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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Alfred Neumann,   p. 124 PDF (284.2 KB)


Page 124


(sie ist ihr Material, ihre Tinte, der Stoff, durch dcn sie sich mitteilen).
Es
glbt Virtuosen der Bittc:keit, die d.s Bittere auf ihrer wie auf unserer
Zunge genielerisch zer,,ehen lass 'n, uind mn-isterliche Triibsalblaser,
fur die
es ein GenuZ ist, zu blasen, wie fuir uns, ihnen zuzuhoren.
ALFRED NEUMANN
Alfred Neumann. 1895 gehoren, schrieb vor  Exil sechrieb er einen grolSen
RomnFnzvklus
II33 eine Rnihe historis her RlornrnC Lind  itber Napoleon den Dritten: _Der
neue
Novellen von faizinicrer'lS r J ndrirglich-  Cdsaa- sowie den Roman der l4Unchener
keit; sie verschaffeon seirl rn Namen Welt-  Studenten evolfe von 1943: ES
WAREN
iang. (,,Der Teufel, ,R(,b-llen'j ,,Der  IRER SEC11'". I-Tier ein Abschnitt
aus
Patriot", ,,Guerra", ,,Konig Haber"). Im  dem imVerlag C.Habel
erschienenen Buch:
I Ursula trug den Knahen In ihre Schlafkammer und entkleidete das Kind.
Sie betrachtete das feste Korperchen und das runde Bauchlein. Christoph
entnahm dvm Koffer ein winziges Pyjama aus heliblauem Flanell und gab
es ihr. Sie streifte es dem Knahen uber und deckte ihn zu.
Sie sah Christoph an. ,,'s ist ein Judenbub", sagte sie.
,,Ja", nickte Christoph, ,,tch kannte die Eltern gmt, sle heirateten
erst
November 1938, obgleich sic sich schon lange kannten. ADann kamen alle
Juden ins Konzentrationslager, auch Dr. Blum; Ich nehme an, er lebt nicht
mehr. Und Fridolin kai    im  August 1939 zur Welt, am     7. August, ich
weiP es genau; denn Alice war sehr glticklich, dal3 es ein Augustkind sei.
ein Lowe."
,,Ich bin ja auch eln Augustkind", lachelte Ursula.
,,Ich wreiV", lachelte Christoph, ,,lch bin ein Krebs, ein Schalentler,
und
Alice auch - und sie ist nach Polen deportiert worden, vielleicht halten's
die Schalen aus, sie glaubt an ihre Harter und sie konnte oder wollte nicht
Fridolin mitnehmen, fMr ihn war's der sichere Tod - ja, sie wollte ihn
nicht mitnehmen; denn sie liebt ihn sehr. Und sie brachte ihn mir, in der
letzten Minute."
,,Und du bringst ihn mir", sagte Ursula.
,,Wem denn sonst?" fragte /Christoph.
,,Wem denn sonst...", wiederholte Ursula.
,,Du weiBt es nicht und kannst es dir nicht vorstellen, Mutter", sprach
Christoph nach einer Pause, ,,aber es gibt Juden oder Halbjuden in Deutsch-
land, die entehren ihre Mutter und machen sie zu Ehebrecherinnen mit
einem  Nichtjuden, urn durch das Net# zu schluipfen und genehm zu sein
der Rassenbrut."
,,Das ist eine himmelschreiende Sunde", sagte Ursula.
,,Aber was ist dies,, Mutter?" fragte Christoph. ,,Wenn es wieder die
Zeit
ist des bethlehemitischen Kindermords und eine Frau zu den Haschern des
Herodes sagt: das ist mein Kind und kein bethlehemitisches, und es da-
durch rettet und den Schimpf auf sich nimmt, eine Ehebrecherin zu sein
- was ist dies?"
,,Das ist keine Siunde". sagte Ursuxla.


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