University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Thomas Mann,   pp. 110-111 PDF (713.0 KB)


Page 110


THOMAS MANN
Der in der Welt berflhmteste Repr8sen-  seine unter dem Titel ,Deutsche HMrer!'
tent des geistigen Deutschlands hat im  zusammengefal3ten Rundfunk-Ansprachen
Exil seine schon in Deutschland begonnene  seine Verbundenheit mit seinem
Herkunfts-
.,Josephslegende' beendet. Der grol3e, 1875  lande. Sein neuestes Werk, das
unter dem
in Ltlbeck geborene deutsche Epiker, der  Titel ,,Doktor Faustus" die
Geschichte des
sich gleich Stifter zur Familie Goethes  barocken Tonsetzers Adrian Leverktihn
be:
zaihlen darf, ist auch als amerikanischer  schreibt, verrlt die Wurzeln seiner
geisti-
BEirger der deutschen Geistestradition ver-  gen Existenz. Wir bringen einen
Auszug
pflichtet geblieben, wovon seine schbne  aus dem Schreiben, das Thomas Mann
in
Huldigung an Goethe, sein Roman ,,Lotte  der Neujahrsnacht 1936/37 aus K1l1nacht
in Weimar", der 1939 in USA erschien.  an den Dekan der philosophischen
Fakul-
Zeugnis ablegt. Ebenso verraten auch seine  tsit der Universitilt Bonn gerichtet
hat,
sich im wesentlichen mit deutschen Pro-  der ihm die Aberkennung seiner Ehren-
blemen auseinandersetzenden Essays und  doktorwUrde mitgeteilt hatte:
Ich habe die truibselige Mitteilung erhalten, die Sie unterm 19. Dezember
an mich gerichtet haben. Erlauben Sie mir, Ihnen darauf zu erwidern:
Die schwere Mitschuld an allem gegenwartigen Unghick, welche die deut-
schen Universitaten auf sich geladen haben, indem sie aus schrecklichem Mil.
verstehen der historischen Stunde sich zum     Nahrboden der verworfenen
Machte machten, die Deutschland moralisch, kulturell und wirtschaftlich ver-
wuisten -, diese Mitschuld hatte mir die Freude an der mir verliehenen
akademischen Wurde la.ngst verleidet und mich gehindert, noch irgendwelchen
Gebrauch davon zu machen. Den Ehrentitel eines Doktors der Philosophie
ftihre ich heute, da die Havard-Universitat ihn mir aufs neue verliehen hat,
und zwar mit einer Begrtindung, die ich Ihnen, Herr Dekan, nicht vor-
enthalten mochte.
Aus dem Lateinischen ins Deutsche tibersetzt, lautet das Dokument:
,  . haben wir Rektor und Senat unter dem Beifall der ehrenwerten Uni-
versitatsinspektoren in feierlicher Sitzung Thomas Mann, den weitberuhmten
Schriftsteller, welcher, indem er vielen inserer Mitburger das Leben deutete*,
zusammen mit ganz wenigen Zeitgenossen die hohe Wtirde der deutschen
Kultur bewahrt, zum Doktor der Philosophie ehrenhalber ernannt und aus-
gerufen und ihm alle Rechte und Ehren, welche mit diesem Grade verbunden
sind, verliehen."
So sonderbar der aktuellen deutschen Auffassung widersprechend, malt sich
meine Existenz ti den Kopfen freier, gebildeter Maaner jenseits des Meeres
- und, Ich darf es hinzuftigen, nicht nur dort. Nie ware es mir in den Sinn
gekommen, mit den Worten jenes Schriftstticks zu prahlen; heute und hier
aber darf, ja mulB ich sie anftihren; wenn Sie, Herr Dekan (Ich kenne die
Gepflogenheit nicht), die an mich gerlchtete Mittellung am schwarzen Brett
Ihrer Universita.t sollten haben anschlagen lassen, so millte ich wahrhaftig
wunschen, dalB auch dieser meiner Entgegnung solche Ehre zuteil wuirde;
vielleicht, daB manchem akademischen Btirger, Student oder Professor, doch
ein nachdenkliches Stutzen, ein rasch unterdrickter, ahnungsvoller Schrecken
anklime bei einer Lektflre, die einem flilchtigen Blick aus bosartig erzwungener
Abgeschlossenhelt und Unwissenhelt in die freie, geistige Welt gleichkommen
wiurde.
Hier konnte ich schlielen. Und doch wollen In diesem Augenblick einige
weitere Erklarungen mir wunschenswert oder statthaft erscheinen. Zu meiner
staatsrechtlichen ,,Ausbturgerung" habe ich, trotz mancher Anfrage,
ge-
schwiegen; die akademische darf ich als schickliche Gelegenheit betrachten
'-u


Go up to Top of Page