University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdrückt
([1947])

Johannes Wüsten,   pp. 179-180 PDF (701.5 KB)


Page 179


kraftgenialischen Brutalit'at. En ,,petit caporal" ohne diese saftige
Kraft
fille wirkt, wenn taktvolles Verstandnis, seine Worte und Gesten niclZt
regelt, leicht als Karporal..Napoleon hat das unverdiente Gluick, daB man
mit seiner Epoche immerhin den in der Architektur zu reifen Schopfungen
gediehenen Empirestil in Verbindung bringt. Wilhelm II. hat jene Talmi-
Renaissance hinterlassen, die der fiirchterliche Ausdruck gedankenloser
Prunljust und eingedrillter Hetoenverehrung ist. Feineres Kunstempfinden
war ihm fremd, die durchgeistigte Sch6nheit blieb Ihm verborgen, Realismus
und Naturalismus, die aus der akademischen Starrheit und der glatten
Theatermache erlosen muBten, schienen ihm nur gemein. Gewil3 hat ihm
in Rom irgendeine pathetische Galeriefigur besser als der Moses des Michel-
angelo gefallen. Und wie er den Marmor nur als Material fuir eine Im
Grunde unsagbar nuichterne Heldenfabrikation gelten lieZ, auf Theater-
proben die historische Treue von Reiterkostuimen hoher als das reine Aus-
stromen des dichterischen Atems schatzte, blecherne Versgespreiztheit fur
Poesie nahm, so litten seine meisten Bekundungen unter dem Mangel an
Geschmack, Taktsicherheit und MaB. Wenn er den Kaisermantel, den er
vor der Menge trug, abwarf, stieg er manchmal aus den himmlischen
R<egionen in Auerbachs Keller hinab. Wenn er in burschikoser Stimmung
oder in zorniger Hitze sich gehen lieB Oder fern von der ehrftirchtig zu-
schauenden Galerie zu intimen Aullerungen ausholte, erschien haufig jene
naive Derbheit, die der Komment des Korpsstudenten nur auBerlich unter-
druckt. Dann fand er es lustig, einen bejahrten Regimentskommandeur vor
jungen Offizieren in den Schnee zu werfen und kalt abzureiben,' seine Be-
gleiter zum Durchwaten eines eiskalten Baches zu zwingen, oder er kniff
einen Bundesfursten und schlug einen fremden Prinzen aufs Hinterteil.
Kenner der hofischen Gebrauche, die sein Herz gewinnen wollten, erzahlten
ihm die tneuesten Witze - einige ,telegraphierten ihm sogar - und die
Nordlandfahrten waren bei Bier und Wein durch eine Kasernenfro-hlich-
keit aus-e'zeichnet, vor der auch der Generalstabschef von Moltke ver-
zweifelna'fioh,
JOUiANNES WUSTEN
Wilsten wurde 1896 In Heidelberg ge-  kussionen  der deutschen  emigrierten
boren und erhielt seine Ausbildung zum  Schriftsteller. Er fiel nach der
Besetzung
Maler in Dresden und Berlin. Er war  von Paris in die Hande der Gestapo,
Kriegsteilnehlmer im  ersten Weltkrieg.  wurde zu ftlnfzehn Jahren Zuchthaus-
zweimal verwundet. Im Iaufe der Jahre  strafe verurteilt und erlag seinen
Qualen
nahm die Literatur ihn in gleichem und  im Zuchthaus zu Gollnow im Jahre
1945.
am Ende sogtir in hoherem Mase in An-  Sein 1938 beendeter gsol er Roman
,,RtAbe-
spruch als die Malerei. 1932 wuirde sein  zahl", in dem er den Kampf
der schlesi-
Schaispiel ,,Die Verritergasse" in ver-  schen Weber und Manufakturarbeiter
be-
schiedenen Stidten Schlesiens aufgefthrt.  handelt, wurde in seinem  Nachlas
ge-
Wtsten ging 1934 ins Exit und nahm   funden und wird demndchst verioffentlicht
In Frankreich hervorragenden Anteil an  werden. Aus dem im Aufbau-Verlag
er-
den literarischen Bemtihungen und Dis-  schienenenBand,,MALERGESCHICHTEN"5I
Antoine traumt in dieser Nacht, er male das Madchen. Lieblich ruht sle Im
Schatten einer alten Linde. Der machtige Stamm, ausgehohlt und morsch,
schlagt das empfindsame Motiv vom Werdeh und Vergehen an. Antoine freut
sich: ware dieser Baum nicht ein Symbol, der nachste WindstoB w"rde
ihn
179


Go up to Top of Page