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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Hans Natonek,   pp. 123-124 PDF (601.8 KB)


Page 123


HANS NATONEK
Publizist und Verfasser von Romanen  sefns in der Fremde laut werden. -
(U. a. des Romans ,Geld regiert die  Einige Abschnitte aus einer seinerseit
in
Welt"), verlieB Deutschland nach 1933  einer Zeitschrift erschienenen
Betrach-
und schrieb in ,den USA ein autobiogra-  tung: ,ZUR PHYSIOLOGIE DES STILS"
phisches Buch: ,,In Search of Myself", in  zeigen den 1892 in Prag Geborenen
als
dem schmerzliche Tone des Verlassen-  einen witzigen Philosopben des Feuilletons:
Man konnte die Schreibenden In zwei Kardinalgruppen teilen: in solche,
die nicht nur einen Buckel haben,' sondern ihn auch schreiben, und in solche
die ihn schreibend uberwinden. (Wobei zu bemerken ist, daB es auch un-
sichtbare Buckel gibt.) Beispiel fur einen Buckel-t~berwinder: Nietzsche.
Er hatte sich geschamt, Kbrperlich-Organisches, Menschlich-Funktionelles
durch den Stil zu bekennen. Diese Scham war es vielleicht, die ilhn zur Anti-
these seiner Konstitution trieb und ihn, den einsamen Schwachling, die
Machtmenschen verherrlichen lieB. Nietzsche war der Vberwinder der
eigenen Dekadenz, daher sein HaB gegen die MUden und Schwachen. Bei-
spiel fur einen, in dessen Werk die Galle - in wundervollster Filtration-
erkennbar ist: Schopenhauer. Die Philosophie des chronischen Magenkatarrhs
kann anders auch Pessimismus und Misanthropie heiBen; und Optimismus
ist vielleicht nur die Denkfunktion einer vollendet funktionierenden Ver-
dauung.
*
Manche Satze von Oscar Wilde sind so sehr sprachgewordene Perversitat,
so voll frivoler Paradoxie, daB sie nur von einem Paderasten goschrieben
sein konnen. Das Geschlecht, titanisch gegen den, Himmel gebaumt, das
ist Strindbergs Stil. Wedekind ironisiert seinen Exhibitionismus. Wie von
ganz anderer Konstitution, wie kerngesund inmitten einer schlichten,
aber redlichen Welt, an Gottes Lippen hdngend: Matthias Claldius. Die
StbBe -des Bluts, die Sekretion der Galle, der Stoffwechsel, der Rhythmus
der Safte, das Anschwellen und Abklingen der Triebe sind die bildenden,
In die Tiefe unseres Organismus gebetteten Krafte des Stils;
.          ~~~*
Eine Geschichte der Satire und polemischen Literatur muB unvollstandig
bleiben, solange nicht die satirischen Autoren auf Milz, Galle, Leber und
Nieren gepruft sind ... Dies will nicht besagen, daB die Satire ihren Sitz
in der Galle hat, wohl aber, daB sie ohne diese Sekretion nicht die ihr,
eigen-
tumliche Form und Scharfe besaBe. Es geniigt nicht, die Schmach und das
Unrecht, die in der Welt sind, zu empfinden - man muB, um Satiriker zu
sein, auch genUgend Galle haben, ,,die bitter macht den Druck" (wobei
man
hier den Druck ruhigi im typogranbischen Doppelsinn gebrauchen mag).
Die Reizbarkeit und der Zorn hangen sicherlich mit der physischen Sekre-
tion der Galle zusammen, und ich glaube, daB man durch eine entsprechende
Gallenoperation aus manchem Satiriker den sanftmutigsten Elegiker machen
konnte.
*
Man kann mit der Galle auch eine Art von l'art pour l'art treiben; sie
auch sich selbst, emanzipiert vom Argernis, in Wallung bringen. Ich ikenne
Schriftsteller, die nur schreiben konnen, wenn gil ihre Feder in Galle tauchen


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