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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Arnold Zweig,   pp. 184-185 PDF (699.9 KB)


Page 184


OTTO ZOFF
1890 geboren, vor 1933 als Dramatiker und
Erzahler  bekanngeworden,   emigrierte
und lebt jetzt in den USA. Im Exil
Ischrieb der Dichter unter anderem  ein
Buch tiber die Hugenotten. = In einem
1925 erschienenen Essay ,,KLEINE REDE
VlBER KIPLING" sagt Otto Zoff in einem
zusammenfassenden Schlusabschnitt:
Er hat der vulgarsten Belanglosigkeit das Gewicht der Ewigkeit gegeben.
Eben noch wog sie federleicht; er hat sie angesehen, und sie wiegt so schwer
wie die Erde. Der Dschungel, der ausgerodet wird, o,hne einen Laut von sich
zu geben, der Affe, der mit einem stummen Blick in seinem Kafige krepiert,
der Leutnant, der sich Schulden halber eine Kugel durch den Kopf jagt. die
tibetanische Sanfte, die man zerfallen laBt, weil die Eisenbahn fertiggebaut
ist, die Schuissel des Bettlers, die sich mit Gaben fillt, ein wackliges,
altes
Billard, der fliehende Schwarm von Papageien, ein Mihlenrad, das von der
Turbine verdrangt wird - sie alle werden zu den erschutterndsten Sinn-
bildern jenes groBen Kampfes zwischen Natur und menschlicher Zivilisation.
Sie alle werden Sinnbilder fur das Dilemma unserer heutigen Zwischen-
existenz, fur das gr6Bte Dilemma der Weltgeschichte seit jenem Untergang
des Mittelalters, da der Wissensdrang das Dogma ablbste: eine Menschheit,
die aus der Landschaft fortwandert, um sich endgoiltig in der Zivilisation
anzusiedeln. Das ist der Sinn seiner Geschichten, ein h6chst unsichtbarer,
unaufdringlicher, wahrscheinlich von- ihm selbst geleugneter Sinn. Spatere
Generationen werden von jenem Lama in ,,Kim", der ahnungslos, versunken
In Meditation, mit der Vertrauensseligkeit eines Kindes durch die indische
Zivilisation hinwandert, nur mit Kopfschtitteln lesen. Sie werden erkennen,
daB der Mensch um die Abendwende des neunzehnten Jahrhunderts aus-
gestorben ist wie ein iiberfluissig gewordenes Tier.
ARNOLD ZWEIG
1887 in Glogau geboren, schrieb, knapp
filnfundzwanzigjahrig, die ,,Novellen um
Claudia", danach Dramatisches, die Er-
zahlung ,Pont und Anna" und 1928 den
groBen Kriegsroman ,,Der Kampf um den
Sergeanten Grischa". Seine gesammelten
Erzahlungen erschienen in zwei Bsnden
,,Knaben und MSnner" und ,,Madchen und
Frauen". Er hat im ,,Caliban" den Anti-
semitismus als ein typisches  Eeispiel
merschlicher Gruppenleidenschaften ent-
larvt und ist, von den Nazis verfemt, als
flbe~rzeugter Zionist nach Paldstina ge-
gangen.- Im Exil entstanden u. a.: ,In-
sulted and Exiled", ,,Bonaparte in Jaffa",
,,Versunkene Tage", ,The living Thoughts
of Spinoza" und ,Das Beil von Wands-
bek". - Hier eine Episode aus dem
vor 1933 publizierten Roman ,DER
KAMPF UM DEN SERGEANTEN GRI-
SCHA", der seine Fortsetzung in den Ro-
manen: ,Erziehung vor Verdun" und ,,Ein-
setzung eines Kbnigs" fand. Diese beiden
Romane entstanden auch in der Emigration.
Zw6lf Uhr empfinig Pchieffenzahn zu langer Unterredung den Abgeord-
neten Schilles, Ruhrrevier. Dieser Politiker, bleich, kinnbartig, Mandelaugen
Uiber einem lasch fallenden, Anzug, war freilich zu gleicher Zeit der gr6Bte
Industrielle des Kontinents, Kohlenherr, Erzherr, Schiffsherr, Fuihrer im
Kampfe Pm die Annexion lothringischer Erze und nordfranz6sischer Hiitten.
Er slaB in dem einzigen Polsterstuhl des Zimmers, seine feine Hand schwach
auf der Lehne. Sie sprachen miteinander achtungsvoll, sehr vorsichtig; beide
sogen lange Pausen aus ihren Zigarren. 'Bei gleichen Interessen witterten
ste
voneinander verschiedene Ziele. Wdhrend der Magnat den Kopf hin und her


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