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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Joseph Roth,   p. 142 PDF (354.1 KB)


Page 142


JOSEPH BOTH
1894 geboren, schrieb zahlreiche Romane,  de Mendelssohn.) Seine Bilcher
wurden
darunter die Nachkriegsromane ,,Hotel  1988 verboten; er ging ins Exil und
ist in
Savoy" und ,,Rebellion", ferner: ,,Zipper  Paris gestorben. Dort
entstanden seine
und sein Vater", ,,Rechts und links",  neuen Romnane ,,Der Antichrist",
,,Die
,,Radetzkymarsch" und ,,Hiob", von ein-  hundert Tage", ,,Beichte
eines Morders"
dringlicher Gestaltung und prlgnantenm  und ,,Leviathan". -  Ein Abschnitt
aus
Stil. (,,Generationen kinnen daran die  dem *,RADETZKYMARSCH", dea Roths
deutsche Sprache erlernen", sagte Peter  sachliche Darstellungsart kennzeichnet:
In dieser Nacht und In vielen der folgenden Nachte schIlef der alte
Herr von Trotta nicht. Sein Kopf zitterte und wackelte auch in den Kissen.
Manchtnal traumte der Bezirkshauptmann von seinem Sohn. Der Leutnant
Trotta stand vor seinem Vater, die Offiziersmuitze mit Wasser geftillt
und sagte: ,,Trink, Papa, du hast Durst!" -   Dieser Traum  wiederholte
sich oft und immer ofter. Und allm>hlich gelang es dem Bezirkshauptmann,
seinen Sohn jede Nacht zu rufen, und in manchen Nachten kam Carl
Joseph sogar einige Male. Herr von Trotta begann, sich also nach der
Nacht und nach dem Bett zu sehnen, der Tag machte ihn ungeduldig.
Und als der Frufhling kam und die Tage langer wurden, verdunkelte der
Bezirkshauptmann die Zimmer des Morgens und am         Abend und ver-
lhngerte auf eine kuinstliche Weise seine Nachte. Sein Kopf h6rte nicht
meh'r auf zu zittern. Und er selbst und alle anderen gewohnten sich an
das standige Zittern des Kopfes.
Der Krieg schien Herrn von Trotta wenig zu ktimmern. Elne Zeitung
nahm er nur zur Hand, um seinen zitternden Schadel hinter ihr. zU ver-
bergen. Zwischen ihm und Doktor Skowronnek war von Siegen und Nieder-
lagen niemals die Rede. Meist spielten sie Schach, ohne ein Wort zu
wechseln. Manchinal aber sagte einer zum    andern: ,,Erinnern Sie sich
noeh? Die Partie vor zwei Jahren? Damals haben Sie genau so wenig
aufgepallt wie heute." Es war, als sprachen sie von Ereignissen, die
vor
Jahrzehnten stattgefunden hatten.
Lange Zeit war seit der Todesnachricht verganglen, die Jahreszeiten
hatten einander abgewechselt, nach den alten unbeirrbaren Gesetzen der
Natur, aber den Menschen unter dem roten Schleier des Krieges dennoch
kaum   fuhlbbar -  und dem  Bezirkshauptmann von allen Menschen am
allerwenigsten. Sein Kopf zitterte noch standig wie eine grolie, aber
leichte Frucht an einem allzu duinnen Stengel.
Der Leutnant Trotta war schon langst vermodert oder von den Raben
zerfressen, die damals uber den tbdlichen Bahndiminen kreisten, aler
dem alten Herrn von Trotta war es immer noch, als hbtte er gestern erst
die Todesnachricht erhalten. Und der Brief Major Zoglauers, der eben-
falls  schon gestorben war, lag in der Brusttasche des Bezirkshauptmanns,
jeden Tag wurde er aufs neue gelesen und in seiner fuirchterlichen Frische
erhalten, wie ein Grabhugel erhalten wird von sorgenden Handen. Was
gingen den alten Herrn von Trotta die hunderttausend neuen Toten an,
die seinem Sohn inzwischen gefolgt waren? Was gingen ihn die hastigen
und verworrenen Verordnungen seiner vorgesetaten Behorde an, die Woche
fiir Woche erfolgten? Und was ging ihn der Untergang der Welt an, den
er jetzt noch deutlicher kommen sah, als eirstmals der prophetische
Chojnicki? Sein Sohn war tot. Seln Amt war beendet, Seine Welt war
untergegangen.


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