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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Franz Werfel,   pp. 175-176 PDF (714.5 KB)


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FRANZ WEUFEL
1890 in Prag geboren, Lyriker, Epiker
und Dramatiker von Weltrang, verliffent-
lichte seine ersten Gedichte mit 21 Jahren.
Die Sammlung hieS ,,Der Weltfreund",
Und viele andere sind ihr gefolgt (,,Wir
mind", ,.Einander" usw.). Kritik und Pu-
blikum horchten auf: da war ein neuer
Ton. Dann dichtete Weriel die ,,Troe-
rinnen" des Euripides um, er schrieb
die dramatische Allegorie ,,Der Spiegel-
mensch", die dramatische Historie des in
Mexiko erschossenen Habsburgers: .,Jua-
rez und Maximilian", dann ,,Paulus unter
den Juden" und die grolien Romane
.Barbara oder die Frommigkeit", ,,Verdi",
,,Der Abituriententag" und ,,Die Geschwl-
ster von Neapel". Zahlreiche BiUlier ent-
standen im Exil in den USA. Im Jahre
1943 erlitt er einen heftigen Herzanfall,
aber er arbeitete, ohne seine Gesundheit
zu schonen, an der Vollendung seines
letzten, tausend Selten umrfassenden Ro-
mans ,,Stern der Ungeborenen". bis ihn
der Tod am Schreibtisch ereilte. Seine
neuen Gedichte wdrden im Vetlag der
Paziflschen . Presse in Los Angeles er-
scheinen. Sein im Exil entstandener Ro-
man ,,Das Lied von Bernadette" wurde
vom Tagesspiegel vorabgedruckt; ein an-
derer ,,Der gestohlene Himmel", ist uns
noch nicht zuginglich gemacht worden.
Werfels letztes dramatisches Werk ,,Ja-
cobowsky und der Oberst", eine Komidie,
wurde 1943 mit Oskar Karlweis und Anna-
belle uraufgpftlhrt und zwei Jahre lang
vor ausverkauften Hdusern gespielt. -
Aus einer Rede Werfels thber ,,REALIS-
MUS UND INNERLICHKEIT" zitieren
wir die auch heute noch in aller Gilitig-
keit bestehenden Sdtze eines Dichters,
der von der Sendung des geistigen Men-
schen jederzeit tief durchdrungen war:
War bisher alles Behauptung und versuchter Bewels, so mul3 ich nun
elnen Glaubenssatz aussprechen: Nur der musische Mensch vermag die
durch den Sachglauben zerstorte Innerlichkeit wieder aufzubauen.
Wohlgemerkt! Ich meine nicht die Kunst, nicht Kunstwerke, und auch
nicht den Ktinstler, nein, ich meine den seelisch-gelstig bewegten, den er-
schtitterlichen, den rauschfahigen, den phantasievollen, den weltoffenen,
den
sympathiedurchstromten, den charismatischen, den im weitesten Sinne musi-
kalischen Menschen. Ist es nicht verwunderlich, daB Im Laufe der Ge-
schichte alle menschlichen Typen an der Reihe der Herrschaft waren, nur
er nicht? Es ist nicht verwunderlich! Macht und Ehrgeiz hangen immer
mit dem Horror vacui zusammen. Der Tatsachenmensch, der Tatmensch, der
Tater, der Tuer, der Macher ist fast immer leer und starr; vom Machtwillen
ausgebrannt. Der musische Mensch hingegen ist der ewig Erfillte, der
Schltlsselbewahrer jenes Himmelreiches, das in uns liegt.
Sagen Sie bitte nicht, daP. ich mich jetzt versteige und daB der musische
Charakter ein seltener Ausnahmefall in dieser Welt ist. Das Gegenteil ist
wahr. Er begegnet uns hundertmal. An seinem Blick erkennt man ihn, mit
dem er irgendeinen Vorgang der Stralie beobachtet, an seiner Versunken-
heit im Kino zum Beispiel, oder an der Neigung seines Kopfes, wenn er
Musik h6rt. Er kommt in allen Klassen und Stdnden vor, nur ist ihm seine
Begnadung zumeist unbewulit. Ich gehe weiter: alle Menschen besitzen
einen musischen Kern. Bei der Mehrzahl ist er nur durch Sorge und Real-
gesinnung verschittet. Ein anderer Teil wiederum, durch falsche Ideale
vergiftet, bekennt sich nicht zu ihm. Denken Sie bitte an die Sage von
Orpheus, dessen Gesang und Spiel nicht nur die Tiere und Baume, sondern
sogar die Steine zum Tanz mitreiPlt. Die Steine bedeuten das starrste
Prinzip der Sachlichkeit. Aber selbst in ihnen steckt das Orphische, das
dem Orpheus antwortet. Irgendwo habe ich einmal gelesen, daI3 alle Men-
schen a priori musikalisch seien und nur durch gewisse Hemmungen und
durch den verkehrten Erziehungsgang wieder unmusikalisch werden. Be-
denken Sie, meine Damen und Herren, was es bedeuten wtirde, wenn die
Immanente Musik, die in uns allen schlummert, erweckt werden klnnte.
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