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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Joe Lederer,   pp. 103-104 PDF (592.5 KB)


Page 103


JOE LEDERER
lebt selt 1939 in London; sie emigrierte  schriebener lebensechter Unterhaltungs-
1933 nach China und fihr von dort Ober  romane (u. a. ,Drei Tage Liebe",
,,Blu.
1sterreich und Italien nach London. Den  men fir Cornelia" und ,,DAS
MkDCHEN
eutschen Lesern ist sie in guter Er-  GEORGE"). Aus ihrem zuletzt genalinten
inneruag durch eine Reihe vor 1933 ge-  Roman geben wir hier eine Probe wieder:
Marie war zu einer Unterredung in die Schule gebeten worden.
,,Frau Bruckner, Ich michte mit Ihnen fiber Ihre Tochter sprechen."
Die Lehrerin war ein alteres, blutarmes Madchen mit Brillenglasern und
einer Gretchenfrisur.
Wahrend sie sprach, rieb sle die Fingerspitzen aneinander und htistelte.
Als kleines, verhungertes Arbeiterkind hatte sie das bei einer vornehmen
Dame gesehen und nie mehr vergessen konnen.
..Ja, also Ihre Tochter... ich bin der Meinung, daBS sle eine gro~e Zukunft
vor sich hat."
Marie horte andachtig zu und sagte kein Wort.
,,Sie ist auBergewohnlich begabt. Ich hatte niemals eine Schillerin, die
nur
annahernd . . ."
Das Fraulein schob die Brille zurecht und lachelte Marie mit zusammen-
gezogenen Lippen an. ,,Sie konnen sich denken, verehrte Frau Bruckner,
daB ich in dieser Beziehung Erfahrung habe! Mein Gott, unfehlbar ist man
ia schliellich nicht. Aber man macht sich sein Urteil, hat das Auge dafur...
Ja, ich sage, man bildet sich eben seine eigene, kleine Meinung."
,.Sie sind zu bescheiden", sagte Marie und neigte hoflich dcn Oberkorper
vor.
Das Fraulein wehrte ab und hlistelte.
..Vbrigens hat der Herr Direktor melner Ansicht zugestimmt. Der Herr
Iirektor hat sich ausdruicklich in diesem Sinne geau3ert, Frau Bruckner!
George 1st zwar unordentlich, eigensinnig - leider muB3 ich das sagen -,
aber diese Intelligenz, diese Auffassungsgabe . . . Kommt es Ihnen ubertrieben
vor, wenn ich wage, von einer Grazie des Verstandes zu sprechen?"
,,Ohl" magte Marie und sonst nichts. Aber sie hatte Tranen in den Augen.
Sie weinte leicht seit den letzten Monaten.
Das Fraulein massierte die Fingerspitzen und neigte den Kopf.
,,Ich darf also annehmen, daB Sie einwilligen?"
,,Wozu ?" fragte Marie. Sie war verwirrt und ger.ihrt, die Gedanken
schwammen ihr mit den Tranen fort.
,,DaB Ihre Tochter ins Gymnasium eintritt."
Marie wurde langsam wach.
,,Wie lange geht man ins Gymnasium?"
,,Acht Jahre. Und dana naturlich auf die Universitat."
Marie bekam rote Flecken auf den Wangen. Sie hatte eine aufregende
Addition begonnen.
,,Ich glaube, ich glaube - es wird nicht gehn, Fraulein."
,,Warum?" fragte das Frdulein spitz.
,,Nein, es geht absolut nicht", sagte Marie, denn die Addition war jetzt
fertig geworden. So viele Jahre, was das kostete! Und das Geschaft
ging nicht gut. Gott weiB, was in die Kunden gefahren war. Sie kamen eimr
fach nicht mehr.
,,Frau Bruckner, wenn Ihnen das geringe materielle Opfer zu groB ist...
Es ist eine sittliche Pflicht, dieses schone Talent zu fordern tJnd Bildung,
10.


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