University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Alfred Polgar,   pp. 135-136 PDF (650.2 KB)


Page 135


uclreiben, weil niemand, der nicht dabel war, mir glauben wtirde. Die erste
Feststellung, die ich machte, war die, daB der Antisemitismus bei der so-
genannten deutschen Jugend weit ausgebreiteter ist, als man bei gr6oltem
Pessimismius annehmen konnte. Nun, selbst das kann schliefflich eine Welle
sein, die wieder einmal abebbt. Die zweite Feststellung war niederschmet-
ternder diese sogenannte gebildete Jugend hat nichts gelernt und wird
auch nichts mehr lernen, well sie ablehnt, Uberhaupt etwas anderes zu
wissen als ein paar Phrasen. Zehntausende dieser jungen Leute leben von
ein paar auswendig gelernten Leitartikelsatzen ihrer Zeitung. Zehntausende
halten sich filr gebildet und fur allein berufen, dermaleinst eine Nation
zu
regieren, wenn es ihnen gelingt, mit fuinf aufgeschnappten Sentenzen den
jiingeren Kommilitonen zu imponieren..,.
ALFRED POLGAR
1in Meister der kleinen Form und einer  bradhte der Rowohlt-Verlag einen
Aue-
der liebenswtirdigsten Theaterkritiker von  wahlband Polgars: ,,Im  Vorilbergehen".
grazitbsem Witz. Ein Teil seiner Btlcher,  -  Aus dem wahrend des ersten
Welt-
so vor allem ,,An den Rand geschrie-  krieges geschriebenen  Skizzenbuoh
des
ben und .,Hinterland", wurden 1933 ver- ' 1875 in Wien Geborenen und
jetzt in
brannt. Im Exil entstanden u. a. zwel  Hollywood Ansassigen bier eine Probe.
neue  Sammelbinde  seiner  erlesenen  Der Band hie3: ,,KLEINE ZEIT"
und er-
Kleinkunst: ,,Der Sekundenzeiger" 'und  schien bei Fritz Gurlitt; er
zeigt Polgar als
.In der Zwischenzeit". Vor einiger Zeit .einen tiberlegenen satirischen
Polemiker.
Die leitenden  Staatsmanner und    Generale tlbernehmen   ,,die Verant-
wortung" fur das Schicksal, das sie den Volkern auferlegen.
Aber was heift in diesem Fall: Verantwortung?
Einer ungeheuren Verantwortung mifi~te doch ein ungeheures Risiko dessen
entsprechen, der sie tibernimmt.
Ein unterernahrter, mildegearbelteter Motorfflhrer, der durch ungeschick-
tes Lenken seines Wagens ein Malheur anrichtetf, wird eingesperrt.
Was geschieht dem Staatsmann, der durch ungeschicktes Lenken des
Staatswagens ein Malheur anrichtet?
Er geht in Pension.
Wenn durch des Motorftihrers. Verschulden eln Mensch getdtet wird,
wandert der Motorfuhrer auf Jahre ins Gefa.ngnis.
Wenn der Feldherr nutzlos, erfolglos Zehntausende seiner Soldaten in
den Tod geschickt hat, was erwartet ihn?
Ein Hauschen im Cottage. Dort pflanzt er, in einem verschnflrten Samt-
rock und das Kappi auf dem Haupt, Rosen. Seine Lieblingssorten. Und
schreibt Mentoiren.
,,Ich uibernehme die Verantwortung", sagt der Minister Soundso. Vor
der
Grfl3e und dem kiihnen Stolz dieses Wortes erbleichen die Zeitgenossen.
Aber es steckt gar nicht das Geringste dahinter.
Verantwortung ohne Sulhne, deren Ungeheuerlichkelt der Ungeheuerlich-
keit jener entsprache, ist ein leeres Wort.
Den Motorfuhrer richten die Gerichte.
Den Staatsmann und den General richtet die Geschichte.
Sie iiberlassen ihr - so sagen sie im kritischen Fall- ,,ruhigen Herzens
das Urteil" l


Go up to Top of Page