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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Robert Musil,   p. 122 PDF (366.5 KB)


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1ROBE'RT MUSIL
1880 In Klagenfurt geboren, veroffent-  schrieb dort versebiedene Bticher.
Sein
licht6 nach einigen vorangegangenen Er-  Tod im  Exil (1942) bedeutet emen
zaihlungen den grolen Roman .Der Mann  schmerzlichen Verlust. Aus dem fruiher
ohne Eigenschaften", der ihn als einen  bei Rowohlt erschienenen Roman:
,DER
Epiker von europaischem Format erwies.  MANN OHNE EIGENSCI-TAFTEN" hier
Robert Musil ging in die Schweiz und  die Cbarakteristik emes Mddchenmdrders:
Moosbrugger war als 4Onge ein armer Teufel gewesen, ein Huiterbub in
elner Gemeinde, die so klein war, daB sie nicht einmal eine Dorfstral3e hatte,
und er war so arm, daB er niemals mit einem Madel sprach. Er konnte
Madels immer nur sehen; auch spater in der Lehre und dann gar auf den
Wanderungen. Nun braucht man sich ja bloB vorzustellen, was das heil3t.
Etwas, wonach man so naturlich begehrt wie nach Brot oder Wasser, darf
man immer nur sehen. Man begebrt es nach einiger Zeit unnattrlich. Es geht
voruber, die Rtcle schwanken um seine Waden. Es steigt Ober einen Zaun
und wird bis zum Knie sichtbar. Man blickt ihm in die Augen, und sie werden
undurchsichtig, man hort es lachen, dreht sich rasch um und sieht in ein
Gesicht, das so reglos rund wie ein Erdloch ist, in das eben eine Maus
schlfipfte.
Man k6nnte also verstehen, daB *Moosbrugger schon nach dem ersten
Madchenmord sich damit verantwortete, daB er stets von Geistern verfolgt
werde, die ihn bei Tag und Nacht riefen. Sie warfen ihn aus dem Bett, wenn
er schlief, und storten ihn bei der Arbeit; dann horte er sie tags und nachts
miteinander sprechen .und streiten. Das war keine Geisteskrankheit, und
Moosbrugger mochte es nicht leiden, wenn man derart davon sprach; er
putzte es freilich manchmal mit Erinnerungen an geistliche Reden auf oder
legte es nach den Ratschlagen des Simulierens an, die man in den Gefaing-
nissen erhalt, aber das Material dazu war immer bereit; bloB etwas verblalit,
wenn rran nicht gerade darauf achtete.
So war es auch auf den Wanderschaften gewesen. Im Winter ist fUr einen
Zimmermann schwer Arbeit zu finden, und Moosbrugger lag oft wochenlang
auf der Stralae. Nun ist man tageweit gewandert, gelangt in den Ort und
findet kein Unterkommen. MuB bis spat in die Nacht weitermarsehieren. FUr
eine Mahlzeit hat man kein Geld, so trinkt man Schnaps, bis hinter den
Augen zwei Kerzen leuchten und der Korper allein geht. In der ,,Station"
will
man nicht um ein Nachtlager bitten, trotz der warmen Suppe, teils wegen
des Ungeziefers und teils wegen der krrnkenden Schererei; so bettelt man
lieber ein paar Kreuzer zusammen und kriecht einem Bauern ins Heu. Ohne
ihn zu bitten natuirlich, denn was soll man erst lange fragen und sich doch
nur beleidigen lassen. Am Morgen gibt das freilich oft Streit und Anzeigen
wegen Gewalttatitgkeit, Vagabondage und Bettelei, und schlieBlich ergibt
es
einen immer dicker werdenden Band solcher Vorstrafen, den jeder neue
Richter wichtigtuerisch aufmacht, als ob Moosbrugger darin erklart ware.
Und wer denkt daran, was es heiit, sich tage- und wochenlang nicht
wasehen zu kinnen. Die Haut wird so steif, daB sie hur grobe Bewegungen
erlaubt, *selbst wenn ,man zartliche machen wollte, und unter einer solchen
Kruste erstarrt die lebendige Seele. Der Verstand mag weniger davon be-
rtihrt werden, das Notwendige wird man ganz vernainftig tun; er mag eben
wie ein kleines Licht in einem riesigen wandelnden Leuchtturm brennen,
der voll zerstampfter Regbnwtirmer oder Heuschrecken ist, aber alles Per-
sonliche ist darin zerquetscht, und es wandelt nur die garende organische
Substanz.
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