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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Rudolf Olden,   pp. 128-129 PDF (713.6 KB)


Page 128


RUDOLF OLDEN
Wurde amn 14. 1. 18?5 in Stettin geboren.
Er war, bevor er sich dern Journalisnmus
zuwanidte, Assessor in Bonn und Ober-
etutnant in einem Dragoner-Reginment. In
den zwanziger Jahren holte ihn Theodor
Wolff als politischen Redakteur in das
.,Berliner Tageblatt'. Zur gleichen Zeit
trat Olden, der auch Rechtsanwalt am
Kammergerichit in Berlin war, als Straf-
verteidiger in politischen Prozessen her-
vor. Er Uimpfte sowrohl als Advokat wie
auch als Journalist urn den Kopf des
Russen Jakubowsky, und er war erner der
Verteidige-r Carl von Ossietzkys vor dem
Reichsgericht in Leipzig. ttber die Tages-
politik hinaus wandte er sich der Histo-
rie  zu.  Seine  Stresemann-Biographie
wurde 1930 in Deutschland verkiffentlicht.
Sein letztes in Deutschland verbffentlich-
tes Buch heist: ,,Das Wunderbare oder
die Verzauberten" (Rowohlt-Verlag 1932).
eine prorjhetische Analyse der Sekten
und ,Wundertgter" des deutschen Toten-
tanzes vor und unter Hitler. Olden ent-
ging der Verhaftung nach der Reichs-
tagsbrandstiftung   durch   rechtzeitige
Flucht, und er fand Asyl in England, wo
er zuerst in London, spSter in Oxford
lebte und lehrte. Seine im Exil ent-
standenen Eilcher ,Hitler der Eroberer'
und ,Hitler das Werkzeug" sowie seine
grolle Hindenburgbiographie fanden weite
Verbreitung  in  vielen  Landern   und
Sprachen, und nach seinem Tode erschien
noch in England seine ,,History of Li-
berty in Germany" (Gollancz 1946), ein
geleitet von Gilbert Murray. Olden, Per
vom  Juni bis zum August 1940 in Eng-
land interniert wurde, fand auf der fiber-
fahrt nach Amerika mit seiner Gattin
Ika den Tod in einem Rettungsboot (oder
in der Kabine) des von deutschen Unter-
seebooten torpedierten Schiffes ,City of
Benares", im September 1940. Dies schrieb
Rudolf Olden fiber CARL V. OSSIETZKY,
dem er freundschaftlich nahegestanden hat:
Wenn ich an Ihn denke, sehe Ich ihn wie einen adeligen Fechter, St. Georg,
oder einen Chevalier des Rokoko. Cyrano de Bergerac konnte ihm geglichen
haben. So war sein Stil, so seine geistige Haltung, so auch sein Auftreten,
wenn er offentlich zu erscheinen hatte. Er war weltenweit entfernt von dern
Typ des groIen Demagogen, der heutzutage die popularen Erfolge einheimst.
Ich denke vor allem an die Prozesse, in denen ich die Ehre hatte, neben
thm zu sitzen. Und da ist mir, mehr als anderes, unvergei3lich jene Ver-
handlung in Moabit, wo er sich zu verantworten hatte, well er Tucholsky
schreiben lies: ,,Soldaten sind Mdrder". Man hatte ihn von Tegel, wo
er
anderthalb Jahre wegen Landesverrats bleiben sollte, dorthin .gebracht. Von
der Amnestie war noch nicht die Rede, noch regierte Bruning, und Vor-
stoBe bei ihm hatten zu nichts gefuihrt. Die Aussichten waren truib, und
nun beantragte der Staatsanwalt ein ganzes Jahr zusatzliches Gefangnis.
Das hatte manchen anderen, der auch nicht feig war, zur Vorsicht gemahnt.
Wahrend der Anklager pladierte, zog unten eine Musikbande der Reichs-
wehr vorbei. Es war ein heller Sommertag, die Fenster standen weit offen,
und die militarischen Klange drangen ungehemmt in den Saal.
Nach mir sprach Ossietzky sein Schlul3wort. Und er zogerte nicht, daes
seltsame Zusammentreffen in den Kreis seiner Betrachtungen zu ziehen: daa
es die Reichswehr sei, die gegen die Republik arbeite, die Reichswehr, die
er deshalb angegriffen habe, die Reichswehr, die ihn verfolge, die Reichs-
wehr, die die Anklagen gegen ihn zusammenbraue, und ob der Staatsanwalt
nicht selbst geftihlt habe, daB es ,,Die Stimme seines Herrn" war, die
da von
der StraBe heraufgedrohnt habe. Der Herr im Talar neben dem Richtertisch
zuckte ein bilchen, aber weiter geschah nichts. Das Gericlit hielt sicb
anstandig und wies die juristisch unmogliche Anklage ab.
Wie das gesprochen wurde, leise und bestimmt, biegsam und hart zugleich,
fern von Pathos, aus dem Handgelenk, mitten ins Herzstuck des' Gegners
geschnelit. Er war der von uns, der den eleganten Stichdegen fuihrte, ge-
lenkig, schnell, treffsicher. DaB diese preulische Armee, dieses Offizier-


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