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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Jakob Wassermann,   pp. 169-170 PDF (570.4 KB)


Page 169


JAKOB WASSERMANN
1873 in Ftlrth geboren, sclrieb zahlreiche  Dcutscher und Jude" ist
eine der auf-
groBangelegte Romane '(,,Die Geschichte  richtigsten Bekenntnisschriften
und zeigt
der jungen Renate Fuchs", ,Kaspar Hau-  die Problematik des deutschen
Juden-
ser", ,Das Giinselninnchen",  Christian  tunis, lange bevor die
unheilvolle Saat
Wahnschaffe", _Faber oder die verlorenen  des nazistischen Judenhasses
aufging.
Jahre", ,Laudin und die Seinen", ,,Der  Jakob Wassermann ist 1934
in Alt-Aussee
Fall Maurizius", ,,Etzel Andergast" u. a.),  gestorben, am Herzschlag
und - wie Os-
Novellen von ebenso groflem Spannungs-  kar Loerke in seinen. Tagebuch aus
der
reiz, die gesammelten Essays ,Lebens-  Hitlerzeit bemerkt: ,,auch an seinem
Gram
dienst" und Bticher tiber Stanley und  und an den Qualen der Zeit".
Worte Jakob
Kolumbus. Seine Schrift ,,Mein Weg als  Wassermanns ,,tBER DAS JUDENTUM":
Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger zu beant-
worten. Das Thema in seiner Unerschbpflichkeit spottet jeder Bemflhung.
Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mil3deutet. Vermittlung stbot
auf Kalte, wenn nicht auf Hohn. tberlaiufertum verbietet sich dem, der sich
achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit fuihrt zu einem Ergebnis nur
fur die, die zur Anpassung geeignet sind, also fir die schwachsten Indi-
viduen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung. Was bleibt? Selbst-
vernichtung? Em  Leben in Dammerung, Beklommenheit und Unfreude, zu
schleppen nur fur jene, die es auf pure Existenz und deren dul3erliche Ver-
bramungen abgoschcn haben, unfaalich fiir die Erleuchteten oder Seelen-
haften, die nur zu wdhlen haben zwischen grenzenloser Einsanmkeit und
aussichtslosem Kampf -?
Es ist besser, nicht daran zu denken.
Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Viellelcht gibt es elne Mog-
lichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder Geist, htiben
oder druben oder auf der Brucke dazwischen. Vielleicht hat er seine Weg-
bereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich mich als einen von ihnen
betrachten.
Ich stehe, am Abstieg des fiinften Jahrzehnts melnes Lebens, In elnem
Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, daB das Getane nicht
umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr und
so vollig wie das andere, keines ist vom anderen zu lisen. Ich spure, daB
dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene Bewuttsein
davon und die vollkommene Diurchdringung mit den Elementen beider
Spharen, orientalischer und abendlandischer, ahnenhafter und wahlhafter,
blutmdl~iger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang ist. Dieses
Neue hat mich in fritiherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb, well ich es
nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen aus; es ging
vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, weil bestandig
huiben und drtiben Arme zu halten, zu wehren, Stimmen zu rufen, zu warnen
da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung. Obgleich
den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja ihnen ver-
fallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich treibt. Und da ich all-
mahlich vertrauen gelernt habe, daS es das Rechte war, wozu es mich trieb,
ist auch einige Ruhe in mich eingekehrt. In dem Bereich, in dem ich wirke,
hangt alles davon ab, ob man die Menschen eroffnen, ergreifen und erhohen
kann. Nicht als ob ich- selbst auf einer Hohe stunde, um nach G6tterweise
die Verlorenen heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Eroffner und Ergreifcr
wird miterhoht um der Liebe willen. Daher glaube ich, de92 im Abstanri


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