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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Robert Neumann,   pp. 125-126 PDF (699.0 KB)


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ROBERT NEUMANN
1897 in Wien geboren, wurde frtlh be-  Federn", Er verlieB osterreich
im Jahre
kan :t durch Romane, ?Tovelien. u. a.:  1934 und wandte sich nach London.
Im
,,Sintflut", ,,Hochlteplernovclle', ,Die Pest  Exi sc.lir:eb er u. a.:
,Zaharoft', ,,Struen-
von LUanora", ,Das Schiff Esp6rance",  see", ,An den Wassern
zu Eabylon". ,LEne
,,Mammon' und .freidenschaft" und einen  Frau hat geschrien". -
Hier der Schiu.f
Band tibermiltiger Parodien: ,MVit fremden  der Novelle: ,,DIE PEST VON LIANORA":
Die Chronik der ffnrf Tage von Lianora, die Chronik der Pest. von Lianora
ist an dieser Stelle zu Ende. Zu berichten bleibt, dal3 der folgende Tag
heraufzog wie andere Tage, und dai3 sein kaltklares Sonnenlicht kein
Leichenfeld tiberstrahlte, sondern eine schnarchende Horde dreckiger unl
besoffener Lustknechte, Damen, Edelleute, Fischer und Dirnen. Mal war
nicht gestorben. Man starb nicht. Das war nicht die Pest.
Sie erwachten. Sie rieben sich den Schlaf aus den Augen. Den erschlage-
nen Heferlein, Arzt aus Deutschland, schaffte man auf einer Bahre davon.
Der Richter Salimbeni 'schritt steinharten Gesichts und gruflos aus dem
Hause Terragoni auf die Gasse hinaus und lieB3 einen Fischer verhaften,
der des Totschlags verdachtig war. Als er am Stradone dem Wagenbauer
Corticelli begegnete, reichte er ihmi still und gemessen die Hand. Auch der
Priester Don Balbo trat in neugeplatteter Soutane herzu. Es gelte, fMr Recht,
fiir ererbte Sitte und flr staidtische Ordnung einzustehen, sagte die Frau
des Possano, die eben am Arm thres Gatten seidenrauschend vortiberkam.
Man bekraftigte es. Mit tiefen Blicklingen, seitlich ausschreitend, druckte
sich der Jude Eliotti vorbei. Man war ernst, doch gefai3t. Das niedere Volk
kroch in die Nebengassen zurtick.
So war nach wenigen Tagen Lianora sauber und dreckig zugleich wie eh
und je. Man lebte, wie sich's eben lebt, wui3te es, wenn Contessina Albergoni
die Zahnschmerzen hatte oder der dicke Delle Croce seine fliegende Gicht,
wul3te, daB die Frau des Possano mit dem Marquis Grimaldi schlief und
die schBne Ignazia mit den vierzehn Matrosen des Polizeikutters der Repu-
blik Venedig, der im Hafen vertaut lag, wuSte, was man bei Cortivelli zu
Abend gegessen hatte und Was bei Calandrino zum Frtihesttck, und besuchte
dazwischen Wirtshauser, Bordelle und Kirchen, je nach Vorliebe, Zeit und
Gelegenheit.
Aber noch war der Monat nicht zerfallen in die Vergangenheit, da stand
das Gerticht auf unter den Fischern, man habe drauien am Meer, drei Strich
gegen Nord, eine groi3e Barkasse gesichtet, kahl, dunkel, ohne Bemannung.
Zwei Nachte spater verzeichnete der Mann vom auseren Leuchtturm in
seinem Buch ein Schiff, schwarz, leer, mit Trift gegen Land. Und dann fol-
genden Tags,. im Morgengrau, sttrzte der neue Lotse in die Kneipe am
Hafen, verwirrten Haares, wahnsinnigen Blicks, und wies mit einem wort-
losen Keuchen hinaus. Die Besucher der Bude, auftaumelnd aus halbem
Schlaf, Marktleute, Dirnen, Matrosen, liefen auf die Mole hintiber und
starrten von ferne, dicht aneinandergedrangt, mit weigen Gesichtern.
Da war eine schwarze Barkasse angetrieben. Am kahlen Verdeck stand
ein Tier, gestreckten Leibs, mit triefenden Lefzen und einem Menschen-
gesicht. So stand es und heulte.
Vier Stunden spater fiel unten am Fischmarkt einer von jenen Markt-
leuten plbtzlich hin und war tot. Am gleichen Abend fand man in der
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