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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Carl Zuckmayer,   pp. 186-187 ff. PDF (739.8 KB)


Page 186


blick fragte ich mich: wissen sle es am Ende noch nicht? Aber sle waren
Englander, geubt, ihr Geftihl zu bezahmen. Sie brauchtqn nicht Fahnen und
Trommeln, nicht Larm und Musik, um sich zu bestarken in ihrer zahen,
unpathetischen Entschlossenheit. Wie anders war es in jenen Julitagen 1914
in Osterreich gewesen, aber wie anders als der junge, unerfahrene Mensch
von damals war heute auch ich selbst, wie beschwert mit Erinnerungen! Ich
wuBte, was Krieg bedeutete, und indem ich auf die gefuillten, blanken Ge-
schafte blickte, sah ich in einer heftigen Vision jene von 1918 wieder, aus-
geraumt und leer, wie mit aufgerissenen Augen einen anstarrend. Ich sah
wie in einem wachen Traum die langen Schlangen der verharmten Frauen
vor den Lebensmittelgeschaften, die Miitter in Trauer, die Verwundeten, die
Krdppel, all dies nachtige Grauen von einst kam gespenstig zur-lek im strah-
lenden MIittagslicht. Ich erinnerte mich an unsere alten Soldaten, abgemrdet
und zerlumpt, wie sie aus dem Felde gekommen, mein pochendes Herz ffihlte
den ganzen gewesenen Krieg in jenem, der heute begann und der sein Ent-
setzliches noch den Blicken vetbarg. Und ich wulite: abermals war alles
Vergangene voruiber, alles Geleistete zunicbte - Europa, unsere Heimat,
fur die wir gelebt, weit uiber uinser eigenes Leben hinaus zerstort. Etwas
anderes, eine neue Zeit begann, aber wie viele Hollen und Fegefeuer zu
ihr hin waren noch zu durchschreiten.
CARL ZUCKMAYEJ3t
1896 In Nackenheim  (Hessen) geboren,
war einer der erfolgreichsten deutschen
Dramatiker des Jahrzehnts vor 1933. Sein
Volksstllck ,,Der frohliche Weinberg"
(Kleistpreis), spater ,,Der Hauptmann von
Kopenick", die Seiltanzerkomodie ,,Katha-
rina Knie" und ,,Schinderhannes" machten
seinen Namen weithln bekannt. Er schrieb
naturhafte Verse und urwilchsige ErzAh-
lungen. Abwechselnd in Berlin und bei
Salzburg lebend, ging er nach dem -Ein-
zug der Deutschen in osterreish ilber die
Schweiz nach den USA, wo er als Farmer
lepte. Dort erschienen ,,The moons ride
over" und die Autobiographie ,,Second
Wind". Sein neuestes Stfick Des Teufels
General", die Tragodie eines Mannes, der
gegen sein Gewissen handelt, wurde in
Zirich im Dezemberl946 unter begeister-
ter Zustimmung des Publikums uraufge-
fiihrt. Von weiteren BEIchern sind zu nen-
nen: die Romane ,,Magdalena von Bozen'
und ,,Herr fiber Leben und Tod" sowie
der Essayband ,,Pro domo" und seine vor
kurzem erschienene Novelle ,,Der Seelen-
brau". Zuckmayer ist jetzt als amerika-
nischer Theateroffizier in Deutschland. -
Der SchluB seiner 1925 im Europa-Almanach
publizierten Novelle ,,DER PRARIE-
BRAND" zeigt den Eigenwuchs seiner Epik:
Er sah eine blendende, tObersinnliche Helle um sich her, doch brauchte er
die Augen nicht davor zu schliellen, daxs Schmetzen der Haut, das furcht-
bare Reiten und Zucken der Nerven war wie ausgelbscht. Ein unbegreif-
liches, unbeschreibliches Gefiihl von Schweben, Fliegen, Emporwirbeln, Hin-
sinken, Sichtreibenlassen, Sichverlieren rieselte, flutete, wehte (lurch
seinen
verdurrten Leib. Der Flug leichter Asche, weilen, schaumigen Staubes im
Wind, in den Luiften, im Ather. Wie durch die scharfste Lupe sah er riesen-
groB3 und mit glasklaren Konturen die Aste, des Buschwerks, die umwehen-
den, zitternden.Graser, die kleinen Erdbrocken in der Luft, die schwirrenden
Myriaden der Staub- und Rulk6rner. Dahinter eine Wand von brausendem
Licht, die nach oben immer heller, immer demantner, immer leuchtender,
immer himmlischer wurde, als ware sie nicht die Strahlung verbrennender


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