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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Anna Seghers,   pp. 149-150 PDF (615.3 KB)


Page 149


Wenn wir auch sterben sollen,
So wissen wir: Die Saat
Geht auf. Wenn Kopfe rollen heut,
Einst zwingt der Geist den Staatl
Die letzten Argumente
Sind Strang und Fallbeil nicht.
Und unsre Richter heute
Sind nicht das Weltgerichtl
ANNA SEGHERS
1900 in Mainz geboren, schrieb vor 1933  Der Roman wurde en WelterfoIg und
in
ihre unvergelliche.Erzahlung: ,,Aufstand  Hollywood verfilmt. Beim Einrtilcken
der
der Fischer von St. Barbara", fi'r die sie  Deutschen in Frankreich
floh sie nach
den Kleistpreis erhielt. 1933 emigrierte sie  Mexiko, schrieb Hlbrspiele,
Erzahlungen
nach Paris; dort entstanden ,,Der Kopf-  und einen Roman ,,Transit"
und ist jetzt,
lohn" (Querido-Verlag, Amsterdam) sowie  nach Deutschland zurilckgekehrt,
mit der
,,Der Weg durch den Februar" und ,,Die  Nicderschrift ihres Romans ,,Die
Toten
Rettung". 1939 erschien ihr KZ-Roman  bleiben Jung" beschaftigt;
ihr groBer
,,DAS SIEBTE KRtUZ", ein Best-seller,  Roman ,,Die Rettung" ist
vor einiger Zeit
aus dem wir einen Abschnitt wiedergeben.  im  Aufbau-Verlag, Berlin, erschienen.
Wie lange er auch fiber die Flucht gegrfibelt hatte, allein und mit Wallau,
wie viele winzige Elnzelheiten er auch erwogen hatte und auch den gewaltigen
Ablauf eines neuen Daseins, in den ersten Minuten nach der Flucht war er
nur ein Tier, das in die Wildnis ausbricht, die sein Leben ist, und Blut
und
Haare kleben noch an der Falle. Das Geheul der Sirenen drang seit der Ent-
deckung der Flucht kilometerweit uber das Land und weckte ringsum   die
kleinen D6rfer, die der dicke Herbstnebel einwickelte. Dieser Nebel dampfte
alles, sogar die machtigen Scheinwerfer, die sonst die schwarzeste Nacht
geblendet hatten. Jetzt, gegen sechs Uhr fruh, erstickten sie in dem watte-
artigen Nebel, den sie kaum gelblich farbten.
Georg duckte sich tiefer, obwohl der Boden unter lhm nachgab. Er konnte
versinken, bevor er von dieser Stelle wegdurfte. Das diirre Gestrupp straubte
sich ihm in den Fingern, die blutlos geworden waren und glitschig und eiskalt.
Ihm schien es, als sanke er rascher und tiefer, er hatte nach seinem Gefuhl
bereits verschluckt sein mussen. Obwohl er geflohen war, um dem sicheren
Tod zu entrinnen - kein Zweifel, dalI3 sie ihn und die anderen sechs in den
nachsten Tagen zugrunde gerichtet hatten -etrschien ihm der Tod im Sumpf
ganz einfach ohne Schrecken. Als sei er ein anderer Tod als der, vor dem
er
geflohen sei, ein Tod in der Wildnis, ganz frei, nicht von Menschenhand.
Zwei Meter fiber Ihm auf dem Weidendamm rannten die Posten mit den
Hundeh. Hunde und Posten waren besessen von dem Sirenengeheul und dem
dicken nassen Nebel. Georgs Haare straubten sich und die- Harchen auf
seiner Haut. Er horte jemand so nahe fluchen, daB er sogar die Stimme er-
kannte: Mannsfeld. Der Schlag mit dem Spaten, den ihm vorhin Wallau fiber
den Kopf gegeben hatte, tat ihm also schon nicht mehr weh. Georg liefG das
Gestripp los. Er rutschte noch tiefer. Jetzt kam er iiberhaupt erst mit beiden
FUfSen auf den Vorsprung, der einem an dieser Stelle Halt gab. Das hatte
er


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