University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Theodor Wolff,   pp. 178-179 PDF (643.9 KB)


Page 178


ALFRED WOLF1ENSTEIN
1888 geboren; erschien wie Werfel, Becher,
Ehrenstein und zahllose andere Lyriker
in der Anthologie ,,Menschheitsdamme-
rung". Seine Verse und Dramen sind er-
ftlllt von menschheitsversihnendem Geist,
mit elnem stark aktivistischen Einschlag.'
Er lebte unter der deutschen Besetzung
illegal in Frankreich und starb kurz nach
der Befreiung in Paris. - Dem im Kurt-
Desch-Verlag in  Muinchen  erschienenen
Hyperion-Kalender fUr 1947 entnehmen
wir das Gedicht ,,DER GUTE KAMPF".I
Herbel 1hr alle, die der Seele dienen,
Aus tonendem Haupt der Kunst, aus bewegenden Mienen
Im Werk die arme Welt vollkommener bauen,
Im Schwung des Wbrts, im Schwarm der Violinen -
Und die voll Sorgen In den Kohlengruiften,
an Iremdem Baugerus7, in schwindelnden Luften
Arbeiten nackt in Armut, Gift und Dampf -
Zu andrem Kampl! Zu andrem Kampi hebt Haupt und Hultenl
Ihr Freunde, wohnend diberall,
Ihr Sehaffenden, quer durch den hohlen Schwall,
Durch Sumpfe Geld, durch Abgrund Krieg, durch Wilste Gleichmut
Quer durch der Lander falsch zerteilten Ball:
Erscheintl
THEODOR WOLFF
Theodor Wolff wurde 1868 in Berlin ge-
boren. Er gehdrte zu den Pulolizisten von
politisch feinster Witterung, die Deutsch-
land vor 1933 besaB. In seinen zahllosen
Leitartikeln im ,,Berliner Tageblatt", Do-
kumenten groBer Politik und stilistischen
Meisterwerken, und in seinem Werk ,,)as
Vorspiel', einem Buch der Abrechnung
mit den Fehlern der wilhelminischen Aera,
hat sich seine politische Weitsicht. aus-
gepragter als die des spater schwanken-
den Maximilian Harden, erwiesen. - 1933
ging Theodor Wolff ins Exil nach Frank-
reich, wurde beim Einmarsch der Deut-
schen nach Deutschland verschleppt und
starb im November 1943 im KZ Oranien-
burg. Im E'Xil schrieb er zwei als hervor-
ragend bezeichnete BUcher: ,,Krieg , des
Pontius Pilatus" und ,,Marsch curch zwei
Jahrzehnte'. In seineem vor 1933 geschrie'
benen Buch ,,DAS VO1ISPIEL6" steht eine
gute Charakteristik Wilhelms des Zweiten.
Aus seinen unbestreitbaren Gaben konnte kein wirklicher Gewinn enti
stehen, well sein Gottahnlichkeitswahn ihn vollig unkritisch machte, nicht
nur zur Verachtung- des Volksempfindens, sondern auch, ohne sichere Bli-
dungsgrundlagen, zur Respektlosigkeit vor reiner Geistesbildung trieb. Er
huldigte dem Geiste nur, wenn der Geist ihm, seinem I4ause, seinen dynasti-
schen Legenden huldigte, und wahrend Frankreich Triumphbogen fir
Pasteur errichtete, glaubte der deutsche Kaiser einem Virchow weder Dank
noch Ehrerbietung sohuldig zu sein. Der Mangel an wirklichem Kulturgefuhl
hing zusammen mit dem Mangel an Geschmack. ,,Der gute Geschmack ist
Ihr pers6nlicher Feind - wenn Sie sich durch KanonenschUsse von ihm
befreien konnten, wiurde er schon langst nicht mehr existieren", hat
an-
geblich Talleyrand zu Napoleon gesagt.' Bei rmicksichtslosen Eroberernaturen
erscheint Geschmacklosigkeit beinahe als ein. notwendiger Bestandteil der


Go up to Top of Page