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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Ludwig Marcuse,   p. 113 PDF (333.6 KB)


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LUDWIG lYIARCUSE
1624 geboren, vor 1933 als Verfasser wert-
voller literarhistorischer Arbeiten und
einer beachtenswerten sorne-siographie
bekwanntgeworden, wirkt heute als Pro-
fessor in den USA und schrieb im Exil
unter anderem ein Buch aber Ignatius
von Loyola. Aus einem vor 1933 in elnem
Almanach des Paul-List-Verlages erschie-
nenen Aufsatz Ludwig Marcuses WES-
HALE ICH ttEER BORNE SCHRIEB
zitieren wir einen kurzen, seine Stellung
zu Borne charakterisierenden Abschnitt:
Vor zwei Jahren sagte mein Freund Joseph Roth zu mir:
Sie mussen ein Borne-Buch schreiben. Ich lieh mir eine alte Borne-Schwarte,
blatterte sie an und blieb an diesen Satzen hangen, die sich auf das Zensur-
verbot eines Borneschen Auiti-Napoleon-Artikels beziehen: ,,Der Artikel,
der
mit vielem Feuer gesehrieben, wurde von oben erwahntem Polizeidirektor
dennoch gestrichen. Den andern Tag fragte ich dessen Sekretar, warum es
geschehen, da wir doch alle mit der Geilel der Menschheit Krieg fiihrten.
Dieser antwortete mir: ,Wind ist Wind, ob er nach Osten oder Westen blast
- gleichviel. Er soll gar nicht blasen, wir wollen Ruhe haben."' Darauf
las
ich jede Zeile, die Borne geschrieben: er hat nach allen Himmelsrichtungen
Sturm geblasen...
Eins bleibt: daB einer den Mut gehabt hat, gegen die ganze Welt zu
schreiben; daiB einer die moralische Kraft gehabt hat, allen Verlockungen
zu widerstehen und nur im Dienste seines revolutionaren Ziels zu schreiben;
daB einer gezeigt hat, nicht auf den Nobelpreis und den Lippowitz-Ring
und das wohlwollende Lacheln der herrschenden Kreise kommt es an, son-
dern darauf, daBS Europas Gewissen in irgendeinem Menschen sichtbar lebt.
Ich will Borne dem Umfang seiner Begabung nach keineswegs mit Tolstoi
und Nietzsche vergleichen; aber in diesem wesentlichen Zug ist er ihr
ndchster Verwandter: er war das unbestechliche Gewissen seiner Zeit; und
er scheute selbst vor dem machtigsten Kampfe nicht zuruick. Er wagte es,
Goethes Feind zu sein - was ihm einige Astheten noch heute nicht
verzeihen.
HANS MARCHWITZA
Heute ein Mann Ende 'tinfzig, stammt
aus einer kipderreichen oberschlesisthen
Eergarbeiterfamilie. Mit 15 Jahren wurde
er Grubenarbeiter. 1930, er war schon
40 Jahre alt, wurde sein erstes such,
,Sturm  auf Essen". verioffentlicht;  es
behandelt ein Grundthema der deutschen
Arbeiterliteratur, das Leben der Ruhr-
kumpel. Auch seine folgenden EUcher:
.,Schlacht vor Kohle" und der mehrbain-
dige  Roman   einer Bergarbeiterfamilie
,,Kumiaks" behandeln das gleiche Thema.
Seit 1933 in der Emigration, hat March-
witza mehrere Gedichtbdnde und Buch-
manuskripte geschrieben, die demnachst
in Deutschland publiziert werden. March-
witza ist kflrzlich nach vierzehnjahrigem
Exil nach Deutschland zurflckgekehrt und
lebt gegenwartig in Stuttgart. Aus seinem
neuen, noch unverbffentlichten Roman
,,VERLORENE JUGEND" stellt uns der
Autor folgenden Abschnitt zur Verfllgung:
Ich war seit mehreren Tagen Bergmann - KolhlenzuschmeiBer in einem
vier Meter hohen, staubwallenden und nur von ein paar Lampenlichtern er-
leuchteten Raum. Ich schaufelte und schaufelte. Meine Hande brannten,
platzten auf und bluteten. ,,Was, Handebrennen? Das vergeht alles bald",
riefen die schweiBtriefenden Manner, die an der Kohle bohrten und schlugen.
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