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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Stefan Zweig,   pp. 185-186 PDF (707.8 KB)


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rtickend, streng, leise, sachlich auf die Unterwerfung des gesamten Staates
unter die Wunsche -   er nannte sie Notwendigkeiten -  der schweren In-
dustrie, d. h. seiner selbst, hiinsteuerte, wenn man den Krieg gewinnen wolle,
lachte Schieffenzahn hinter der Hand uiber diese ,,Koofmichs", die sich
mit
ihrem bi~chen Geld der Staatsgewalt tiberzuordnen trachteten. Er gedachte,
mit ihnen zu marschieren, so weit es ihm paBte, und sie im geeigneten
Augenblick abzuhaiftern, da schliellich und endlich die Macht bei den
Bajonetten stand. Er wuBte nicht, daQ. der bleiche, wahrscheinlich ungesunde
Melonenhuttrager da seit einem Jahr bereits von der schweren Schwachung
des Staatsgefuges aus operierte, die er seit der verlorenen Schlacht von
Ver-
dun mit Sicherheit erwartete. Fur ihn druckte sich diese Minderung an
Macht und Vertrauenswurdigkeit in einem Wahrungsfall aus. Nie mehr er-
langte die deutsche Mark ihre volle Hohe von vor dem Kriege oder selbst
ihres heutigen Wertes in Zilrich zur~ick. Denn er verstand, weshalb sie an
dieser neutralen Bbrse bei jeder Aussicht auf fruhen Frieden sofort um
Punkte stieg, aber alsbald zu sinken begann, wenn deutsche Siege, Siege
wohlbemerkt, die Verlangerung des Krieges urn noch elne Jahreszeit an-
8agten. Daraufhin machte er seit einem Jahre in wachsender Hohe bei der
Reichsbank Markschulden. Er war sicher, far sich de Krieg in bar zu ze-
winnen.
STEFAN ZWEIG
1881 In Wien geboren, veroffentlichte  als einen hervorragenden Epiker. Er
ge-
seine ersten Gedichte mit zwanzig Jahren  h6rte zu denen, deren Bticher auf
dem
und wurde, nach manchen Zwischen-    Scheiterhaufen verbrannt wurden. Im
Exil
stufen, einer der Meister des Essays und  schrieb er u. a. ,,Das Leben der
Marie
der biographisch-cichterischen Darstellung  Antoinette"  und  ,,Mary,
Kdnigin von
(,,Kampf mit dem Damon", ,,Drei Dichter  Schottland". Zweig endete,
von Heimweh
ihres Lebens", ,,Drei Meister", ,,Joseph  verzehrt, durch Freitod
in Rio de Janeiro,
Fouch&'). Seine vor 1933 geschriebenen  zusammen mit seiner Frau. - Hier
ein Ab-
Novellenbande ,,Amok", ,Verwirrung der  schnitt aus seiner autobiographischen
Dar-
Geftlhle" und ,,Kleine Chronik" zeigen ihn  stellung ,,DIE WELT
VON GESTERN";
Ich schrieb, ich dachte noch immer in deutscher Sprache, aber jeder Ge-
danke, den ich dachte, jeder Wunsch, den ich fUhlte, gehorte den Landern,
die in Waffen standen fur die Freiheit der Welt. Jede andere Bindung, alles
Vergangene und Pewesene war zerrissen und zerschlagen, und ich wulBte,
da13 alles nach diesem Kriege abermaligen Anfang bedeuten musse. Denn
die innerste Aufgabe, an die ich alle Kraft meiner tYberzeugung durch vierzig
Jahre gesetzt, die friedliche Vereinigung Europas,- sie war zuschanden ge-
worden. Was ich mehr gefiirchtet als den eigenen Tod, den Krieg aller gegen
alle, nun war er entfesselt zum zweitenmal. Und der ein ganzes Leben leiden-
schaftlich sich bemuht urn Verbundenheit im Menschlichen und im Geiste,
empfand sich in dieser Stunde, die unverbruchliche Gemeinschaft forderte
wie keine andere, durc]h dieses jahe Ausgesondertsein unniutz und allein
wie
nie in seinern Leben.
Noch einmal wanderte ich, um einen letzten Blick dem' Frieden nachzutun,
hinunter zur Stadt. Sie lag still im Mittagslicht und schjen mir nicht anders
als sonst. Die Menschen gingen mit ihren gewohnlichen Schritten ihren
gew6hnlichen Weg. Sie eilten nicht, sie scharten sich nicht gesprachig zu-
sammen. Sonntaglich ruhig und gelassen war ihr Gehaben, und einen Augen-
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