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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

F. C. Weiskopf,   pp. 173-174 PDF (632.8 KB)


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F. C. WEISKOPF
Der 1900 geborene und in deutscher   deutscher Sprache verlffentlicht. In
der
Sprache schreibende tschechische Schrift-  Emigration schrieb er auBerdem
die Ro-
steller veriiffentlichte seine ersten BUcher  mane ,Die Versuchung"
und ,,Vor einem
im Malik-Verlag in Berlin. 1933 emigrierte  neuen Tag". Weiskopfs Nachdichtungen
er und lieB 1944 im Bermann-Fischer-Ver-  ,,Das Herz - ein Schild" wurden
mit dem
lag, New York und Stockholm, seinen Ro-  Herderpreis ausgezeichnet. Auch
mehrere
man ,,Himmelfahrtskommando" in Form  Anekdoten-Sammlungen und ein AbriBl
der
des Tagebuches eines jungen Sudeten-  Exilliteratur 1933-47 entstanden im
Exil.
deutschen aus dem Jahre 1942 erscheinen.  Zwei seiner Anekdoten hat uns der
Ver-
Sein neuer Roman ,Abschied vom Frie-  fasser zur Verfugung gestellt; sie
folgen
den" wird bei Querido, Amsterdam, in  hier als kleine Probe seines Schaffens:
Der Maler Picasso wurde nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris zu
8einer eigenen und zur tYberraschung seiner Freunde von den Eroberern vollig
unbehelligt gelassen, wohl weil das Reichspropagandarninisterium aus dieser
Tatsache im Ausland Kapital zu schlagen hoffte.
Offiziere und Soldaten der Wehrmacht waren in der Folge haufige Besucher
von Picassos Atelier. Ein jeder dieser ungebetenen Gaste wurde stumm
empfangen, stumm herumgefiihrt und erhielt beim Abschied eine Reproduktion
des bertihmten Gemaldes, das die Zerstorung der baskischen Stadt Guernica
durch Naziflieger darstellt. Erst dann sprach Picasso ein Wort und immer
nur das eine: ,,Souvenir!"
Eines Tages stellte sich bei ihm ein Beamter der Geheimen Staatspolizei
ein, wies eine solche Reproduktion vor und fragte: ,,Haben Sie das gemacht?"
,,Nein", entgegnete, indern er den Kopf schittelte, der Meister, ,,das
haben
SIE gemacht."
Ob der Agent diese Antwort nicht oder nur allzu gut verstand, ob er von
Ihrer Kiihnheit uaberwaltigt wurde, oder sie als AuBerung eines Wahnsinnigen
auffalte, bleibe dahingestellt, er ging, und Picasso h6rte nie wieder von
ihm.
Dies hat sich im Jahre 1944 zugetragen und so etwas ist, wie es In Johann
Peter Hebels ,,Schatzkastlein des Rheinischen Hausfreundes" heilt, des
Lesens
zweimal wert.
Francois-Marle Dudillier, ein etwas heruntergekommener Pariser BUrger,
der sich in seiner Jugend als Maler und Photograph, spaterhin als Besitzer
eines Flohzirkus fortgebracht hatte, schien weder durch seine Veranlagung
noch durch sein AuBeres - er hatte eine Gurkennase und war schwach auf
den Beinen -  dazu vorherbesti-nmt zu sein, als Held zu enden. Und wenn
er, durch irgendein Wunder wieder zum Leben erweckt, dartiber befragt
werden k6nnte, ob er sich fuir einen Heiden halte, so ist eins gegen zehn
zu
wetten, dal3 er mit dem gleichen Wortchen ,,Merde" antworten wurde,
das
er den SS-Leuten entgegenschleuderte, als sie ihn an einem Fruhlingsmorgen
des Jahres 1943 zu seinem letzten Gang abholten.
Dudillier hatte sich nie urn die Ereignisse in der grol3en Welt gekrmmert.
Den Krieg schien er mehr fur eine Storung, denn fur ein UnglUck zu halten,
und auch nach der Besetzung von Paris durch die Deutschen versuchte er,
sein Dasein in der altgewohnten Weise fortzuftihren. Gleichwohl muBte auch
In ihm eln Funke jener stolzen Flamme gliuhen, die nach dern Zusammenbruch
Frankreichs in den Herzen seiner besten Sohne hochschlug- denn die Nach-
barn fanden eines Tages die Bude, in der Dudilliers Flohzirkus-Vorstellungen
stattfanden, geschlossen. An der Tir klebte ein Zettel mit der Mitteilung,
daB
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