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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Erich Weinert,   p. 172 PDF (253.3 KB)


Page 172


ERICII WEINERT
1890 geboren, war zunachst Schlosserlehr-  Seit 1923 Publizist und Agitator
der KPD,
ling, besuchte spater die Kunstgewerbe-  war er Verfolgungen durch die Weimarer
schule und bildete sich autodidaktisch.  Republik ausgesetzt, 1933 emigrierte
er
Er schrieb ein Drama ,Thomas Miinzer",  in die Schweiz, ging spater
nach Frank-
bevor er sich als Maler und Graphiker   reich und endlich nach RuBland. Er
ist
betatigte. Er muBte 1914 Kriegsdienste  inzwischen aus dem  Exil zurilckgekehrt
versehen, betatigte sich aber schon 1915  und lebt in Berlin. Erich Weinert
hat vor
als Kriegsgegner. 1918 war er Gelegen-  kurzem neue Gedichtbande ver6ffentlicht.
heitsarbeiter; 1921 schrieb er seine ersten  - Hier ein Gedicht ,EINE DEUTSCHE
politisch-satirischen Gedichte. Er grtln-  MUTTER"; es ist der schon
zitierten An-
dete ein politisches Kabarett in Leipzig.  thologie der Emigrantenlyrik entnommen.
Am Freitag holten sie den Jungen weg.
Er griff noch schnell nach ihrer Hand: ,,Nicht weinenl"
Sie weinte nicht. Sie stand ganz weiB vor Schreck,
Ganz weil vor Schreck. Sie hatte nur den einen.
Sie lag im Fenster bis um Mitternacht.
Dann rannte sie zum Polizeirevier..
,,Um sieben ist er aus dem Haus gebracht."
,,Hans Fischer? JakobstraBe sechs? Nicht hier."
Sie lief zum Polizeiprdsidium.
,,Hans Fischer? Ist hier gar nicht eingetragen."
,,Nicht eingetragen?" Lanrge stand sie stumm,
Ganz weiB vor Schreck. ,,Wo kann man das erfragen?"
Die lachten nur. ,,Das ist so eine Sache.
Vielleicht in Tempelhof. Columbiahaus."
Sie lief dorthin. Da stand ein Posten Wache.
,,Hans Fischer, lieber Herr, ist der schon raus?"
,,Das weiB ich nicht. Es sind so viele hier."
Sie falite seine Hand. ,,Es ist mein Sohn!"
,,Dann fragen Sie beim Polizeirevier!"
Sie stand ganz weiB vor Schreck. ,,Da war ich schon."
Der Posten sagte: ,,Bitte weitergehnl"
Sie lief zurdck zum Polizeirevier.
Es war schon Morgen. ,,Ach, Sie suchten wen?
Hans Fischer, JakobstraBe - der ist hier."
Die Traenen liefen uJber ihr Gesicht.
,,Kann ich ihn sprechen? Kommt er nicht bald raus"
Der Mann am Tische sagte: ,,Leider nicht.
Er ist gestorben. Sieht auch nicht gut aus."
Ihr Mund stand offen. Doch es kam kein Wort.
Man fulhrte sie behutsam vor die Tuir.
Im kalten Morgen stand sie wie verdorrt
Und sank zusammen wie ein Stuck Papier.
Vor tausend Turen tausend Mutter sterben . . .
Doch einmal wird ein wilder Wind aufstehn,
Die kalte Asche ihres Grams verwehn
Und wird die bleichen Mutteraugen fdrben.
Und tausend Mutter stehen auf im Land.
Der toten Sohne Fahne in der Hand.
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