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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Graf Alexander Stenbock-Fermor,   pp. 152-153 PDF (664.8 KB)


Page 152


,,Warum bist du gekommen, Stephanie?" murmelte er und sah Giulia an.
Auch Stephanie schaute auf die Frau. Giulia stand lassig zwischen den
Kerzenflammen, vom Licht umrahmt. Ihre tiefgrfilne Robe verschmolz mit
den Schatten, die entbldl3ten Schultern hoben sich gelblich aus dem Flim-
mern hervog. Und nun regte sie sich, nun schickte sie sich an, das Melo-
drama zu beenden. Eine grol3e und geiibte Tragddin, trat sie vor, legte ihre
lange und schone Hand auf Stephanies Arm und betrachtete sie, kuhaugig,
in schmerzliches Mitleid versunken.
,,Kind", sagte sie, ,,bist du hierher gekommen, um glitcklich zu aelnY
Poverina! Hier fandest du nicht dein Gluck, auch wenn du mich nicht
faMndest. Geh heim und heirate."
Stephanie schlug die Hande vors Gesicht. Sie wandte sich um und ging
langsam hinaus, ohne einen Blick auf Andreas zu wenden.
GRAF ALEXANDER STENBOCK.
FERNIOR
Geboren am S0. Januar 1902 auif dem Gut  kuhlen" (Vieweg-Verlag, Braunschweig).
Nitau in Lettland. 1918-1920 Freiwilliger  1931-33 Leiter des Scheringer-Komitees.
der ,Haltischen Landeswehr". 1920 tber-  Im ,Dritten Reich" Schutzhaft,
Ausbilrge-
siedlung nach Deutschland. 1922-23 Berg-  rung. Verbot simtlicher Rilcher.
Illegale
arbeiter im Ruhrgebiet. 1924-29 Ausbil-  Tatigkeit und Verbindung mit Beppo
dung als Buchhdndler in Hamburg und   Rbmer und Willy Sachse. Nach dem Zu-
im Verlagswesen beim Eug'n-Diederichs-  sammenbruch  des Nazisystems: Ober-
Verlag in Jena. Seit 1929 freier Schrift-  btlrgermeister von Neustrelitz.
1946 in
steller. Bilcher: ,,Meine Erlebnisse als  der Landesleitung des Kulturbundes
zur
Bergarbeiter"; ,Freiwilliger Stenbock";  demokratischen Erneuerung
in Schwerin.
,,Deutschland von unten" (alle J. Engel-  1947 ala Dramaturg und Autor
in der
horns Verlag, Stuttgart); ,.Das Haus des  DEFA, Berlin, tatig. Wir geben
ein Ka-
Hauptmanns von Messer" (Werner Plaut  pitel ,,Hunger im  Frankenwald"
aus
Verlag, Wuppertal-Barmen); ,,SchloB Teer-  ,,DEUTSCHLAND VON EUNTEN"
wieder:
Am na.chsten Morgen erreichen wir das Dorf Schwarzenstein. Hier ist
mein Begleiter Rittweg zu Hause, er kennt jedes Haus, jeden Bewohner.
Die kleinen Hauser liegen romantisch verstreut auf den Hbhen eines Berges
und unten angelehnt an den waldigen Abhangen. Die Landschaft um das
Dorf ist schbn: Gebirgsbach in der Schlucht, steile Berge, dichter griner
Hochwald.
Aber die Bewohner dieser Hduser miissen ohne Romantik und ohne Sch6n-
heit ihr tdgliches Brot verdienen. Von den etwa 600 Einwohnern sind fast
alle
,,Schanzenbinder", Korbflechter. Das Schanzenbinden ist ein schwieriges
Geschaft. Drei Tage in der Woche brauchen die Arbeiter, um das Material
heranzuschaffen: Tannenaste, Fichtenwurzeln, Reifen. Das Rohr wird ge-
kauft. Auch das uibrige Material kann gekauft werden, aber die Herstellung
wird dadurch so teuer, daB kein Gewinn mehr zu erzielen ist. Die Schanzen-
binder sind gezwungen, im Walde zu suchen. Das ist Waldfrevel, denn die
Obrigkeit hat es streng verboten. Der Gendarm liegt auf der Lauer. Fast das
halbe Dorf hat schon im Gefangnis gesessen.
Heimlich, in der Nacht, beim Mondschein, wandern die Arbeiter in den Wald.
Wenn die Fichtenwurzeln, Aste, Zweige mithsam gesammelt sind, beginnt
erst die eigentliche Arbeit des Schanzenbindens. Die ganze Familie mul
helfen. Die fertigen Korbe werden auf den Markten in Sachsen verkauft. Der
Wochenverdienst liegt zwischen 10 und 12 Mark.


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