jeder hat nur die Regle- 
ments ausgearbeitet, die nötig waren - »Sie glauben 
nicht, wie nötig!« -: keiner konnte dafür. »Es mögen
Fehler vorgekommen sein»..." 
lich"  Das schrieb Kurt Tucholsky nach dem ersten Weltkr 
eben,   nicht nach dem zweiten!! Und die Torheit, den Gr 
kein    wahn, den Snobismus der deutschen     Korpsstuc 
- gar   geißelnd und davor warnend, schreibt er im Jahre 
Fortsetzung Seite 8 


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