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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Ernst Wiechert,   pp. 176-177 PDF (616.8 KB)


Page 176


Jeder Mann, der nur ein einziges Mal ein musikalisches Erlebnis gehabt
hat, weiB, daB derjenige, welcher solche Erlebnisse nicht kennt, ein Bettler
ist. Die wir das Elend in der auBeren Welt iiberzeugungstreu bekampfen,
warum dulden wir soviel Elend in der inneren Welt? Die Realgesinnung
zuckt naturlich die Achseln. Ste halt das alles fur weit irrealer als zum
Exempel das Bridgespiel. Ich aber frage, welch ungeheure Glucks-
vermehrung auf Erden miulte es sein, wurde jedem Menschenkind die Nah-
rung der Melodie zuteil? Und die Musik ist ja nur eine Provinz. Welche
unentdeckten Welten schlafen noch in der Erlebniskraft des Auges, welche
Wonnen im Kosmos der Sprache, welche Daseinssteigerung in der Himmel-
fahrt des Gedankens? Wir aber haben nicht solche Erweckungen zu er-
warten, sondern den Gaskrieg! Und schuld wird sein das seelische Banausen-
tum der politischen und okonomischen Weltfflhrung! Denn alles Bose und
Dumme auf Eiden ist nicht tibermenschliches Schicksal, sondern eine tdd-
liche Form der Phantasielosigkeit und Unmusikalitit.
ERNST WIECHERT
Ernst Wiechert gehort zu den Autoren,  Desch In Minchen erschienenen Buch
deren Bilcher zwar nicht verboten waren,  ,,Der Totenwald". Sein neuer
Roman
die aber wegen ihrer Haltung verfolgt  *,Jons Ehrenreich Jerornin",
die Fort-
wurden. Er wurde 1887 im Forsthaus Klei-  setzung der ebenfalls bet Desch
in Mtln-
nert in Ostpreusen geboren und schrieb  chen erschienenen ,,Jeromin-Kinder",
er-
zahlreiche Erzahlungen und Romane (,,Die  weist von neuem seine epische Begabung
Majorin", ,,Die Magd des Jilrgen Dosko-  und sein VerantwortungsgefUhl.
- Aus
oil", ,,Das einfache Leben", ,,Hirten-  seiner bet Kurt Desch in
Mtlnchen er-
novelle" usw.). Die Passion seiner KZ-Zeit  schienenen REDE AN DIE DEUTSCHE
erleben wir in seinem jilngst bet Kurt  JUGEND bringen wir einen Abschnitt:
Es wird wohl so sein, daB eure Augen sehender geworden sind. Ffir die
Tafeln der Namen wie fUr die der Geschichte. Und vielleicht werdet ihr
eines als eure Hauptfrage erkennen: daB es von dieser Stunde an niemals und
unter keiner Bedingung einen deutschen Staat zu geben hat, in dem einer
oder zwei oder drei das Recht besitzen, ein ganzes Volk auf die Schlachtfelder
zu schicken, ohne vorher das ganze Volk zu befragen, Mutter und Sohne zu
befragen. Lalit mich e3.uch dies auf die Seele binden wie ein Vermachtnis.
Denn auf den Schlachtfeldern verbluten niemals die zwei oder drei, sondern
auf ihm verbluten die MUtter und die Sohne, und wenn uns nichts auf dieser
Erde gehort, so doch wenigstens das Blut unserer Herzen, und in unsere
Hand muB es gelegt sein zu entscheiden, ob sle es an ein blutiges Phantoin
hingeben oder an die Werke der Liebe und Menschlichkeit. Erkennt bis zu
eurem Herzensghunde, was die Gewalt ist, die Luge, der HaB, das Unrecht,
die Phrase. Und wenn ihr es erkannt habt, dann sat es aus in die Herzen
des kommenden Geschlechtes. LaBt euch kein Unkraut verdrielen, keine
Dtirre, keinen Hagelschlag. Und wenn es hundertmal mitilungen ist, so be-
ginnt mit demselben Glauben, mit dem ihr das erstemal begonnen habt. Er-
Innert euch des Vogels im Marchen, der alle\tausend Jahre kommt, um ein
Kornchen aus dem Demantberg zu brechen. Erinnert euch daran, was vor
euch steht, und daB es in der ganzen Weltgeschichte niemals eine groBere
Aufgabe gegeben hat als die eurige. Das Blut eines Volkes zu erneuern und


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