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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdrückt
([1947])

Günther Weisenborn,   p. 171 PDF (259.6 KB)


Page 171


GUNTHER WEISENBORN
Sein erstes Drama ,,U-Boot S 4" wurde
1928 an sechzehn deutschen Btihnen am
gleichen Abend uraufgefthrt. Kurz darauf
reiste Weisenborn nach Argentinien. Zu-
rlickgekehrt schrieb er gemeinsam mit
Bert Brecht 1931 das Drama ,Die Mutter",
nach Gorkis Roman. Alle seine Arbeiten,
einschliefilich eines Studentenromans,,Bar-
baren", wurden 1933 verbrannt und ver-
boten. Er blieb in Deutschland und
schrieb unter einem Pseudonym das
Drama ,Die Neuberin", das mit Agnes
Straub in der HauptroLle allein in Berlin
265mal gespielt wurde. Das Robert-Koch-
Drama ,Die guten Feinde" und zwel Ro-
mane ,Die Furie" und ,Das Madchen von
Fano" folgten. Wahrend des Krieges
schiolo sich Weisenborn der Untergrund-
widerstandsbewegung an, wurde 1942
wegen Hochverrats verurteilt und bei
Kriegsende aus dem Zuchthaus Luckau
be,freit. Sein Schauspiel ,,Die Illegalen"
hatte einen sensationellen Erfoig auf vielen
deutschen Bflhnen. Seine neueste drama-
tische Arbeit, ,,Babel", wurde in Weimar
und Berlin aufgeftihrt. Gtinther Weisen-
born (tibrigens Jahrgang 1902) schrieb das
Gedicht ,,HEIMKEHR NACH BERLIN":
Als fch In Eure Stadt hineinmarschierte,
Verwildert und zerlumpt und noch recht kihn,
Da sah ich gleich, daB die Stadt nur halbhoch stand,
Und es war nicht Babel, nein, es war Berlin.
Und die Ha'user hatten alle einen Knicks gemacht,
Wie ein Kochtopf war sie abgedeckt, die Stadt.
Die Etagen waren damals flink hinabgehupft,
So dali die Stadt heut nur noch Erdgeschosse hat.
Ich marschierte allein durch das Ziegeldickicht,
Und ein Ful3pfad drin, der hiel3 einst Tauentzien,
Und der Wind sang ein Lied, das gefiel mir nicht,
Doch es war der alte Wind von Berlin.
Manche Lampe hing da oben schief im Himmelslicht,
Zwei Gardinen wehten bleich im Mondenschein.
Die einst oben schliefen, schlafen weiter unten jetzt
In den Kellern, ohne Traum und Kopf an Bein.
Laut hallten in den Stralien meine Schritte,
Ach, da gingen leise viele Schritte mit.
Es sind viele mit mir heimgekommen,
H6rt Ihr unsern Holzpantinenschritt?
Da lief ich flink durch Truimmer und Kanonen,
Und was ganz war, war allein der grol3e Mond.
Sieh, ein Scherbenteppich glitzerte und klirrte unterm Schuh,
Und ich lief dahin, wo ich einst gewohnt.
Wo ich liebte und sie des nachts umarmte,
Freund, da oben sah ich nichts als lauter Lull.
Ja, da steh' ich nach drei Jahren in der Fremde
Heimgekehrt und wart' eln wenig, daB sie ruIt.
Und dann frag' ich in den Kellern nach der Lfebsten,
,,Die, ach, die ist lange nicht mehr hier,
Geh mal rauf, vielleicht hat sie was aufgeschrieben."
Die ich offnen wollte, die war weg, die Tur.


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