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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Heinrich Mann,   pp. 108-109 PDF (643.7 KB)


Page 108


Hefte neben gebundelten Griffein und Pappkastfcen voller Kreidebolzen lagen,
im Hintergrund standen verschiedene grole Flaschen mit roter und blauer
Tinte.
Herr Lehmann beugte sich tief hinab und zog aus dem untersten Fach einen
gelben Stock hervor. Es tate ihm leid, sagte er unbeteiligt, aber da es offen-
bar nicht anders ginge ... Borbe brauste es betaubend in den Schlafen, es
fiel
ihm nicht ein, sich zu verteidigen, er redete fortwahrend in sich hinein,
es
set unmdglich, daB dies sich wirklich ereignen werde.
Es ereignete sich aber.
,,Buick dich", sagte Herr Lehmann unerregt, doch Borbe konnte nicht
ge-
horchen.
,,Biick dich!" h6rte er Herrn Lehmann strenger sagen, und auf einmal
fiihlte
er die kalte Hand hart und fest im Nacken und sich heruntergedrilckt.
Der Stock traf ihn pfeifend mit einem durchziehenden wtisten Schmerz,
daB ihm das Geader in den Schlafen fabt platzen wollte, und brannte schnei-
dend nach, schon kam der nachste Schlag, der uibernachste und wieder einer,
Borbe schrie, daB es ihm im Kopfe drohnte und die rotlich iiberflimmerten
Augen herausspringen zu wollen schienen, wahrend ihn wieder und wieder
der klatschende, schnittige, sengende Schmerz traf und er sich an der ge-
ztichtigten Stelle mehr und mehr wie blutig zerhackt vorkam.
Endlich horte Herr Lehmann auf, er beugte sich tief hinab, schob den Stock
ins unterste Fach zurtick und redete, die Wandttlr zudruickend, voller Gleich-
mut, doch Borbe horte nicht ein Wort, sein hingerissenes Schluchzen, der
nachbrennende Schmerz und ein abgriindiger Eke!, der ihm wie fMr immer
im Halse stak, machten ihn taub. Er fihilte sich an der Schulter hinaui-
geschoben, und der hohe, schmale Ttirflilgel schloB sich hinter ihm.
HEINRICH MANN
Einer der entechlossensten Vorkampfer
tir eine deutsche Demokratie; er wurde
1871 in Lilbeck geboren und schrieb, nach
mancherlei Reisen ins Ausland in Miln-
chen ansassig geworden, seine ersten Ro-
mane ,,Schlaraffenland", ,,Die Gdttinnen",
,,Die kleine Stadt" (nach seinen eigenen
Worten ,das durchaus echte Italien vor
dem Faschismus" schildernd), 1922 den
,,Untertan" (der in sechs Wochen eine
Autlage von 100 000 Exemplaren erreichte
und vor einiger Zeit neu im Aufbau-Ver-
lag erschien) und ,Zwischen den Rassen".
Dazwischen Novellen und Dramen. Dann
entstanden die beiden Romane ,Die Ar-
men" und ,Der Kopf" (1917 und 1925),
ihnen folgten ,,Mutter Maria" und ,Euge-
nie oder die Edrgerzeit", denen sich
einige Bande gesammelter Essays an-
schlossen. ,,Professor Unrat" erreichte als
Ulisteinbuch Massenaunflagen: nacb ihm
wurde ,,Der blaue Engel" (mit Marlene
Dietrich in der Hauptrolle) gedreht. Am
15. Februar 1933 wurde Mann aus der
Deutschen Dichterakademie ausgeschlos-
sen, und ein paar Monate spater wurden
seine Bilcher auf dem Nazischeiterhaufen
verbrannt. Mann lebt jetzt seit sechs Jah-
ren in Kalifornien. Im achtjahrigen Exil
in Frankreich schrieb er seinen ,,Henri
quatre", ein groi3angelegtes Zeitgemalde,
und nach seiner Flucht als unbeirrter
Wegbereiter einer vom Geist bestimmten
demokratischen Politik seine grolle Auto-
Ibiographie ,,Ein Zeitalter wird besichtigt";
aulierdem ,,Hall" und ,Lidice". - Aus
seiner Rede: ,,DER TIEFERE SINN DER
REPUFLIK". lange vor 1933 in Deutsch-
land gehalten, geben wir einige Satze
wieder, die auch heute Gtlltigkeit haben:
Von jeher haben so manche Personlichkeiten von groB3r sozialer Macht-
stellung, sich Demokraten genannt. Sie taten es wohl, weil gerade ihnen
auch die Machte des Geistes vertraut sind und die groBe Gefahr, sie zu leug-
nen, ihnen bewulit ist. Solche auch geistig hochstehende Demokiaten glauben


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