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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Heinz Pol,   pp. 134-135 PDF (644.4 KB)


Page 134


Empfinden der dichterischen deutschen Jugend. Denn ihr Pathos war so
individualistisch uberschraubt, daB es nicht weit - und lange - hinhallen
konnte, ihre Menschheits-Verkulndigung theoretisch und von - schliefflich-
asthetischen Hirnen geboren, daB sie nicht die raffenden und vernichtenden
Maschinen der Wirtschafts-Imperialisten erobern konnten. Was Kollektiv-
Gefuhl zu sein schien, war gleiche Reaktion einiger gleichgestimmter Nerven-
biindel, wuchs nicht hinaus tiber blirgerliches Rebellentum. Die Generation,
deren Geburtsjahr urn 1890 liegt, vermochte der revolutionaren Welle nicht
kianstlerische Gestalt zu geben, da sie nur unklar Triebfedern, Ablaufe und
Krafteverhaltnisse fuhlhte. Edle Gesinnung, echtes Gefuhl oft von erschiit-
ternder Tiefe-und die Kornzentrationskraft groBer Hirne zerschellte sinnlos
an dieser kleinen Erkenntnisklippe.  Jetzt stellt Jo Lhermann in seiner
Anthologie: ,,Lyrik der Generation" (Dreieckverlag Berlin) neben Vertretern
der letzten Generation viele vor, die - um 1900 geboren - den Krieg als
historisches Geschehen oder als spannenden Zeitungsstoff erlebten, erwachehd
erst zu Elgenbewuttsein, als die Tore der Umgestaltung schon aufgerissen
waren. Als ich die Gedichte dieser jungen Leute las, stieg ein bitterer
Geschmack hoch in der Kehle und die Frage zugleich: Was erlebte diese
Jugend? Wo war sie, als wir mit den Waffen fir die Revolution und mit
dem Stimmzettel spater fur die Freiheit kampften? Gingen 400 ungesuhnte
Morde, 7000 politische Gefangene, das Schicksal Fechenbachs und Muihsams
spurlos an lhr vorlber? Sind ihr die Selbstmord- und Krankenhausstatistiken
unbekannt geblieben? WeiB sle nicht von den Millionen zerronnener Spar-
groschen, aus dem Kriegs-, Revolutions-, Inflations- und Ruhrhyanen ihre
Vermogen schichteten? Hat sie tiberhaupt kein Verhaltnis mehr zu ihrem
Volke und ihrer Zeit? Da gibt es wirklich Jiinglinge, die - oft formal
gesch'ckt - Ringel-Ringel-Reihe singen und ihrer Geliebten die alten, reici-
lich abgenutzten Symbole Mond und Antlitz und Regenwonne und Sternen-
schein an den Hals hangen. Das deutsche Lyrik-Arsenal halt seine historische
Abteilung weit geoffnet, und herausspaziert kommen die platten, abge-
raspelthn und Uberpolierten Heine- und Geibel-Wendungen. Kein ,,poetisches"
Emblem von Kelchesrand bis Wethrauchduft ist vergessen, kein Symbol
bleibt dir erspart: wahrhaftig. eine Fundgrube fur Literatur-Historiker!
HEINZ POL
Der urn die Jahrhundertwende in Berlin  eln Buch Uiber den Vatikan geschrieben
Geborene ist vor 1933 mit dem politischen  hat. Auflerdem hat er in der Emigration
Roman ,,Entweder - odor" hervorgetreten.  zahlreiche Artikel publiziert.
Aus sminfem
Er 'ging 1933 ins Exil und lebt gegen-  Artikel ,DEUTSCIIE PROVINZJUGEND",
wartig als Publi2ist in Amerika, vO er  der 1924 verbffentlicht wurde:
I
... Die geistige Verrohung dieser Sorte Jugend ist grenzenlos. Das ist
nicht junger, garender Most, beileibe nicht. Das ist zum Sieden gebrachtes
Rinnsteinwasser.
Ich war in fast allen Versammlungen, so auch Georg Bernhards, der in
diesem Wahikreis kandidierte. Er war die Zielscheibe jenes furor teutonicus,
von dem immerhin, wie das Ergebnis der Wahlen beweist, ein auBerordent-
ltch groBer Tell des deutschen Volkes sittliche Erneuerung erwartet. Was
ich
in den Versammlungen voU' jenem Furor sah und horte, ist schwer zu be-


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