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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Paul Westheim,   p. 168 PDF (322.6 KB)


Page 168


Das ist sein Werk. Etwas Schwebendes, etwas Diesseitiges, das aber doch
etwas Jenseitiges ist Die unerhorteste Sammlung von Zorn, Wollust, Anmut,
Versenkung und Ungestiim eines ganzen Zeitalters.
Bine Lebensbeichte.
Pan blast die Flote. Wie ein Magier spielt er vor uns mit Worten wie mit
Kugeln. Er fangt sie und sie erglanzen neu. Zwei Silben fillt er mit Seele
und llB t sie an uns vordbergleiten, eine Insel, eine Wolke im Blau.
Mitten im Parkett des Theaters sitzt er und blast auf der Fl6te. Er blast
sie im Aprilschnee der Groflstadt, bei Rasseln des Ankertaues oder am
Fenster eines Eisenbahnzuges, dessen Rauschen ihn in die Nacht davontragt.
Er bldast seine Weltlust, seine irdische Wanderschaft, in denen der Witz
und
die Anmut sich begegnen, mitten in der Trtibsal einci Zeit, die uns leuchten-
der und froher wurde durch ihn.
PAUL WESTHEITI
Der Kunstkritiker Paul Westheim war
nicht nur im Deutschland der Weimarer
Zeit, sondern auch in den Kreisen der
Kunstsachverstandigen der ganzen Welt
als Autoritat anerkannt. Das von ihm
am Ende des ersten Weltkrieges be-
grifndete ,,Kunstblatt", das er selber bis
zum Tage seiner Flucht aus Nazideutsch-
land geleitet und redigiert hat, war ein
Vorkampfer fUr die moderne Kunst. Vor
allem  der   Expressionismus  verdankt
Westheim viel. Von seinen zahlreichen
kunstkritischen Btichern und Schriften
sind zu erwahnen: das Buch Uiber ,,Oskar
Kokoschka" (1925), ,Wilhelm Lehmbruck'
(1923), ,,Indische Baukunst" (1923), ,,Das
I-Iolzschnittbuch" (1021), ,,Architektonik des
Plastischen", ,,FtIr und Wider", ,,KInst-
lerbekenntnisse", ,,Helden und Abenteu-
rer . Westheim emigrierte 1933 in die
Kunststadt Paris, wo er his zumn Erieg
als hochgeachteter Mitarbeiter zahlreicher
Zeilungen und Zeitschriften lebte. Er
wurde im Krieg interniert, verlor ein
Auge, entkam    aber Ende   1940  nach
Mexiko, wo er seither lebt und schafft.
Neben zahlreichen kunstkritischen Essays
sind dort entstanden: eine Neuauflage
des Holzschnittbuches, ein groBes Werk
fiber mexikanische Kunst, das demnachst
auch in Paris und Holland veroffentlicht
werden wird, und eine Geschichte des
modernen Kunstgedankens ,.El Pensa-
miento Artistico Moderno" (Mexiko 1945).
Folgende kleine Geschichte Paul West-
heims tragt den Titel ,,DEUTSCHLAND":
Max Llebermann hatte, wie man weiB, in Wannsee eine Villa mit einem
grollen Garten, den er haufig gemalt hat. (,,Wohl kein Garten der Welt hat
sich besser rentiert", pflegten wir zu sagen.) Nach 1933 richteten die
Nazis
neben der Villa von Liebermann eine SA-Ftihrerschule ein, in denen die
Jungens ausgebimst wurden zum Marschieren, SchieBen und Erschieflen.
Liebermann safI nebenan im Garten und malte.
War da unter'den SA's ein junger Maler. Nattirlich kannte er Liebermann.
Und so, eines Tages, Uiber den Zaun hinweg, fing der SA-Maler ein Gesprach
an mit ,,dem Kollegen". Schliefllich fal~te er sich ein Herz und fragte,
ob
er nicht mal ruiberkommen k 6 n n e. ,,Wennse derfen, konnense", antwortete
Liebermann.
Der SA-Maler kam. Man unterhielt sich. Und Liebermann, wenn er wollte,
konnte bestrickend sein.
Beim Weggehen meinte der SA-Kollege: ,,Herr Professor, wenn alle Juden
so waren wie Sie . .." Aber da fiel Liebermann ihm ins Wort: ,,Ne, ne,
junger
Mann. Nu wer ick Ihnen ma was sahrn. Wenn a 11 e Nazis so warn wie ick,
denn wars richtig."


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